Ein mangelhaftes Gegenstück des Mannes. So wurden Frauen in der Antike betrachtet. Dieses unterdrückte und unterwürfige Frauenbild wurde in vielen Mythen früherer Zeit vermittelt, weitergegeben und reicht leider bis in die heutige Zeit. Das Ensemble »Barock_Plus« hat sich zur Aufgabe gemacht, dieses verquere Bild durch die Selbstbestimmung der Frau mit Hilfe ihrer musikalischen Interpretation zu ersetzen und dem altertümlichen Bild entgegenzuwirken.
Am 14. Mai konnte man das kreative Konzertprogramm »Daphne und die Selbstbestimmung der Frau« mit dem Ensemble »Barock_plus« in der evangelisch-reformierten Gemeinde im Rahmen der Internationalen Händel-Festspiele Göttingens erleben, in der zwischen Kompositionen von unter anderem Georg Friedrich Händel auch weiblichen Komponistinnen eine Bühne gegeben wurde.
Ausgangspunkt des Konzertes ist der durch Ovid überlieferte Mythos »Apollo und Daphne«, in dem sich der Gott Apollo unsterblich in die schöne Nymphe verliebt und sie bedrängend begehrt. Daphne – die diese Liebe nicht erwidert – sieht keinen anderen Ausweg, als ihren Vater darum zu bitten, sie in einen Baum zu verwandeln, um den Annäherungen Apollos zu entfliehen.
Das 2022 gegründete Ensemble, bestehend aus vier Musiker:innen , namentlich Tabea Wink (Blockflöte), Marie Erndl (Blockflöte), Anna Rudolph (Violincello) und Dominik Heidl (Cembalo), boten ein vielseitiges Programm, indem sie barocke Kompositionen mit modernen Ansichtsweisen verknüpften und vor allem der weiblichen Perspektive Raum gaben.
Während in der im 17. Jahrhundert gerne gesungenen Ballade »When Daphne from fair Phoebus did fly« durch Sprecheinlagen wie „mein Körper gehört mir“ und „du brennst und bittest vergebens“ die klagenden Töne des Cembalos und des Cellos noch kritisch eingeordnet wurden, entwickelte sich im Verlauf des Konzertes eine andere Richtung. Die Emanzipation wurde im Kontrast zu den langsameren und ruhigen Tönen durch heitere Melodien vorgestellt.
Besonders belebend für das ausgewählte Programm waren die Werke der Komponistinnen, die zu ihrer Zeit nicht immer die verdiente Würdigung erhielten und sogar unter Pseudonymen veröffentlichen mussten. Werke wie »Nr. 12 op.16« von Isabella Leonardo oder auch »Sonate d-Moll für Violine und Basso continuo« von Elisabeth Jacquet de La Guerrero bereicherten mit ihrer leichten Eleganz, die besonders durch die Flöten hervorgerufen wurden.
Die verschiedenen Blockflötenarten standen innerhalb des Konzertes immer wieder im Mittelpunkt und trugen die Melodien des Abends. Mit viel Leidenschaft wurden sie gespielt, was besonders durch die spielerische Interaktion der beiden Flötistinnen zum Ausdruck kam. Besonders ist hier jedoch das Blockflöten-Solo »Doen Daphne d’over schoone maeght« von Jacob van Eyck, gespielt von Maria Erndl zu erwähnen. Das von einer Empore der Kirche gespielte Stück überzeugte durch seine komplexe Technik insbesondere in Bezug auf Fingerfertigkeit und Atemkontrolle.
Doch nicht nur die Blockflöten erhielten ihre wohlverdiente Aufmerksamkeit. Denn auch das Cello konnte mit gefühlvollen Passagen überzeugen, die die emotionale Tiefe aufgriffen, während das Cembalo mit dem virtuosen Solo »Daphne« von Giles Farnabay und einer harmonischen Begleitung glänzen und schließlich das Publikum begeistern konnte.
Durch das Konzert des Ensembles »Barock_plus« wurde der Mythos Rund um Daphne durch das Zusammenspiel der verschiedenen Stücke neu geschrieben. Nicht nur ihr, sondern auch den Musikerinnen in der männlich geprägten Zeit des Barocks wurde dadurch eine Stimme gegeben, die Hoffnung auf eine gänzlich selbstbestimmte Zukunft machen. „Facettenreich und magisch“ ganz nach dem Motto »Kaleidoskop« der Händefestspiele ist diese Hommage an Georg Friedrich Händel gelungen und zeigte, dass das Streben nach Gleichberechtigung auch ein Nährboden für inspirierende Neuinterpretationen alter Geschichten und barocker Musik geworden ist.