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Caroline Wahl im Gespräch mit Jan Ehlert | © Photo: Bruschek
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Göttinger Frühjahrslese

Mit »Windstärke 17« nach Göttingen: Caroline Wahl bringt die ganze Sheddachhalle zum Lachen

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Caroline Wahl zu Gast in der Sheddachhalle
von Marie Bruschek, erschienen am 25. März 2025

Wasser als Sehnsuchtsort – dieses Motiv zieht sich durch die Romane von Caroline Wahl. In »22 Bahnen« findet Tilda Trost im täglichen Schwimmen im Freibad, während ihre Schwester Ida in »Windstärke 17« auf der Insel Rügen Zuflucht sucht. Am 23. März liest Wahl aus Zweiterem in der Göttinger Sheddachhalle – zwar weit weg vom Wasser, aber vor einem begeisterten Publikum. Rund 600 Zuhörerinnen und Zuhörer verfolgen den Abend mit der Bestsellerautorin im Gespräch mit dem Podcasthost Jan Ehlert gespannt. Besonders viele junge Frauen sind gekommen und feiern die gerade einmal 30-jährige Wahl mit viel Applaus.

Moderner Geniekult

2012 spielt der erste Roman, »Windstärke 17« wiederum setzt 2022 die Geschichte fort. Während Tilda inzwischen in Hamburg lebt und zwei Kinder hat, ist die 21-Jährige Ida inmitten einer emotionalen Extremlage. Die alkoholkranke Mutter hat überdosiert, in Ida wüten Gefühlsstürme, ein „Wutklumpen” sitzt fest in ihrer Magengrube. Also haut sie ab, landet auf der Insel Rügen, Ostseeidylle. Die in »22 Bahnen« so innige Schwesternbeziehung erscheint nun höchst dysfunktional. Dazu sagt Wahl: „Ich war davon auch überrascht, dass das so gestört wird.” 

Sie inszeniert sich im Gespräch mit Ehlert so, als unterlägen die Romane nicht ihrer Macht, die Charaktere werden wie reale Personen behandelt. „Ich habe die Figur und die Ausgangssituation, mehr weiß ich nicht” oder „Tilda hat nun mal damals so entschieden.” Dennoch sieht Wahl ihren Erfolg als berechtigt, das Schreiben sei der richtige Weg für sie. Das passt nicht ganz zusammen: die Inszenierung als Genie, sowohl die als hart arbeitende Schriftstellerin will die 30-Jährige in ihrem Image verbinden. Ihr Leben sei jedoch angenehm, sie lebt ein „Erwachsenenleben, wie man es sich als Kind vorstellt: mit dem Cabrio ans Meer fahren, so lange schlafen, wie man will, so fünf Stunden am Tag arbeiten.”

Jan Ehlert brilliert dabei als Moderator: gekonnt leitet er zwischen den Fragen und Themen hin und her. Auch Wahl scheint sich auf der Bühne wohlzufühlen. Zwischen den Fragen liest sie Sequenzen aus dem Roman vor, schmunzelt dabei aber auch selbst: „Ist schon doof, wenn man über seine eigenen Witze lacht“, sagt sie, und die Sheddachhalle lacht mit ihr mit.

Cool, rau, berührend, witzig 

Das Wasser als Sehnsuchtsort, das spricht auch Ehlert direkt an. Wahl präferiert klar das Meer dem Gebirge, und weil ihre Figuren ihr immer nah seien, ginge es ihnen wohl ebenfalls so. Auf Rügen war sie zum Zeitpunkt des Schreibens noch nie. Stattdessen wurde zeitweise auf Bali getippt: die Matcha-Latte trinkenden Urlauber und Mütter mit silbernen Brotdosen im ICE, über die sich Wahl so gerne lustig macht, scheinen nicht so weit entfernt von ihrem Lebensstil zu sein. Allgemein ist Humor Mechanismus für sie, um die schweren Themen ihrer Romane zu verarbeiten. In einem anderen Interview fasste sie »Windstärke 17« in drei Wörtern zusammen: „Cool, rau, berührend.” Ehlert möchte dazu eines ergänzen: „witzig.” 

Im starken Kontrast dazu steht die Szene, wo Ida ihre Mutter tot auffindet: Die so große Halle ist auf einmal still, als Wahl vorliest, dass die junge Frau seither jede Nacht gedanklich wieder an der Türschwelle steht. Verfolgt von diesen Albträumen stauen sich in ihr die Emotionen auf, doch auf Rügen trifft sie auf Menschen, die ihr helfen: Knut, Marianne und Leif. Vor allem die ersten beiden sind unangefochten gute Menschen. Hätte Ida nicht auch auf Personen mit schlechtem Einfluss treffen können? „Nee, das macht ja keinen Spaß”, erwidert die Autorin darauf. Laut Ehlert kommen immer die guten Seiten der Menschen in ihren Texten hervor, Wahl dazu: „Mir gibt das Schreiben Hoffnung. Und so geht es vielleicht auch den Lesern. Trotz der Schicksalsschläge finden Tilda und Ida zurück zu den schönen Seiten des Lebens.”

Kein Text ohne heteronormative Beziehung

Etwas stereotyp sind die vorgelesenen Sequenzen aber doch. „Selbstbedienungskassen sind echt klasse” denkt Ida oder schaut sich Gossip-Magazine voll mit Kardashians und Saftkuren an, alles wird hyperrealistisch beschrieben. Dass Ida nur bei Rossmann, aber nicht Bücher klaut, und aus Prinzip am Bahnhof da raucht, wo es verboten ist, hat offenbar eine belustigte Zielgruppe – aber am Ende reproduziert Wahl hier kulturell längst etablierte Klischees. Und: nur weil Ida dieselben Rossmannprodukte kauft wie die Leserschaft, macht sie das nicht direkt für diese nahbarer.

Enttäuschend ist jedoch Wahls Einstellungen zu heteronormativen Beziehungen. Tilda selbst kämpft in »22 Bahnen« darum, dass es keine Romanze ist: „Das sollte nie eine Liebesgeschichte werden”, denkt sie, stattdessen stünden die Schwestern im Fokus. Doch: Wahl gibt zu, auch die romantische Ebene sei ihr wichtig. Damit untergräbt sie ihren eigentlich feministischen Ton. „Manchmal kommt ein Typ um die Ecke, da kann man sich nicht wehren!”, so die Autorin, wohl auf Fiktion und Realität bezogen. Auch in ihrem dritten Buch – gerade im Lektorat –, das literarisch ganz anders sei, sei ein Mann ins Bild gerutscht. Wieso sich die junge Frau, die mit ihrer offenen Ambition und Fokus auf weibliche Figuren feministisch zu arbeiten zu scheint, sich so untergräbt, ist unklar. Diese Ohnmachtshaltung stört ihr sonst so sorgsam gearbeitetes Image. 

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