Verkauft werden soll das alte Herrenhaus, der Kirschgarten gerodet. Durch Verschwendungssucht, politische Umwälzungen und lähmende Passivität kommt es zur Zwangsversteigerung des hochverschuldeten Anwesens der Adligen Ljubow Andrejewna Ranjewskaja. Das Theaterensemble MenschPuppe aus Bremen widmete sich diesem Stoff von Anton Tschechow in seiner Inszenierung des Stückes »Der Kirschgarten«, welche am Samstag im vollbesetzten Saal der Musa zu verfolgen war.
Einer uralten Schwarz-Weiß-Fotografie gleich erscheinen die weißen Gesichter der Figuren, ein aus der Zeit gefallenes Ensemble in den Grautönen der Vergangenheit.
Zunächst der tatsächlichen historischen Vergangenheit, des vor mehr als 100 Jahren entstandenen Stücks von Tschechow, welches 1904 erstmalig zur Aufführung kam. In der Tat sind die von Peter Lutz gestalteten Figuren einer Fotografie der damaligen Schauspieler nachempfunden. Eine zweite Ebene der Vergangenheit ist die der dargestellten Adelsfamilie, die allen Reichtum verloren hat, aus deren Leben alles Prunk- und Prachtvolle längst gewichen ist. Diese beiden Vergangenheiten verweben sich ineinander und verleihen der Inszenierung des Stoffes eine eigenwillige Atmosphäre, den Eindruck von etwas Entferntem und der Welt Entrücktem.
Nach einem fünfjährigen von Ausschweifungen geprägten Aufenthalt in Paris kehrt die Adelige Ljubow Andrejewna Ranjewskaja zurück zum hochverschuldeten Landsitz der Familie, da das Gebäude sowie der angrenzende Kirschgarten versteigert werden sollen. Anstatt nach einer Lösung zu suchen oder Lösungsvorschläge zu erwägen, verharrt das adelige Geschwisterpaar, die Gutsbesitzerin Ranjewskaja und ihr Bruder Leonid Andrejewitsch Gajew untätig und passiv in sentimental verklärten Erinnerungen an glückliche Kindheitstage und begreift den Kirschgarten wie auch das Landschloss als Erkennungspunkte der eigenen Existenz. Durch die Unfähigkeit, aus eigenem Abtrieb notwendige Veränderungen zu akzeptieren und einzuleiten, um das Anwesen zu retten, verlieren sie dieses doch schließlich in einer Zwangsversteigerung an den ehemaligen Bauer Lopachin, Sohn eines vormaligen Leibeigenen der Adelsfamilie.
Das eher abstrakte Bühnenbild von Peter Lier, welches aus einer Anordnung von Platten in unterschiedlichen Blautönen besteht, überlässt Umgebung und Landschaft. das Interieur des adligen Landsitzes, die Kirschblüte des herrschaftlichen Gartens der Phantasie des Zuschauers. Die Figuren treten hinter diesen Platten hervor, blicken von ihnen wie von einer höheren Warte, einem Balkon auf das Geschehen hinab. Entsprechend der Handlung, die den Verlust des Anwesens dokumentiert, werden diese Platten nach und nach abgebaut und demontiert. Zurück bleiben nur schmucklos entseelte Gerippe des Herrenhauses, die den Verlust des einstigen Reichtums symbolisieren.
Die voranschreitende Demontage des Bühnenbildes verläuft parallel zur Entwicklung der Geschichte, die die liebevoll gestalteten kleinen Figuren auf der Bühne ausagieren. Weißgesichtig wie Porzellanpüppchen werden diese Puppen belebt von Jeanette Luft und Leo Mosler, die als Spieler sicht- und unsichtbar die Geschicke der Figuren lenken und ihnen ihre Stimme leihen. Dies ist insofern bemerkenswert, da die Akteure zu zweit acht unterschiedliche Charaktere verkörpern. Besonders lebendig wirkt in diesem Ensemble aus Adligen der non chalante, bauernschlaue Kaufmann Lopachin, der in seinem großsprecherischen Selbstbewusstsein einen Kontrast zur lähmenden Passivität der Adligen bildet. Auch die adlige Protagonistin, die Figur der Andrejewna Ranjewskaja wirkt sehr überzeugend in ihrer Sentimentalität, dem Schmerz ihrer Selbstanklage, ihrer Egozentrik. Weitere Figuren, wie der als Chronist und Bewahrer alter Zeiten auftretende Hausdiener Firs oder der ewige Student Pjotr Sergejewitsch Trofimow, verleihen dem Adelsensemble Abwechslung. Komplettiert wird der Figurenreigen durch die beiden Töchter der Ranjewskaja und einen benachbarten Gutsbesitzer.
Obgleich die Figuren sehr kunstvoll gestaltet sind, haftet ihnen doch durch die schwarz-weiße Farbgebung eine Schattenhaftigkeit an. In graue Kostüme gekleidet leuchten einzig die weißen Gesichter aus der Dunkelheit hervor. Durch die Machart der Figuren sind deren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt, was zu einem Mangel an Dynamik führt. Textlich folgt die Inszenierung dem klassischen Text der Jahrhundertwende, was der Inszenierung unter Regie von Phillipp Stemann eine Textlastigkeit verleiht, die viel Aufmerksamkeit vom Zuschauer verlangt, um der Handlung zu folgen.
Die klassische Inszenierung ist durch ihre Ferne zum aktuellen Zeitgeschehen nur einer historischen Interpretation zugänglich und hätte durch eine zeitgenössischere Lesart und Anpassung vielleicht gewonnen. Insgesamt überzeugte aber die Leistung von Spieler und Spielerin, die feinsinnige Ausgestaltung der aus einer längst vergangenen Zeit in die Gegenwart schattenhaft eintretenden Figuren und die Finesse des Bühnenbildes als Abbild des Geschehens, sodass dem Auftritt langanhaltender Applaus folgte und die neuerliche Erkenntnis, wie verschiedenartig Darstellungsweisen des Figurentheaters sein können.