Im letzten Jahr gewann das Duo Agion den Preis der Göttinger Händel-Gesellschaft in der Göttingen Händel Competion. Das Preisträgerkonzert damals in der Albanikirche bliebt nachdrücklich in Erinnerung. So wurde das Duo mit Semion Gurevich (Violine und Viola) und der Cembalistin Agnieszka Skorupa zu den Festspielen 2024 eingeladen. Am 19. Mai präsentierte sich das Duo Agion in der Reformierten Kirche mit einem Konzert, dem sie die Überschrift »Tip Your hats: English music between Purcell and Handel«.
Mit ihrem gut durchdachten Programm spannten Semion Gurevich und Agnieszka Skorupa einen Bogen über das Barockzeitalter mit Werken von Purcell, Händel, Geminiani, Croft und Jones, die alle meisterhaft interpretiert wurden.
Das der letztjährige Preis keine Eintagsfliege war, zeigte sich schon in der Eröffnung des Abends: wie Agnieszka Skorupa in Purcells »Ground in c« die schlichte sich wiederholenden Basslinie mit den darüberliegenden Variationen und Melodien entwickelte, erzeugte tiefe Emotion und zeigte große Ausdruckskraft. Das setzte sich im unmittelbar folgenden Violinsolo fort: Semion Gurevich nutzte die Solosonate für Violine des eng mit Händel befreundeten Komponisten Francesco Saverio Germiniani, um eine große Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten zu zeigen. Und auch an dieses Stück wurde nahtlos die nächste Komposition angefügt, obwohl Gurevich noch sein Instrument wechseln musste. Georg Friedrich Händels Sonate in C-Dur für Viola und Cembalo ist eine Bearbeitung eines Werkes, das ursprünglich für Viola da Gamba und Cembalo komponiert wurde.
Dieser gelungene Auftakt des Konzertabends trug unverkennbar die Handschrift des Duo Agion: das Anfang 2022 gegründete und in Berlin ansässige Ensemble spielt nicht nur die historisch informierten Interpretationen Alter Musik auf höchstem Niveau, sondern verbinden die Werke häufig mit Improvisationen und eigenen Arrangements oder Kompositionen. Das geschah auch bei ihrem Auftritt in der Reformierten Kirche: Purcells »Ground in c« setzten sie einen eigenen »Ground in A« gegenüber. Oder vor der wirklich meisterhaft vorgetragenen Cembalosuite Nr. 5 von Händel erklang das von Gurevich komponierte »Prelude in e« - so, als würde es zur Suite dazugehören.
In der abschließenden Sonate op. 2 Nr. 4 a-Moll von Richard Jones zeigte das »Duo Agion« noch einmal sein großes Können und seine besonderen Interpretationsstil: einerseits erklangen meisterhaft gespielte halsbrecherische Koloraturen, andererseits war diese Sonate keineswegs für Semion Gurevich und Agnieszka Skorupa Musik für ein Melodieinstrument mit Begleitung. Die beiden standen ständig im Kontakt, ja geradezu im Gespräch, bisweilen sogar im Streit. Aus dem kleinen Duell wurde jedoch schnell wieder ein Duett.
Das Publikum in der sehr gut besuchten Reformierten Kirche genoss nicht nur die hervorragende Akustik dieses Raumes, sondern vor allem das hoch emotionale und begeisternde Spiel von Semion Gurevich und Agnieszka Skorupa. Das machte sich im Schlussapplaus bemerkbar, denn dieser wollte kaum ende. Das Duo bedankte sich mit einem »Irish Dance« von Henry Purcell. Purcell hat tatsächlich Musik komponiert, die manchmal Einflüsse aus anderen musikalischen Traditionen integrierte, einschließlich irischer Melodien. Wie viel Purcell und wie viel »Duo Agion« jedoch in dieser Zugabe steckte, bleibt das Geheimnis der beiden – die hoffentlich nicht das letzte Mal Gast der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen waren.