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Gabriel von Berlepsch, Roman Majewski, Tara Helena Weiß, Nathalie Thiede | © Photo: Thomas Müller
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Deutsches Theater

Höfische Maskierung: Büchners Illusion der Freiheit

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Zur Premiere von »Leonce und Lena« in der Inszenierung von Tanju Girişken
von Antonia Fiege, erschienen am 21. Oktober 2024

Gesellschaftskritik, Sinnkrisen und die Frage nach Determinismus und Schicksal. Das sind nur ausgewählte Motive, welche das eindrucksvolle literarische Vermächtnis des Schriftstellers Georg Büchner charakterisieren. Bereits 1836 warf dieser mit seinem komödiantischen Drama des Vormärz »Leonce und Lena« Kontroversen auf, die vor allem die Monarchie und die absurd starren Strukturen des höfischen Lebens infrage stellen. Dass solche Themen nach fast 200 Jahren aktueller denn je sind und immer noch funktionieren, zeigte sich am 19. Oktober bei der Premiere von »Leonce und Lena« im Deutschen Theater Göttingen. Denn wie die interaktive Befragung des Publikums durch die Darsteller:innen zu Beginn des Stücks indizierte, erfahren nicht wenige Menschen auch heutzutage noch die Bürde der Fremdbestimmung. Regisseur des Stücks Tanju Girişken beschreibt das als ein Erbe, dass die neue Generation nicht antreten will – allerdings ohne Vision, wie es anders gehen kann.

So geht es auch Leonce (Roman Majewski). Der Kronprinz des Königreichs Popo ist gelangweilt, von der Opulenz seines Daseins unbeeindruckt und des höfischen Lebens überdrüssig. Einzig die arrangierte Ehe zu Lena (Tara Helena Weiß), der Prinzessin aus dem Königreich Pipi, resultierend aus den politischen Entscheidungen seines Vaters des Königs (Gerd Zinck), zwingt ihn zum Handeln. Gemeinsam mit seinem treuen Freund Valerio (Gabriel von Berlepsch) flieht er nach Italien, wo er sich seiner Verantwortung entziehen will. Dort verliebt er sich allerdings, ohne es zu wissen, in eben jene Prinzessin Lena, die ebenfalls ihrer Rolle als Thronfolgerin und Ehepartnerin entfliehen wollte. Die letztendlich stattfindende Ehe und scheinbare Vervollkommnung werfen dabei tiefgreifende existenzielle Fragen auf. Bei aller Bemühung um Freiheit und Autonomie – herrscht am Ende doch das Schicksal? Gibt es kein Entkommen vor der Vorsehung, auch wenn sie uns glücklich macht? Und letztendlich: Sind es eigentlich die heteronomen Strukturen der Gesellschaft, die das persönliche Schicksal wie einen einengenden Käfig erscheinen lassen?

Die Kritik an jener gesellschaftlichen Festnahme des individuellen Lebenslaufs wird durch die Regie dabei besonders vielseitig hervorgehoben. Die aristokratische Steifheit sowie ein erhabener Rigorismus werden durch geschwollene und gleichzeitig sinnentleerte Dialoge herausgestellt, was die Absurdität dessen nachdrücklich betont. Das Stück selber bricht hierbei des Öfteren mit der eigenen starren Spielebene, indem die Schauspieler:innen aus ihren Rollen herausfallen, um mit dem Publikum zu interagieren. Ein Aufbrechen der Strukturen ganz im revolutionären Stil Büchners.

Dass jenes Spiel im Spiel so eindrucksvoll gelingt, ist der schauspielerischen Kompetenz der Darsteller:innen zu verdanken. Ob die romantisch-theatralische Darbietung sowie die absurd dramatischen, emotionalisierten Monologe von Leonce und Lena, oder die überzogene, fast schon zwanghaft wirkende Anspannung in der Körperhaltung des Präsidenten (Nathalie Tiede), welcher als eine Verkörperung der eisernen Strukturen der Monarchie zu verstehen ist. In jeder Aktion und Nuance der Schauspieler:innen spiegelt sich der amüsant-mokierende Umgang mit der sozialen Etikette, die selbst Prinzen und Prinzessinnen keine Freiheit gewährt.

Diese Visualisierung gelingt allerdings nicht nur durch die kompetenten Akteur:innen, sondern auch durch die kreative und gewagte Gestaltung des Bühnenbilds (Marlene Pieroth). Das modrige Schwimmbecken, aus dem bereits die Fliesen herausbrechen, ist es, was die königliche Erhabenheit letztendlich unwiderruflich ad absurdum führt. So ist das vornehme Podest, auf welchem die Königsfamilie zu ihren Untertanen spricht, hier der gebrechliche Startblock Nummer 2. Ein Zeichen für die Verkümmerung der gesellschaftlichen Zustände.

Schlussendlich gelingt es allen Mitwirkenden, Büchners Werk fast 130 Jahre nach der Uraufführung mit der gleichen ideellen Wirkmacht zu inszenieren, die es bereits im 19. Jahrhundert vor gänzlich anderen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen besaß. Zwischen komödiantischer Leichtigkeit und tiefgründiger Reflexion bleibt der Inhalt des Stückes also erschreckend aktuell. Die Darbietung eines unterhaltsamen Lustspiels und gleichzeitige scharfsinnige Auseinandersetzung mit den Zwängen der Gesellschaft spiegelt die strukturelle Komplexität dieser und hebt hervor, warum selbst privilegierte Persönlichkeiten wie Leonce und Lena nicht frei von diesen sind, selbst wenn am Ende das Happyend auf sie wartet.

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