„Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango,“ zu Deutsch: „Ich rufe die Lebenden, beklage die Toten, breche die Blitze.“ Mit diesen eindringlichen Worten und seinem gewaltigen Klang beschwor der Universitätschor den Geist Friedrich Schillers in der St. Johanniskirche.
Für das große Abschlusskonzert des Sommersemesters haben der Göttinger Universitätschor und das Universitätsorchester unter der künstlerischen Leitung von Antonius Adamske ein imposantes Werk aufgeführt, welches zu Unrecht aus dem Konzertkanon verschwunden ist: Max Bruchs Oratorium »Das Lied von der Glocke« auf das gleichnamige Gedicht von Friedrich Schiller. Das Konzert wurde am 12. und 13. Juli in der St. Johanniskirche aufgeführt, daneben gab es noch eine Einführung mit Podiumsdiskussion zu dem umstrittenen Text von Friedrich Schiller.
Nahezu ausverkauftes Konzert
Der kolossale Klang des Orchesters gepaart mit den kraftvollen Stimmen des Chors lockte besonders viele Besucher:innen, das Konzert am Samstag war schon sehr gut besucht, das am Sonntag war nahezu ausverkauft. Zudem war der Anteil an jungen Besucher:innen auffällig außergewöhnlich hoch. Dies ist zweifellos ein Beweis dafür, auf welch hohem musikalischen Niveau der Chor und das Orchester sich befinden und mit was für einer enormen Ausdruckskraft sie zusammenspielen und –auftreten. Damit kommen natürlich auch sehr hohe Erwartungen vom Publikum, aber alle Mitglieder des Chors und Orchesters blieben hoch konzentriert. Abgerundet wurde das Konzert von den Solisten Lavinia Dames (Sopran), Johanna Krödel (Alt), Sung min Song (Tenor) und Bernhard Hansky (Bass), die das hohe musikalische Niveau der Konzerte eindrucksvoll bestätigten. Dames, Song und Hansky waren auch im letzten Jahr zu Gast bei der Universitättsmusik in der Opernproduktion »Die Perlenfischer« von Georges Bizet.
Lavinia Dames’ Stimme erhellt die Kirche

„Wir waren sehr glücklich, dass wir erneut eingeladen wurden,“ erklärte die gebürtige Göttingerin und Sopranistin Lavinia Dames im Interview mit dem Kulturbüro. „Chor und Orchester klingen richtig wunderbar! Es ist ein unbeschreibliches Ausmaß, man muss schließlich bedenken, dass die Chor- und Orchester-Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Studienrichtungen wie Jura oder Medizin kommen! Es macht richtig Freude ihnen zuzuhören. Diese Atmosphäre überträgt sich besonders auf uns Solisten! Es hat mich enorm glücklich gemacht, dieses Werk mit allen gemeinsam erarbeiten zu können.“ Aber auch international gefragte und hochkarätige Sopranistinnen wie Lavinia Dames müssen so manche Hürden überwinden. „Mein Solo mit unserem Organisten Aaron Triebler war anspruchsvoll, denn hier musste ich besonders ‘auf Gefühl’ singen, da wir uns beide während unserer gemeinsamen Performance nicht sehen konnten.“ Ihren Solopart hat Dames wie nicht anders erwartet aber mit Bravour gemeistert, ihre liebliche und zugleich mächtige Sopranstimme erhellte das komplette Kirchenschiff und harmonierte hervorragend mit den erhabenen Klängen der Orgel. An dieser Stelle ist auch ein großes Lob an Organist Aaron Triebler auszusprechen. Eine solch umfangreiche Orgelpartie in einem Oratorium zu hören ist eher selten.
