Gemütlich ist das erste Wort, das in den Kopf kommt, wenn man die zweite Etage des Göttinger Kunsthaus an diesem Abend betritt. Drei Sitzsäcke liegen vorne, beleuchtet von einer kleinen Stehlampe. An die freie Wand daneben werden Comicbilder projiziert. Es ist das Setup für die szenische Comic-Lesung Nachtvögel mit Tommi Parish, Nino Bulling und der Klasse «Illustration & Comic» der Kunsthochschule Kassel, die teils auf deutsch teils auf englisch stattfindet.
Ziel der Lesung ist es, dem Publikum Kunst näher zu bringen. Dazu soll die Kunst nicht nur sehen und lesen sein können, sondern an diesem Abend auch zu hören. Die Lesung ist Teil der Ausstellung «togetherness», die noch bis zum 10. November im Kunsthaus zu sehen ist. Zwei der Künstler, die dort ausgestellt sind (Tommi Parish und Nino Bulling) sind auch am Abend bei der Lesung dabei und stellen Ausschnitte ihrer Werke vor. Auch einige Studierende der Kunsthochschule Kassel stellen ihre Kunst vor und so wird es ein bunter und vielseitiger Abend.
Diejenigen, die vorlesen sind dabei genauso vielseitig wie die Themen ihrer Werke. Tommi Parish liest vor, während er im Hintergrund Wellengeräusche anmacht, Nino Bulling liest mit verschiedener Musik als Hintergrund vor und zwei Studierende lesen vor, indem eine den Text liest, während die andere die Soundeffekte des Comics nachmacht. Dabei lachen Vorstellende genauso wie Publikum und es entsteht eine sehr leichte und lockere Atmosphäre. Die Tatsache, dass sich die Kunstschaffenden selbst nicht immer ernst nehmen, über sich lachen und Witze über die Technik machen, die nicht sofort funktioniert gibt dem Abend einen amateurhaften Charme.
Viele der Comics handeln von Beziehungen, Liebe und Sex. Dabei werden klassische Muster in Frage gestellt. Die Protagonisten der Comics setzten sich mit ihrer eigenen Identität auseinander und überlegen zum Beispiel, ob sie in einer «queerplatonischen Beziehung» sind und was das eigentlich bedeutet. Es wird besonders ein junges Publikum angesprochen, mit Sätzen wie «Insta-Reels sind keine Quelle», «it’s giving annoying vegan» und gemalte Ausschnitte aus der Netflix-Serie «Sex-Education». Die Studierenden fordern in ihren Werken Veränderung, kritisieren den Kapitalismus und repräsentieren so eine Generation, die viel in Frage stellt und viel verbessern will. Dabei können sie über das Kritisierte und über sich selbst lachen.
Aber auch die Zuhörenden aus anderen Generationen haben bei der Lesung ihren Spaß. Besonders als in zwei der Comics die Deutsche Bahn kritisiert wird, lacht das Publikum, denn die Kritik an der Bahn dürfte für alle Anwesenden verständlich sein. Genauso als einer der Comics von fehlenden öffentlichen Toiletten handelt und die Absurdität dieses Toilettennotstands auf den Punkt bringt. Die Studierenden schwenken von dort immer wieder zu gesellschaftlichen Problemen zurück, man merkt, was ihnen wichtig ist und es gelingt ihnen dabei, das ganze Publikum mitzunehmen.
Es ist ein ungewöhnlicher und dadurch ein ganz besonderer Abend. Die vorgestellten Comics sind sehr persönlich und so ist auch die Atmosphäre des Abends sehr persönlich und familiär. Es wird deutlich, worüber die Studierenden sich Gedanken machen und was in ihrem Leben wichtig ist. Es gelingt ihnen dabei sehr gut, Menschen, die sich über ganz andere Dinge Gedanken machen, mitzunehmen und zum Lachen und Nachdenken zu bringen. Nach der Lesung haben die Anwesenden noch die Möglichkeit, Comics signieren zu lassen und sich mit den Künstlern und Künstlerinnen auszutauschen. Insgesamt ist es eine sehr schöne Lesung und es lohnt sich, die dazugehörige Ausstellung im Kunsthaus zu besuchen.