Das Malion-Quartett in der Aula der Universität | © Photo: Michael Schäfer
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Aulakonzert

Engel brauchen keinen Flügel

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Malion Quartett eröffnet Saison der Aulakonzerte
von Jan Hendrik Buchholz, erschienen am 08. Oktober 2025
Es scheint zum Wesen von Genies zu gehören, dass sie einander erkennen. Kaum zu glauben, aber Johann Sebastian Bach war während der Wiener Klassik geradezu verpönt. Kein geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart indes wurde auf sein Werk aufmerksam und adelte fünf seiner Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier mit einer Bearbeitung für Streichquartett. Eben diese fünf Fugen sind es, mit denen am 5. Oktober 2025 die aktuelle Saison der Aulakonzerte eröffnet wird – vom Malion Quartett, welches wiederum durch Daniel Barenboim höhere Weihen erhielt, als dieser verlauten ließ: „In einer Zeit, da junge Streichquartette in großer Zahl aus dem Boden sprießen, nimmt das Malion Quartett eine Sonderstellung ein.“
Ein ambitioniertes Programm ziehen Alex Jussow (Violine), Miki Nagahara (Violine), Lilya Tymchyshyn (Viola) und Bettina Kessler (Violoncello) schon mal aus dem Zauberkasten: Neben dem schon erwähnten KV 405 erklingen Maurice Ravels Streichquartett F-Dur sowie Ludwig van Beethovens Streichquartett B-Dur op. 130 – letzteres gleichsam wiederhergestellt zur die große Fuge umfassenden Ursprungsversion, die der Komponist ob der damaligen Überforderung ihres Publikums sowie der Intervention seines Verlegers ersetzte und als op. 133 nachträglich veröffentlichte. Aber entfalten die Rosshaarbögen in vierzig flinken Fingern auch die Magie von Zauberstäben? Wird das Publikum in der Universitätsaula getreu dem Motto der Saison in „goldene Wolken luftiger Harmonien“ entführt? Dessen Urheber Wilhelm Heinrich Wackenroder konnte zum Zeitpunkt des Erscheinens seiner „Phantasien über die Kunst für Freunde der Kunst zwar allenfalls den Beitrag des Salzburger Wunderknaben kennen, als er schrieb, die Musik sei eine Sprache, „die wir im ordentlichen Leben nicht kennen ... und die man allein für die Sprache der Engel halten möchte. Gleichwohl ist man versucht, dem schönen Gedanken nachzuhängen, er hätte ob der Darbietung des Malion Quartetts konstatiert: Engel brauchen keinen Flügel.

Dafür brauchen sie schon lange vor Konzertbeginn ein glückliches Händchen: bei der Auswahl der zum Vortrag kommenden Stücke. Schon hier beweisen die vier ein untrügliches Gespür für die, hihi, string/ente Dramaturgie der Darbietung, fast ist man versucht, von einer archetypischen Architektur des Abends zu sprechen. Kein Wunder daher, dass Fugen seinen Anfang und sein Ende markieren, denn um im Bild zu bleiben: Wenn Mozart und Ravel die Pfeiler bilden, setzt Beethoven den Schlussstein, der alles zu einem lichten Gewölbe des Wohlklangs fügt. Paradigmatisch hierfür darf ausgerechnet jene Fuge gelten, die der Träger des Ordens vom Goldenen Sporn um einen Halbton von dis- nach d-Moll transponierte. Hier zeigt sich, dass polyphone Strenge und sensibles Sentiment durchaus zusammengehen. Die Geschlossenheit, mit der es den Schlussharmonien eine geradezu mutige dynamische Bandbreite angedeihen lässt, das kompakte Zusammenspiel ist gerade darum so bemerkenswert, weil das Quartett in genau dieser Besetzung vergleichsweise frisch aufspielt: Jelena Katharina Seubert (geb. Galić) wurde erst 2023 von Miki Nagahara an der Violine beerbt.

Gut zwei Minuten lang lässt Maurice Ravel im ersten Satz seiner farbenfrohen Komposition die vier Streicher – im scheinbar naiven Spiel herumtollend – nach dem eigentlichen Thema suchen. Die Melodiebögen, die schließlich gefunden werden, haben auf den klassizistischen Saal am Wilhelmsplatz den gleichen Effekt wie Kupferdraht auf eine Glühbirne: Wessen Gesicht sich bei diesen flehenden Klängen nicht automatisch erhellt, der kann kein fühlend Herz haben. Der Viola, sonst eher auf kecke Kleckse im Gesamtgemälde abonniert, wird zu ihrem Recht verholfen; Ravel lädt sie unüberhörbar dazu ein, gleichberechtigt an der lichten, impressionistischen Komposition mit zu malen. Lilya Tymchyshyn nimmt diese Einladung mit warmem Bogenstrich gleichermaßen dankend und dankenswerterweise an, gereicht damit ihrem Instrument, ehemals im Besitz von Jean-Baptiste Vuillaume und eine Leihgabe privater Eigentümer der Deutschen Stiftung Musikleben, voll und ganz zur Ehre. Vom überraschenden Pizzicato-Einstieg ins etwas unorthodox anschließende Scherzo bis zum russisch rhythmisierten Finale ein kristallklarer Sieg in vier Sätzen, der – im besten Sinne des Wortes – schonungslos mit den Gefühlen der Zuhörenden spielt.

Die Atempause vor dem „eigentlichen Brocken“ wird da gern in Kauf genommen, und dies quasi buchstäblich: Sie ist zugleich eine Trinkpause, denn einer Neuerung bei den Aulakonzerten folgend werden Sekt und Selters verkauft an diesem Champagner-Abend. Der Gewinn kommt in voller Höhe der Göttinger Kammermusikgesellschaft zugute. Wenn dies allein Garant dafür wäre, auch zukünftig Konzerte dieser Qualität präsentiert zu bekommen, man wöllte den betuchten Besuchern raten, nach Möglichkeit nicht nur trunken vor Musik den Heimweg anzutreten.

Bevor es indes soweit ist, nun also Beethovens Streichquartett B-Dur. Ein, wie Professor Jörg Widmann es anlässlich seiner Festrede zur offiziellen Präsentation des Autographs konstatierte, für moderne Komponisten „niederschmetterndes“, „geniales“ Werk. Allerdings darf gefragt werden, wem wohl auf Anhieb eine Komposition einfiele, die so unverkennbar die Handschrift ihres Verfassers trägt und zugleich derart forsch über ihn und seine Epoche hinausweist. Monolith und Mahlstrom zugleich, ein Strudel indes, der mit jeder Umdrehung seinen musikalischen Erben reichlich Goldnuggets zum Abschöpfen bietet. Der fünfte Satz, die Cavatina, hat angeblich Beethoven selbst zu Tränen gerührt, folgerichtig entfährt dem Sitznachbarn im noch verklingenden Schlussakkord ein erleichtertes „Wunderbar!“ Andernfalls müsste man im Adagio molto espressivo einen – nur vermeintlich versöhnlichen – Hinterhalt vermuten, damit die Große Fuge, der Etymologie des Begriffes folgend, uns umso leichter in die Flucht schlagen kann. Aber nein, niemand flieht. Im Gegenteil reißt erst das zufriedene, ja: erleichterte Lächeln Alex Jussows das Parkett aus seiner verdatterten Verstummung, zerreißt die Stille in dankbares Klatschen und euphorisches Stampfen. Wird damit en passant das eigene Privileg gefeiert, dabei gewesen zu sein? Wenn ja, zurecht.

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