Es ist eine der größten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts, festgehalten in Briefen und Tagebucheinträgen, die auf der Bühne der Sheddachhalle in Göttingen zum Leben erweckt wurden. Jasna Fritzi Bauer und Luise Wolfram lasen am 2. November im Rahmen des Literaturherbstes aus dem Buch »Love Letters«, in dem die Liebesgeschichte der großartigen Schriftstellerin Virginia Woolf und der Autorin und gefeierten Aristokratin Vita Sackville-West anhand authentischer schriftlicher Zeugnisse festgehalten ist.
Die beiden Frauen lernten sich 1922 auf einer Dinnerparty kennen und rasch entfaltete sich ein reger Briefwechsel voller Zuneigung und Sehnsucht. Von den ersten in Tagebüchern festgehaltenen Eindrücken, über den Höhepunkt ihrer innigen Liebe bis zur langsamen Abnahme des Briefwechsels – die Höhen und Tiefen einer fast 20 Jahre langen Liebschaft werden an diesem Abend lebendig nachgezeichnet und rissen das Publikum in den Bann.
Die Briefe sind kunstvoll und poetisch, aber auch vertraut und neckend und eröffnen einen intimen Einblick in die Gefühle von Woolf und Sackville-West. Neben dem Vorlesen werden dem Publikum auch biographische Einblicke eröffnet, aber immer in einem fließenden Übergang, sodass die Geschichte lebendig blieb. So erfährt man, dass Vita Sackville-West eigentlich verheiratet ist. Jedoch haben sowohl sie als auch ihr Mann Affären mit Personen des gleichen Geschlechts und in Briefen an ihren Mann Harold spricht sie sogar offen über ihre Beziehung zu Virginia Woolf. Dabei spricht sie vor allem von einer spirituellen und intellektuellen Liebe, die die beiden Frauen verbindet. „Ich bin nur noch ein Etwas, das Virginia will“, schrieb sie – und Bauer und Wolfram vermitteln diese emotionale Intensität dem Publikum durch ihre einfühlsame Inszenierung.
Es ist ein harmonisches Wechselspiel zwischen Bauer und Wolfram, die die beiden Frauen gekonnt verkörpern und ihrer Liebe Leben einhauchen. Alle Facetten der Liebe werden an diesem Abend durchspielt, es handelt von der Sehnsucht, Zweifeln, dem Schmerz und der Intimität zweier sich innig Liebenden. Auch Eifersucht und Spiele sind dabei – Woolf schreibt Sackville-West in einem Brief, sie habe einen Antrag bekommen und direkt erfahren wir ihre Reaktion auf diese Nachricht: Sie schreibt, sie fühle große Eifersucht und Zorn, aber habe selbst einen Brief dieser Art bekommen und ihre Antworte hänge nur von Woolf ab.
„Sie verbreitet ein Strahlen wie von brennenden Kerzen“, vertraut Woolf ihrem Tagebuch an, sowie: „sie belebt mich und tröstet mich“. Woolf hat nämlich mit wiederkehrenden depressiven Schüben zu kämpfen, die ihre Liebe auf die Probe stellen. Auch kann das Publikum durch die vorgelesenen Briefe verfolgen, wie Woolf ihren Roman Orlando verfasst und dass die Hauptfigur auf Sackville-West basiert. Somit bekommt man tiefe Einblicke in ihr literarisches Schaffen und wie die beiden Frauen sich gegenseitig künstlerisch inspirieren.
Nicht alle Briefe der beiden sind erhalten. In der Mitte der 1930er Jahre entfernt sich Sackville-West langsam von Virginia. Zwar nähern sie sich bei Beginn des Zweiten Weltkrieges einander wieder an, aber nach einem ihrer schweren depressiven Schübe begeht Woolf im Jahr 1941 Suizid. Wolfram und Bauer lasen ihren Abschiedsbrief an ihren Ehemann Leonard, als auch Sackville-Wests Brief an ihren Ehemann vor, den sie schrieb, nachdem sie die schockierende Nachricht vom Tod Virginias erhält. Und so endet auf tragische Weise eine der größten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts, deren Verlauf in Briefen und Tagebüchern für die Ewigkeit eingefangen wurde.
Dank Bauer und Wolfram entsteht eine tiefe Verbundenheit mit dieser Liebesgeschichte, die vor etwa einem Jahrhundert stattfand – eine Zeit, in der die Beziehung zwischen zwei Frauen noch tabuisiert war. Bauer und Wolfram erwecken die Emotionen der beiden Frauen wieder zum Leben und führten das Publikum durch die Intensität und Leidenschaft der Liebschaft von Virginia Woolf und Vita Sackville-West.