Die Bühne Cipolla aus Bremen bewegt sich mit der Inszenierung „Der Untergang des Hauses Usher“ nach Edgar Allan Poe in die düstere Welt der Gruselgeschichten des amerikanischen Autors, die oft von Verzweiflung und Wahnvorstellungen der Protagonisten gekennzeichnet sind. Man durfte gespannt auf die künstlerische Umsetzung des Stoffs sein, auf ein Stück, dass im Rahmen der 40. Göttinger Figurenspieltage im Deutschen Theater gastierte.
Während das Publikum durch die Flügeltüren in den Saal strömt und es sich unter angeregter Unterhaltung auf den Polstersitzen bequem macht, sitzt bereits eine Gestalt mit maskenhaftem Antlitz am Bühnenrand, immer wieder mit einer schweren Kette rasselnd. Auf der Bühne ein aus Pappe, Papier, Plastikfolie, Draht, Gittern und Klebeband zusammengefügtes Ensemble- die Fassade des Hauses Usher. Ein Bühnenbild aus verschiebbaren Elementen, die sich im Folgenden wiederholt verändern und den Blick auf unterschiedliche Räume eröffnen werden.
Die Saaltüren schließen sich und die Zuschauer erwarten das Erlöschen des Saallichts, den Beginn der Vorstellung. Das Saallicht jedoch verlischt nicht. Man wartet, etwas irritiert, als ein vermeintlicher Zuschauer mit lauter Stimme darüber zu sprechen beginnt, nach 30 Jahren einen Brief bekommen zu haben, von seinem alten engen Freund Roderick Usher. Unter weiterem Erzählen schlängelt sich der Schauspieler Sebastian Kautz durch die vollbesetzte Sitzreihe und nähert sich der Bühne, erklimmt die Stufen und steht nun vor dem heruntergekommenen Anwesen der Familie Usher.
Das ist der Moment, in dem das Saallicht erlischt, das Haus zu leben beginnt und den Akteur hineinzieht ins Innere, so wirkt es. Die Fassade öffnet sich und dort liegt, am rechten Bühnenrand, die das Stück bestimmende Figur: Roderick Usher. Sie wird zu Beginn von einer Gestalt mit einer schaurig medusenhafter Maske gesäubert, mit stäubendem Pulver gepudert und im Bett drapiert, wo sie mit Schlafmaske vom besorgten Freund aufgefunden wird.
Es vollzieht sich nun ein wildes Spiel immer grenzend am Wahnsinn, welcher den Hausherrn beherrscht. Sebastian Kauz beginnt dabei ein intensives Zwiegespräch mit der Klappmaulfigur, die Roderick Usher darstellt, während Gero John das Geschehen mit doppelgesichtiger Maske musikalisch gestaltet und untermalt. Dazu bedient er sich ausdrucksstarkem Cellospiels und dem Einsatz technischen Equipments zur Reproduktion und Erzeugung weiterer musikalischer Effekte und Melodielinien. Die Musik unterstreicht, schafft, intensiviert die wechselnden Stimmungen, zwischen welchen der Protagonist changiert. Usher kippt von Depression und Verzweiflung in manischen Aktionismus, unaufhörliches Reden, Selbstanklage. Es offenbart sich der Wahnsinn, die Düsternis, die den Protagonisten quält. Gekonnt verleiht Sebastian Kautz dieser verrückten Figur Ausdruck und Stimme und spricht in seiner Person als Ushers Studienfreund mit ihm. Kautz übernimmt so beide Hauptrollen, die des irrwitzigen Usher als auch die des hilfreichen Freundes, der im Versuch zu helfen selbst zusehends dem Wahnsinn anheimfällt.
Die Gitter des Bühnenbildensembles werden zu den Gitterstäben des Verlieses, in welchem Ushers Zwillingsschwester, Lady Magdalenanah, dem Tode nah von der Gestalt eines Minotaurus als dämonischem Kerkerwächter bewacht wird. Die Ausdrucksstärke dieser, dem Mythologischen entlehnten Figur ist gespenstisch, Maske und Kostüm verleihen dem Spieler ein ungemein machtvolles Auftreten. Es entfaltet sich nun das schauderhafte Tableau der Sturmnacht: der Freund erfährt zum ersten Mal von Ushers Zwillingsschwester Magdalena die der Wahnbesessene zugleich als seine Frau versteht, und das Publikum erkennt die von Inzest geprägte Erblinie der Ushers als weitere Erklärung für Ushers zerrütteten Geisteszustand. Mit Hilfe des Vertrauten wird Magdalena in einer der Kellergrüfte des Hauses aufgebahrt und begraben. Die Freunde versuchen sich nun die albtraumhafte Nacht zu verkürzen, doch alle Versuche, Usher abzulenken, zu einer Tätigkeit zu motivieren oder gar das unheilvolle Schloss zu verlassen scheitern an dessen Hyperästhesie, einer „krankhaften Verschärfung der Sinne“. Kautz versucht hier Usher zu einer Interaktion mit Zuschauer:innen im Publikum zu bringen, was für einige Heiterkeit sorgt, aber erst die volle Tragik des Charakters bloßlegt. Erschrocken, gepeinigt zieht dieser sich zurück und zerfällt in Einzelteile. Beine, Arme, Rumpf verliert die Figur, die als bloßer Kopf das Geständnis, die Schwester lebendig begraben zu haben nicht erträgt. Begleitet von einem Totengeier steigt Usher im neuen Kostüm eines blutroten Pyjamas ebenfalls in Magdalenas Grab. Auch dem Erzähler gelingt es nicht, dem unheilvollen, sturmumtosten Haus zu entfliehen. Hier verlässt die Darstellung Poes Vorlage, als auch der namenlose Freund sich zu den beiden toten Gestalten in den gläsernen Sarg zwängt. Dieses ist eines der stärksten Bilder des Stückes. Auch das Ende weicht von der literarischen Vorlage ab. Zwei Männer in Schutzanzügen reinigen das geborstene Gemäuer von Giftsoffen, den toxischen Überresten des Hauses und des Geschlechts Usher.
Beeindruckend ist die gesamte Darstellung in verschiedener Hinsicht. Bemerkenswert ist die schauspielerische Leistung von Sebastian Kautz, der in zwei Rollen gleichzeitig einen Dialog mit Usher als einer Art Alter Ego führt und seine Stimme dabei so variable benutzt, dass das dialogische Moment ununterbrochen trägt. Gero Johns musikalische Gestaltung verstärkt Stimmungen und begleitet das ganze Geschehen. Durch die Maske, die dem Musiker eine Doppelgesichtigkeit verleiht, wird der Eindruck von unerklärlichem Schauder weiter verstärkt. Die im Bühnenbild verwendeten Baugitter unterstreichen immer wieder das Gefühl von auswegloser Gefangenschaft in eng begrenzten, wenn nicht vergitterten Räumen. Zuletzt ist die Gestaltung der Figuren, Masken und Kostüme von großer Kunstfertigkeit. Die Vorstellung zieht alle Register und zeigt, was Figuren- und Maskenspiel an künstlerischer Freiheit vermag.
Der Applaus am Ende währt lange und aus dem Theater tritt der Zuschauer in eine friedvollere, wenig stürmischere Nacht.