Überwältigende Klänge und kreative Gestaltung
Natürlich blieben die eigentlichen Stars des Abends die Mitglieder des Unichors und -orchesters. Feierliche Glockenschläge eröffneten das Konzert, bis die Choristen mit ihrer wuchtigen Stimme die anfangserwähnten Worte rezitierten und das Orchester mit majestätischen Blechbläsern einsetzten. Die klassisch-romantische Orchesterbesetzung wechselte zwischen dramatisch-lauten Höhepunkten mit besinnlichen Passagen im Piano und vermittelten oftmals imposanten Filmmusikcharakter. Besonders die gewaltigen Klänge der Pauken und Blechbläser erzeugten eine überwältigende monumentale Atmosphäre. Aber auch die mal schwungvoll-anmutigen, mal nervenaufreibend hektischen Streicher wussten zu überzeugen.
Zudem konnte sich Antonius Adamske bei der künstlerischen Gestaltung richtig austoben. Die Röhrenglocken am Anfang, der Einsatz der Donnermaschine und des Donnerblechs sowie der Glockenklang von St. Johannis am Ende sind Ideen von Adamske, losgelöst von Max Bruchs Partitur. Dazu wurde auch der Chor effektvoll besetzt: Während die Männerstimmen mit kriegerischen Chören imponierten, repräsentieren die Frauenstimmen oftmals Sanftheit und Ruhe.
Intensive Auseinandersetzung mit Schillers Text
Hier zeigt sich aber auch das Problem von Schillers Gedicht, mit dem sich der Chor (in der Podiumsdiskussion und im ausführlichen Programmheft) intensiv auseinandergesetzt hat: Ist der Text von 1799, in welchem unter anderem von starren Geschlechterrollen und fanatischen Nationalstolz die Rede ist, nicht überholt oder gar abschreckend?! Solche veralteten Werte und Anschauungen haben schließlich keinen Platz in unserer liberalen Demokratie. Der Chor entschied sich aber bewusst dafür, den Text nicht zu ändern, um bestimmte Reaktionen beim Publikum auszulösen: Neugier, Inspiration, Irritation, vielleicht auch Wut oder Ekel! Somit regt der Chor zur kritischen Auseinandersetzung mit Schiller an. Es ist wichtig zu wissen, dass Schillers Gedicht in einer Zeit entstand, die vom Geist der Französischen Revolution, der Aufklärung und politischer Neuordnung geprägt war. Er schrieb sein Gedicht somit als Reaktion auf die Gräueltaten der Revolution und appelliert zur Wiederherstellung von sozialer Ordnung, wobei die Glocke zum Symbol eines harmonischen Miteinanders wird. Als konservativer Romantiker war Max Bruchs besonders angetan von Schillers Worten. Für den Chor kollidierten somit drei Zeitebenen bei ihrer Erarbeitung der Komposition: Die Zeit der Aufklärung bei Schiller, die Romantik bei Bruch und unsere heutige Zeit. Auch wenn »Das Lied von der Glocke« nicht frei von Widersprüchen ist und sein Inhalt an einigen Stellen durchaus veraltet erscheint, beinhaltet er dennoch einige inspirierende und lehrreiche Aspekte. Besonders in unserer Zeit, die von Krisen und Kriegen geprägt ist, wird Schillers Sehnsucht nach Ordnung und Frieden sehr nachvollziehbar. Somit ein weiteres Lob an den Chor, den Text nicht nur hervorragend singen zu können, sondern sich damit auch kritisch und intensiv auseinanderzusetzen.
Und natürlich darf auch der Schlusssatz nicht außer Acht gelassen werden, der von allen Musiker:innen schon auf himmlische und epische Weise wiedergegeben wurde: „Friede sei ihr erst Geläute.”
Fazit
Schließlich bleibt trotz aller Debatten nur eins zu sagen: Der Universitätschor und das Universitätsorchester zeigten erneut eine herausragende Qualität. Was Antonius Adamske und Jens Wortmann als Leiter der Universitätsmusik Göttingen mit den jungen Musiker:innen auf die Beine gestellt haben, war absolut beeindruckend und ein wahres Fest für die Ohren! Oder wie es Jens Wortmann ausdrückte: „Das kann sich hören lassen!“