Dafür brauchen sie schon lange vor Konzertbeginn ein glückliches Händchen: bei der Auswahl der zum Vortrag kommenden Stücke. Schon hier beweisen die vier ein untrügliches Gespür für die, hihi, string/ente Dramaturgie der Darbietung, fast ist man versucht, von einer archetypischen Architektur des Abends zu sprechen. Kein Wunder daher, dass Fugen seinen Anfang und sein Ende markieren, denn um im Bild zu bleiben: Wenn Mozart und Ravel die Pfeiler bilden, setzt Beethoven den Schlussstein, der alles zu einem lichten Gewölbe des Wohlklangs fügt. Paradigmatisch hierfür darf ausgerechnet jene Fuge gelten, die der Träger des Ordens vom Goldenen Sporn um einen Halbton von dis- nach d-Moll transponierte. Hier zeigt sich, dass polyphone Strenge und sensibles Sentiment durchaus zusammengehen. Die Geschlossenheit, mit der es den Schlussharmonien eine geradezu mutige dynamische Bandbreite angedeihen lässt, das kompakte Zusammenspiel ist gerade darum so bemerkenswert, weil das Quartett in genau dieser Besetzung vergleichsweise frisch aufspielt: Jelena Katharina Seubert (geb. Galić) wurde erst 2023 von Miki Nagahara an der Violine beerbt.
Gut zwei Minuten lang lässt Maurice Ravel im ersten Satz seiner farbenfrohen Komposition die vier Streicher – im scheinbar naiven Spiel herumtollend – nach dem eigentlichen Thema suchen. Die Melodiebögen, die schließlich gefunden werden, haben auf den klassizistischen Saal am Wilhelmsplatz den gleichen Effekt wie Kupferdraht auf eine Glühbirne: Wessen Gesicht sich bei diesen flehenden Klängen nicht automatisch erhellt, der kann kein fühlend Herz haben. Der Viola, sonst eher auf kecke Kleckse im Gesamtgemälde abonniert, wird zu ihrem Recht verholfen; Ravel lädt sie unüberhörbar dazu ein, gleichberechtigt an der lichten, impressionistischen Komposition mit zu malen. Lilya Tymchyshyn nimmt diese Einladung mit warmem Bogenstrich gleichermaßen dankend und dankenswerterweise an, gereicht damit ihrem Instrument, ehemals im Besitz von Jean-Baptiste Vuillaume und eine Leihgabe privater Eigentümer der Deutschen Stiftung Musikleben, voll und ganz zur Ehre. Vom überraschenden Pizzicato-Einstieg ins etwas unorthodox anschließende Scherzo bis zum russisch rhythmisierten Finale ein kristallklarer Sieg in vier Sätzen, der – im besten Sinne des Wortes – schonungslos mit den Gefühlen der Zuhörenden spielt.
Die Atempause vor dem „eigentlichen Brocken“ wird da gern in Kauf genommen, und dies quasi buchstäblich: Sie ist zugleich eine Trinkpause, denn einer Neuerung bei den Aulakonzerten folgend werden Sekt und Selters verkauft an diesem Champagner-Abend. Der Gewinn kommt in voller Höhe der Göttinger Kammermusikgesellschaft zugute. Wenn dies allein Garant dafür wäre, auch zukünftig Konzerte dieser Qualität präsentiert zu bekommen, man wöllte den betuchten Besuchern raten, nach Möglichkeit nicht nur trunken vor Musik den Heimweg anzutreten.
Bevor es indes soweit ist, nun also Beethovens Streichquartett B-Dur. Ein, wie Professor Jörg Widmann es anlässlich seiner Festrede zur offiziellen Präsentation des Autographs konstatierte, für moderne Komponisten „niederschmetterndes“, „geniales“ Werk. Allerdings darf gefragt werden, wem wohl auf Anhieb eine Komposition einfiele, die so unverkennbar die Handschrift ihres Verfassers trägt und zugleich derart forsch über ihn und seine Epoche hinausweist. Monolith und Mahlstrom zugleich, ein Strudel indes, der mit jeder Umdrehung seinen musikalischen Erben reichlich Goldnuggets zum Abschöpfen bietet. Der fünfte Satz, die Cavatina, hat angeblich Beethoven selbst zu Tränen gerührt, folgerichtig entfährt dem Sitznachbarn im noch verklingenden Schlussakkord ein erleichtertes „Wunderbar!“ Andernfalls müsste man im Adagio molto espressivo einen – nur vermeintlich versöhnlichen – Hinterhalt vermuten, damit die Große Fuge, der Etymologie des Begriffes folgend, uns umso leichter in die Flucht schlagen kann. Aber nein, niemand flieht. Im Gegenteil reißt erst das zufriedene, ja: erleichterte Lächeln Alex Jussows das Parkett aus seiner verdatterten Verstummung, zerreißt die Stille in dankbares Klatschen und euphorisches Stampfen. Wird damit en passant das eigene Privileg gefeiert, dabei gewesen zu sein? Wenn ja, zurecht.