In den meisten Fällen ergibt nicht rein das Kunstwerk, sondern ein Cocktail aus Werk, Künstler:in, Umgebung und Präsentation die Pfeiler einer Ausstellung. Im Fall von Klaus Vogelgesangs Auf Karton und ungerahmt im Künstlerhaus Göttingen erfahren die Besucher*innen das Werk an sich und wirklich nur das Werk. Die mit Acryl und Kreide auf 200x250cm Karton geschaffenen großen Gemälde sind ohne Rahmung und ohne besondere Erklärungen ausgestellt. Auf diese Weise eröffnet sich den Zuschauer:innen lediglich das Werk als solches und veranlasst zum Nachdenken.
Neben der Rahmenlosigkeit fallen die Kunsterzeugnisse auch durch ihre bloße Größe ins Auge. In den Räumlichkeiten des Künstlerhauses erhalten die Kreationen Platz um wirken zu können und Raum zur Entfaltung. Auch eben jene Exposition bewirkt eine Hervorhebung des Werkes und wie es Thomas Sterna in seiner Präsentation der Ausstellung erklärt, akzentuiert es den Objektcharakter Malereien.
Einer gewissen Ironie nicht entweichend können fallen zudem die Titel und die Art der Ausstellung ins Auge. Eine der zwei gerahmten Bildgruppen trägt den Titel „10 schmutzige Aquarelle gerahmt“. Da diese jedoch gerahmt, geschützt sind, werden sie vor Schmutz geschützt und tragen dennoch in Abgrenzung zu den ungeschützten Bildern das Attribut „schmutzig“ im Namen. Die aus Acryl und Kreide auf Karton bestehenden 200x2500cm großen Gemälden stellen allein aufgrund ihrer ungerahmten und schutzlosen Art schon eine Aussage. Denn die schutzlosen Gemälde erwirken ein anderes in Beziehung setzen der Betrachter*innen und dem Werk selbst. Das Gemälde als solches tritt stärker in den Vordergrund und steht für sich allein. Ferner tritt der Künstler Vogelgesang in ein anderes Verhältnis zu den Besucher*innen, denn aufgrund der schutzlosen Werke gibt er ihnen eine Art Vertrauensvorschuss und stellt das bloße Werk in den Vordergrund.
Die Rahmenlosigkeit ist nicht nur eine Schutzlosigkeit im Sinne des Schutzes vor Dreck, vielmehr eine Art Umschließung und Umrahmung. Der Rahmen stellt eine Ummantelung und somit eine Abrundung des Gemäldes dar, grenzt gar das Werk von den Umliegenden ab. All jenes fehlt und lässt das Gemälde nackt und entblößt dastehen. Vogelgesangs Kreide-Acryl-Werke benötigen keine Abrundung oder einen Schutz, sie können für sich stehen.
Auch wenn sich oftmals keine Menschen erkennen lassen, können stets menschliche Züge in den Bildern vernommen werden. Die dargestellten oder nur angedeuteten Menschen in einer irrealen, überirdischen Umgebung eingebettet bieten neben viel Raum zur Spekulation auch eine Verbindung zwischen menschlichem und dem Anderen, dem Unbegreiflichen. Meist werden symmetrische Formen verwendet. Die zumeist in dunklen Farben gestalteten Bilder, lassen die Gemälde schwer und düster wirken und erzeugen eine tendenziell melancholische Stimmung. Demgegenüber veranlassen die warmen und hellen Farben eine beschwingende, aufhellende Leichtigkeit. Jene Wärme bedingt den melancholischen Gefühlen konträr stehenden etwas Hoffnungsvolles und Aufbauendes.
In Anlehnung an die Bilder bieten auch die Überschriften Freiraum zur Spekulation und Interpretation. Diese Offenheit und Distanz wird durch die eher private und persönlich gehaltene Art der Aufbereitung durchkreuzt und steht dieser konträr gegenüber. Eine sowohl künstlerisch als auch kuratorisch ansprechende und interessante Ausstellung, welche in mannigfaltiger Weise mit Platz zu Entfaltung aufwartet.