„Harmonien des Glaubens“ ist das Thema der 34. Internationalen Fredener Musiktage. Sie sind am Sonnabend mit einem Konzert mit spanischer Musik des 15. und 16. Jahrhunderts eröffnet worden, dargeboten von dem spanischen Vokal-Instrumental-Ensemble Musica Ficta & Ensemble Fontegara: ein Abend unter dem Motto „Anima e Corpo“ (Seele und Körper). Die zumeist schlichten, nichtsdestoweniger ausdrucksstarken und anrührenden Lieder und Tänze haben das Publikum nachhaltig begeistert.
Musica Ficta ist ein auf frühe spanische Musik spezialisiertes Ensemble, das der Schlagzeuger Raúl Mallavibarrena 1992 gegründet hat. Er ist ebenfalls Gründer und Leiter des Ensembles Fontegara, dessen Name auf ein 1535 erschienenes Lehrbuch des kunstvollen Flötenspiels zurückgeht. Die Besetzung von Musica Ficta wird offenbar auf die Anforderungen eines Projekts zugeschnitten. In Freden waren es die beiden spanischen Sopranistinnen Rocío de Frutos und Paloma Friedhoff. Ihnen zur Seite standen fünf Instrumentalistinnen und Instrumentalisten vom Ensemble Fontegara, die Blockflötistin Tamar Lalo, Uxía Delgado an der Vihuela (ein der Gitarre ähnelndes spanisches Lauteninstrument), María Saturno an der Viola da Gamba, Enrique Pastor an der Laute sowie Raúl Mallavibarrena als Perkussionist.
Ihr Programm hatten die spanischen Gäste in vier Blöcke gegliedert, „Historie“, „Leben“ und „Andacht“ vor der Pause, sodann „Kriege“ und zum Schluss „Seele“. Eindeutige Zuschreibungen zu Komponisten gab es nur im Abschnitt „Andacht“ mit Werken von Luis de Milán, Francisco Guerrero, Juan del Enzina und Tomás Luis de Victoria, fast alle anderen Stücke sind anonym überliefert und trugen deshalb die etwas unscharfe Bezeichnung „traditionell“. Was nicht bedeutet, dass es sich dabei ausschließlich um Volkslieder gehandelt hat.
Doch die Schlichtheit vieler dieser Stücke wies in der Tat auf einen möglichen Ursprung in der Volksmusik hin. Und das genau gab diesem Abend seinen besonderen Reiz, der zugleich, wenn man genau hinhörte, auf das aktuelle Fredener Thema „Harmonien des Glaubens“ verwies. Denn im 15. und 16. Jahrhundert gab es auf der iberischen Halbinsel drei Religionen, die christliche, die jüdisch-sephardische und die muslimische, die lange Zeit nebeneinander in Harmonie existierten und in lebhaftem kulturellem Austausch standen, bis die Inquisition dieses Miteinander brutal beendete.
Denn tatsächlich gab es in den aufgeführten Stücken immer wieder kleine orientalische Melismen sowie Tonleiterstrukturen, die von den zu dieser Zeit in Zentraleuropa üblichen abwichen. Dass diese Merkmale nicht etwa herausstachen, sondern sich ganz unauffällig in den natürlichen musikalischen Ablauf einfügten, zeigt, wie eng sich diese Kulturen einander angenähert, sich aneinander bereichert hatten.
Die Lieder waren mal ein-, mal zweistimmig, wobei das etwas schärfere, helle Soprantimbre von Rocío de Frutos einen belebenden Kontrast zu der wunderbar runden, weicheren Stimmfarbe von Paloma Friedhoff erzeugte. Sie wirkten – im Sitzen singend – nicht wie Solistinnen an der Rampe, sondern fungierten als Kammermusikpartnerinnen der Instrumente. Das wurde durch den Stil der Arrangements unterstrichen, wenn in den Liedern bisweilen eine Strophe nicht gesungen, sondern zur Abwechslung von der Blockflöte gespielt wurde. Für die harmonische Füllung waren Vihuela und Gitarre zuständig, für das Bassfundament die Viola da Gamba. Etlichen Stücken verlieh Raúl Mallavibarrena mit seiner improvisierten Perkussions-Begleitung rhythmischen Nachdruck.
Was diesem Abend ein wenig fehlte, waren größere Unterschiede: Die Tempi und die Lautstärken variierten nur in einem kleinen Bereich. Mal ein schnelleres Stück, mal ein besonders leises, vielleicht auch einmal ein temperamentvoll-lautstarker Ausbruch hätten dem Ablauf gut getan.
Inhaltlich ging es vor allem im Abschnitt „Andacht“ um Geistliches, aber auch um Liebe, Sehnsucht, Herz und Schmerz, um blühende Rosen und andere Blumen, um König Nimrod und um himmlische Freuden. Bewegend: das Lied um Leid im Krieg („Warum weinst du, weißes Mädchen“), mit dem Rocío de Frutos die zweite Hälfte des Abends eröffnete, unbegleitet singend und dabei von hinten durch den Mittelgang bis zur Bühne schreitend. Besonders anrührend war auch das zärtliche, sanfte Schlaflied „Durme, durme“.