Am Sonntagmorgen, dem 21. April 2024, bietet sich beim Betreten der Kirche St. Jacobi in Göttingen ein für Gottesdienste ungewohntes Bild: Hohe Podeste stehen im Altarraum, davor findet ein Orchester Platz. Die Kirche füllt sich schon früh sehr schnell, und wer erst kurz vor 10 kommt, muss auf Stühle in den Seitenschiffen ausweichen. Zum Gottesdienstbeginn gleicht das Bild einem gut besuchten Konzert: St. Jacobi hat zum alljährlichen Sing Along-Gottesdienst im Vorfeld der internationalen Händelfestspiele geladen.
Seit vielen Jahren bietet der stets neu gegründete Tageblatt-Chor sangesfreudigen Göttinger:innen die Möglichkeit, selbst auf dem Podest der Händelfestspiele zu stehen, und das Jugend-Sinfonie-Orchester-Göttingen tritt in die Fußstapfen des FestspielOrchesters Göttingen. In einer kurzen Probenphase haben Michael Krause (Tageblatt-Chor) und Daniel Eismann (Jugend-Sinfonie-Orchester) Auszüge aus dem Festival-Oratorium „Israel in Egypt“ (HWV 54) einstudiert. Und um 10 Uhr an diesem Sonntagmorgen ist das Bild für die Gottesdienstbesucher:innen komplett: Ca. 80 Sänger:innen aller Altersstufen bieten zusammen mit dem Jugend-Sinfonie-Orchester Göttingen unter der Leitung von Klaas Stok einen kleinen Vorgeschmack auf die am 9. Mai beginnenden internationalen Händelfestspiele.
Der erste Ton des Gottesdienstes gehört jedoch Kantor Stefan Kordes an der großen Ott-Orgel mit Sigfrid Karg-Elerts (1877–1933) Marche „Nun danket alle Gott“, und auch die Gemeinde darf erst einmal selbst singen und in den Osterchoral „Christ lag in Todesbanden“ einstimmen. Eingebettet in die gottesdienstliche Liturgie der liturgisch geprägten Gemeinde St. Jacobi erklingen Chorus No. 8 und 9 aus Händels Oratorium, welche zwei der 10 Plagen Gottes über Ägypten zum Thema haben. Nach den biblischen Lesungen und einem weiteren Gemeindelied erklingt Chorus No. 10, der schließlich den an die Plagen anschließenden Auszug Israels aus Ägypten besingt.
Pastor Áron Bence betont in seiner Predigt die Aktualität des Themas Befreiung sowohl zu Händels Zeit als auch heute. Unterdrückung, Zwangsarbeit und Flucht sind die Nachrichten prägende Themen. Und auch wenn wir „Ziegelsteine in der Mauer eines unmenschlichen Systems“ sind, können wir trotzdem wie Christus den unterdrückten Menschen Hoffnung und Hilfe in der aktuellen Situation zukommen lassen – und auch Hoffnung und Hilfe auf Veränderung.
Hoffnung und Rettung besingt nach der Predigt auch der Tageblatt-Chor zusammen mit dem Jugend-Sinfonie-Orchester: Chorus No. 12 hat den triumphalen Durchzug durch das Rote Meer zum Inhalt mit der endgültigen Rettung Israels vor den Ägyptern. Der sich direkt anschließende Chorus No. 13 beschreibt den Glauben Israels an ihren Gott durch diese Befreiungstat. Den Musiker:innen machen diese großartig komponierten Szenen eines immer noch aktuellen Themas sichtlich Freude und Klaas Stok gelingt es trotz kurzer Probenzeit, einen beeindruckenden Gesamtklang zu formen, der die Kirche voll ausfüllt. Die Spiel- und Singfreude überträgt sich beim Schlusschoral „Wir wollen alle fröhlich sein“ auch auf die Gemeinde, dem Stefan Kordes mit einem „Halleluja“-Präludium von Franz Schmidt (1874–1939) noch die Krönung aufsetzt – wenn auch nicht von Händel, so doch in seinem Sinn. Der nachfolgende Applaus mit Standing Ovation ist selten in Gottesdiensten, doch mehr als angebracht für diesen eindrucksvollen Vorgeschmack auf Händels „Israel in Egypt“.
Das Festspiel-Oratorium „Israel in Egypt“ (HWV 54) gibt es am 18.05.2024 um 19:00 Uhr in der Stadthalle Göttingen zu hören. Solist:innen musizieren zusammen mit dem NDR Vokalensemble und dem FestpielOrchester Göttingen unter der Leitung von Klaas Stok.