»Alice im Wunderland« in Bad Gandersheim | © Clemens Heidrich
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Gandersheimer Domfestspiele

In einer Theaterwunderwelt mit Spielfiguren

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Premiere von »Alice im Wunderland«
von Tina Fibiger, erschienen am 13. Juni 2024

Alice möchte jetzt Tomaten und Kartoffeln von einem Baum pflücken. Die Baumkrone kann bestimmt auch nach Bratensauce riechen statt nur nach grünen Blättern. In der Fantasie ist schließlich alles erlaubt und dort ist einfach viel mehr los als in der oft so langweiligen Realität. Da können Hauslehrerinnen und Kindermädchen noch so viel mahnen. Den Spaß können sie Emily Seuberts Alice und ihrem Plüschgefährten Lucifer nicht nehmen, wenn es darum geht, Tatsachen zu veralbern und sie munter umzudeuten, um sich mit ihnen auf der gartengrün herausgeputzten Bühne mit Rasenteppich und Kletterbäumen zu verträumen. Und obwohl noch kein weißes Kaninchen über die Spielfläche huscht und mächtig in Eile scheint, stellt sich schon ein bisschen Wunderlandstimmung ein. Mit spielerischem Vergnügen entfaltet sich das Kinder- und Familienstück zum Auftakt der Gandersheimer Domfestspiele und lässt bereits ahnen, dass es dabei zu vielen schönen Turbulenzen kommt und noch mehr Spaß mit „Alice im Wunderland“ auf einer abenteuerlichen Traumreise.

Auch in der Bühnenfassung von Lewis Carrolls fantastischer Erzählung, die Sarah Speiser und Jennifer Traum so fantasiereich erforscht haben, sind ziemlich merkwürdige Gestalten unterwegs. Aber die müssen keineswegs alle verstanden werden, weil auch sie sich im Traum nicht an irgendwelche Regeln halten müssen. Natürlich macht sich Alice ihre Gedanken, warum ihr Plüschgefährte Lucifer sich jetzt Dina (Theresa Löhle) nennt und Beide sich wie verwandelt fühlen, nachdem sie in einen Kaninchenbau gefallen sind. Oder dass in dieser unbekannten Umgebung große Türen sprechen und kleine Türen anfangen zu kichern, wenn jemand an sie klopft und scheinbar ziemlich kitzlig sind. Dann sind Niklas Brunner und Luca Baier als „Dideldum“ und Dideldei“ mit magischem Naschwerk zur Stelle oder mit Puppen, wenn sich Alice und Dina plötzlich als Winzlinge erleben, oder sie verwandeln sich in große Katzenaugen So viel seltsamer als dieses eilige Kaninchen (Eva Loska), dass eine riesengroße Armbanduhr schultert, sind sie im Grunde auch nicht, so wenig wie die Raupe (Ann-Charlotte Wittmann) in ihrer eindrucksvollen Tüllrobe mit den vielen roten Händen, die den beiden Reisenden zwei Wege durch das Wunderland und vielleicht sogar zurück nach Hause deutet.

Das Wunderland als Ort zum Staunen macht auch besonders viel Spaß, weil dort einfach alle Nichtgeburtstage gefeiert werden, damit es an 364 Tagen lecker Torte zum 5 Uhr Tee gibt und das in der vergnüglichen Gesellschaft von Hutmachern (Paul Schaeffer), Schlafmäusen (Noraleen Amhausend) und Märzhasen (Stefan Stara), die die beiden Abenteurerinnen auf ihr dreistöckiges Tortenparadies einladen und schon das nächste Abenteuer ahnen lassen: Die Begegnung mit dieser ziemlich herrschsüchtigen Herzkönigin ( Jessica Troja), die gerne Köpfe rollen lässt, beim Kricketspiel schummelt und ohne Erdbeertörtchen noch ungenießbarer ist.

Fast alle SchauspielerInnen in diesem Wunderlandszenario sind mehrfach besetzt in immer wieder neuen Verwandlungen zu erleben Doch das keineswegs nur als Phantasiefiguren, die jetzt seltsam, verrückt, bedrohlich oder auch hilfreich reagieren. In manchen spiegeln sich dann Eigenschaften, die in der Verwandlung immer vertrauter anmuten. Als Vater versteht Paul Schaeffer die kleinen Verrücktheiten seiner Tochter Alice, der dann als Tür auftritt und ihre Neugier ein bisschen ausbremst, um sie als Hitmacher wieder zu ermuntern. Die herrische Seite, die Jessica Rochas Kindermädchen schon ein bisschen anklingt, kommt dann in ihrer Herzkönigin umso dramatischer zum Zuge. In Noraleen Amhausends „Schlaufmaus“ schlummert auch eine muntere Gestalt, die dann in ihrer „Grinsekatze“ zum Vorschein kommt. Und dass Stefan Storas „Märzhase“ sich lieber anpasst, anstatt irgendwelche Mutproben zu riskieren, spiegelt sich dann in seinem „Herzbuben“ wider, der seiner Herzkönigin dann um so devoter zur Seite steht, wenn sie unrecht hat und umso wütender poltert. Da muss erst eine mutige Alice Widerspruch einlegen und den herrschaftlichen Aufruhr eben auch mit Fantasie besänftigen. An zwei Erdbeertörtchen-Tagen, die alle Wunderlandbewohner genießen können, findet sogar die Herzkönigin Gefallen, so dass es im Wunderland sogar noch zu einem kleinen Wunder kommt.

Herrlich verspielt ist dieses Theaterwunderland, dass sich in der Inszenierung von Sandra Becker und Moritz Fleitner entfaltet. Dass es sich um Spielfiguren handelt, mit denen sich alles träumen und imaginieren lässt, was spannend, abenteuerlich, lustig und auch ein bisschen verrückt anmutet, illustrieren nicht nur die zauberhaft bezaubernden und verrückten Kostüme, sondern auch in der Bühnenausstattung. Wenn sich Alice im Garten verträumt hat, werden aus Rasenteppich und der grünen Wand vor dem Stiftskirchenportal schwarz-weiße Spielflächen. Manche erscheinen in manierlichen Quadraten und andere eben auch in Schräglage, leicht verschoben und mit Linien, die sich in alle Richtungen schlängeln, weil auch hier die Fantasie im Spiel ist, die sich nicht an Regeln und Vorschriften halten muss. Und wenn dann noch die begeisternde Spielfreude des Ensembles ins Spiel kommt, kann sich nicht nur das junge Publikum mit „Alice im Wunderland“ wunderbar fröhlich verträumen.

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