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Carine Debrabandère, Didier Eribon und Jan Reinartz im Alten Rathaus | © Photo: Bode
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Literarisches Zentrum

Didier Eribon als Pressesprecher der Alten

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von Miriam Bode, erschienen am 31. Mai 2024

»Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben«, heißt Didier Eribons 2024 erschienene Biografie über das Leben und insbesondere über den Tod seiner Mutter. Moderiert und übersetzt wird der Abend, an dem es um diese Biografie geht, von Carine Debrabandère, vier deutsche Textpassagen werden von dem Schauspieler und Synchronsprecher Jan Reinartz gelesen.

In der Biografie schafft Eribon es mühelos, vom Persönlichen ins Politische zu wechseln. Anhand der Erfahrung mit seiner Mutter analysiert er das Verhalten der Angehörigen, die Gefühle der alten und pflegebedürftigen Menschen und zeigt gesellschaftliche Missstände auf.

Eribon spricht viel über die Gründe, aus denen er diese Biografie geschrieben hat. Zum einen ist da der offensichtliche Grund: der Tod seiner Mutter. Sie ist nach nur sieben Wochen Aufenthalt im Altersheim gestorben, ein Ort, der sie unglücklich gemacht habe und an dem sie sich nie zuhause gefühlt habe. Eribon spricht bedacht und ehrlich über diese sehr persönlichen Themen. Differenziert beschreibt er die Situation seiner Mutter, er erzählt von nächtlichen Anrufen, in denen seine Mutter über Misshandlung im Heim geklagt hätte und berichtet von der schmerzhaften, aber notwendigen Entscheidung für ein Altersheim. Dabei gelingt es ihm gefasst zu bleiben, sich aber durch sehr persönliche Schilderungen dem Publikum nahbar zu machen.

Er erzählt auch von Schuldgefühlen und Scham, die er sein ganzes Leben über empfunden habe. Begonnen haben diese, als er als Jugendlicher erkannt habe, dass er schwul ist, dann, als junger Erwachsener, habe er sich für seine Familie aus der Arbeiterklasse geschämt, die nicht so sprachen wie die anderen in seinem Pariser Umfeld. Und schließlich spricht er über die Schuldgefühle, seine Mutter in ein Altersheim geschickt zu haben, sie nicht oft genug besucht zu haben und zu spät bemerkt zu haben, wie rapide sich der körperliche und mentale Gesundheitszustand seiner Mutter verschlechtert habe.

Eribon erzählt auch von der eigenen Beziehung zu seiner Mutter, die von Ambivalenz geprägt war. Auf der einen Seite ist da die Liebe, die er zu ihr empfand und das Mitgefühl und Verständnis darüber, dass sie bis zum Tod von Eribons Vater in einer unglücklichen Ehe gelebt hat. Auf der anderen Seite steht dem der Rassismus und die Homophobie seiner Mutter gegenüber. Eribon gelingt es, seine Mutter als vielseitige Frau zu beschreiben und zu analysieren, die Stärken und Schwächen hatte und die trotz allem immer noch seine Mutter war. Er spricht über ein Thema, das viele Menschen beschäftigt, von dem allerdings nur die wenigsten sprechen. Die damit einhergehende Ehrlichkeit gibt dem Abend Tiefe und bringt das Publikum zum Nachdenken.

Nach dem Tod seiner Mutter, hat Eribon angefangen, Berichte und Artikel von anderen Angehörigen zu lesen – zu spät, sagt er selbst – und er habe gemerkt, dass die Situation mit seiner Mutter nicht Folge eines persönlichen, sondern eines strukturellen Problems war. Die Klagen seiner Mutter seien durchaus politischer Natur gewesen, erklärt Eribon und verbindet so Privates und Öffentliches geschickt miteinander. Die berechtigten Klagen und Beschwerden der Alten blieben im familiären Raum und ihre Proteste werden so von der Gesellschaft nicht gehört. Es gebe kein kollektives »wir« der Alten und keine gemeinsame Bewegung. Deswegen, erklärt Eribon, habe er es sich in seinem Buch zum Ziel gemacht, zu versuchen, den Stimmen der Alten eine Plattform zu geben. Er wolle eine Art »Pressesprecher der Alten« sein.

Didier Eribon erklärt auch, welche Autoren und Autorinnen sein Werk beeinflusst haben und nennt dabei vor allem Simone de Beauvoirs Werk »Das Alter« und »Eine Frau« von Annie Ernaux. In beiden Werken werden Thematiken wie Altern und Sterben behandelt und Eribon schafft es damit, seine Behauptung, dass es sich bei diesen Dingen um strukturelle Themen handle, die deswegen auch eine strukturelle Lösung erfordern, zu untermauern.

Trotz der deprimierenden Thematiken von Alter und Sterben, gehen die Zuhörenden am Ende der Lesung nicht deprimiert nach Hause. Gelegentliche selbstironische Bemerkungen des Autors lockern die Atmosphäre auf und letzten Endes ist es Eribons Ziel, Aufmerksamkeit für diese Thematiken zu erregen, sodass eine Basis geschaffen wird, auf die Veränderungen und Verbesserungen folgen können.
Der Abend in Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft Göttingen und Antenne Métropole war sehr berührend und öffnete die Augen für Themen, über die man sonst eher ungern nachdenkt. Debrabandère gelang es, Eribons Worte passend ins Deutsche zu übersetzen und dabei gleichzeitig immer wieder treffende Fragen zu stellen. Der gesamte Abend und besonders die Textstellen vorgelesen von Jan Reinartz gaben einen sehr guten Einblick in das, was die Lesenden bei »Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben«, zu erwarten hat und so überraschte es nicht, dass es nach der Veranstaltung einen großen Andrang zum Signieren des Buches gab.

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