Mit einem Konzert der camerata Freden sind am Sonntag die 34. Internationalen Fredener Musiktage zu Ende gegangen. Das exquisite Programm vereinte Klavier- und Kammermusikstücke mit zwei Vokalwerken. Dabei war Adrian Adlam als Violinist und Pianist zu hören, Thomas Hell als Pianist, der englische Bariton Ashley Riches als Gesangssolist sowie ein Streichquartett mit Adlam, Aleksandra Szurgot-Wienhues (Violine), Miriam Tanase (Viola) und Oliver Mascarenhas (Violoncello).
Thomas Hell eröffnete das Konzert mit der D-Dur-Toccata BWV 912 von Johann Sebastian Bach, bei der er die tänzerischen, heiteren Aspekte dieser leichtfüßigen Musik herauskehrte. Die Klarheit seines Spiels ließ das polyphone Liniengeflecht transparent hervortreten, das anspruchsvolle Passagenwerk bewältigte er mit unangestrengter Virtuosität. Dabei ging es ihm nicht etwa um die penible Befolgung historischer Aufführungspraxis: Er nahm gern hin und wieder Pedal im Dienste der Klangverschönerung und nutzte das Potenzial eines modernen Konzertflügels, um die Lebendigkeit der Bachschen Musik wirksam werden zu lassen.
In eine völlig andere Welt führten Adlam und Hell das Publikum mit der ersten Violinsonate des türkischen Komponisten Fazıl Say. Wobei die Spielfreude, mit der Adlam dieses hier meditativ-zurückhaltende, dort unbändig temperamentvolle Werk interpretierte, durchaus zu Hells Bach-Spiel passte. Zwei geradezu wilde Sätze sowie ein volksliedartiger Abschnitt werden von zwei identischen Sätzen umrahmt, betitelt „Melancholy“. Die extrem unterschiedlichen Charaktere dieser Musik arbeitete Adlam mit einer Fülle von Ausdrucksnuancen heraus.
Demgegenüber ist Puccinis zarte Streichquartett-Skizze „Crisantemi“ auf romantisches Schwärmen ausgerichtet und betörend sanglich in den melodischen Linien, die die vier Musiker mit inniger Empfindsamkeit strömen ließen. Kein Wunder, dass Puccini diese Musik später in einer Oper wiederverwendet hat. Damit hatte das Konzert einen Schwenk in Richtung Vokalmusik vollzogen, was anschließend durch das Lied „Dover Beach“ von Samuel Barber für Bariton und Streichquartett bestätigt wurde. Hier konnte Ashley Riches die Qualitäten seiner resonanzenreichen Stimme mit ihrer satten, fast schwarzen Tiefe eindrucksvoll unter Beweis stellen. Er nutzt seine staunenswerten vokalen Möglichkeiten zu einer höchst prägnanten Textausdeutung.
Drei Bachsche Choralvorspiele für Orgel in der Klavierbearbeitung von Ferruccio Busoni standen am Beginn der zweiten Konzerthälfte. Busoni teilt auf weite Strecken der linken Hand die Pianisten die Töne des Orgelpedals zu, die Organisten mit den Füßen spielen und für die restlichen Stimmen somit immer noch zwei freie Hände haben. Dafür hatte Thomas Hell nun vielfach nur eine Hand zur Verfügung – verbunden mit der nicht einfachen Aufgabe, die Choralstimme dynamisch herauszuarbeiten, die Begleitstimmen dagegen zurücktreten zu lassen. Wenn dies die Finger einer einzigen Hand zu leisten haben, ist dafür schon enorm viel Konzentration nötig. Doch für Hell scheint dies eine Selbstverständlichkeit zu sein, die Stimmverläufe waren glasklar voneinander abgesetzt, der Ausdruck vielfach abgestuft. Einfach meisterlich.
Schuberts Notturno für Klaviertrio bot ein zweites Mal reichlich Stoff für romantisches Schwelgen. Auch hier dürfen Melodien strömend singen, sowohl in den Streichern als auch im Klavier, und werden von den Partnern mit wunderbaren harmonischen Klängen umschmeichelt. Adlam, Mascarenhas und Hell widmeten sich dieser kleinen kammermusikalischen Kostbarkeit mit großer Liebe fürs Detail.
Mit den Vier ernsten Gesängen op. 121 von Johannes Brahms ging es zum Schluss um nichts Geringeres als um die menschliche Existenz, um die Bitterkeit, aber auch die Erlösung im Tod. Adlam strich in seiner Moderation die Bedeutung dieser Liederfolge heraus, die er zu Recht als einen Gipfelpunkt romantischer Liedkunst charakterisierte. Zur Überraschung des Publikums kündigte er eine Besetzungsänderung an: Nicht Thomas Hell, sondern er selbst werde nun den Bariton Ashley Riches am Klavier begleiten.
Riches’ Timbre passt hervorragend zum Ernst dieser Lieder, denen Bibeltexte zugrundeliegen. Die Kraft des Wortes teilt sich in seinem Gesang unmittelbar mit, die Texte erhalten so die Bedeutung und die Größe, die ihnen zukommt. Vielleicht könnte sich der Sänger noch mehr auf die natürliche Gewalt seiner Stimme verlassen. Sie bedarf gar nicht des hier und dort hörbaren Nachdrucks, mit dem er die Passagen formte. Adlam erwies sich als brillanter Klavierspieler, der sich vor seinem Kollegen Hell überhaupt nicht zu verstecken braucht. Er gestaltete seinen höchst anspruchsvollen Part mit derselben Souveränität und musikalischen Finesse, wie man sie von seinem Violinspiel kennt. Die Zuhörer in der voll besetzten Zehntscheune klatschten begeistert. Ein perfektes Festivalfinale.