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Joachim Dicks (NDR Kultur) und Dorothee Elmiger | © Photo: Hagen
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Literaturherbst

Auf einer düsteren Reise durch den Urwald

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Lesung mit Buchpreisträgerin Dorothee Elmiger und ihrem Roman »Die Holländerinnen« im Alten Rathaus
von Alina Hagen, erschienen am 19. Oktober 2025

„Ein faszinierender Trip in das Herz der Finsternis.“ So beschreibt die Jury des Deutschen Buchpreises den von ihnen gewählten Roman des Jahres 2025 »Die Holländerinnen« von Dorothee Elmiger. Und auf eine solche Reise durch diesen preisgekürten Roman wurde das Publikum im Alten Rathaus am 18. Oktober geführt, bei der ersten öffentlichen Lesung außerhalb der Frankfurter Buchmesse, die traditionell zum 12. Mal in Göttingen stattfindet und den diesjährigen Literaturherbst einleitet. 

Die ersten Tage nach der Verleihung waren hektisch, viele Termine warteten auf Elmiger, zahlreiche Gespräche über ihr Buch wurden geführt und vieles hat sie dadurch gelernt. Als wäre sie in die Trommel einer Waschmaschine gesteckt worden, so beschreibt sie den Trubel der ersten Tage. Übung darin hat sie aber tatsächlich schon, 2020 stand sie bereits mit ihrem Roman »Aus der Zuckerfabrik« auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

In »Die Holländerinnen« schließt sich eine namenlose Schriftstellerin einer Theatergruppe an, die sich auf eine Reise durch den Urwald Panamas macht, auf den Spuren zweier verschollener Touristinnen. Diese Reise rekonstruiert die Schriftstellerin in einer Poetikvorlesung. Die Geschichte hat auch einen realen Hintergrund: im Jahr 2014 sind zwei Holländerinnen in Panama verschwunden, gefunden wurde von ihnen nur ein Rucksack mit einer Kamera und Knochen, ein bis heute ungeklärter Fall. Diese Frauen sind im Roman wie eine Art Projektionsfläche, die immer wieder auftauchen, während der Geschichten, die sich die Theaterleute, alle aus verschiedenen Nationen, bei ihren Begegnungen auf der Reise gegenseitig erzählen. In diesen Geschichten geht Elmiger auch der Frage auf den Grund, ob der Großteil der Beziehungen, sowohl zwischenmenschlich als auch zu Natur und Tieren, durch Gewalt geprägt sind. Dies tut sie ganz analytisch, ohne zu bewerten. Aber diese düstere und von Gewalt geprägte Stimmung wird im Buch auch immer wieder durch humorvolle Momente aufgeheitert, wodurch sie zeigt, dass Lachen und Grauen oft näher beieinander sind als gedacht.

Die Struktur und Erzählweise des Romans sind sehr originell und tragen zu der Atmosphäre des Buches bei: die Erzählerin bleibt den ganzen Roman über namenlos sowie auch der Theatermacher, und er ist konsequent im Konjunktiv, in der indirekten Rede, geschrieben, der Indikativ wird nur während der Poetikvorlesung verwendet. Aber wie ist Dorothee Elmiger darauf gekommen, diese besondere Form zu verwenden? Sie erzählt, sie habe etwa 5 Jahre an dem Text gearbeitet und zahlreiche Vorläufe für den Roman geschrieben, aber nie wirklich in die Geschichte hineingefunden. Erst als sie auf die jetzt vorliegende Anfangsszene mit der Frau und dem Mikrofon kam, eröffnete sich ihr auch die Idee mit der indirekten Rede – die Frau sollte nicht zu nah bei ihr sein und die Leser:innen sollten immer wieder daran erinnert werden, dass in dem Buch eine Situation vorliegt, in der erzählt wird.

Dorothee Elmiger gewährt dem Publikum Einblicke darin, wie sie für das Erzählen und Sammeln von Geschichten lebt – im Alltag sammelt sie stets Material, das vielleicht einmal in einen Roman einfließen könnte. Ob Zeitungsartikel, das Internet, Bücher oder überhörte Gespräche von den verschiedensten Leuten im Alltag, alles dient ihr als Inspiration und beeinflusst ihr Schreiben. Immer strebt sie danach, möglichst viel zu sehen und zu erfahren und das führt zu der unglaublichen Dichte ihres Romans. 

Nicht nur das Lesen ist eine Inspirationsquelle für Dorothee Elmiger, sondern auch die Musik. Sie erzählt, dass sie zu jedem Buch, das sie schreibt, eine spezifische Playlist erstellt, die sie dann monatelang fast ununterbrochen hört. Dabei geht es um Rhythmus, Energie und Stimmung, die sich dann auf das Buch übertragen. Wie sie uns verrät, ist in ihrer Playlist zu „Die Holländerinnen“ viel elektronische Musik ohne Text vorhanden. Diese gezielte Auswahl von Musik, die ihr Schreiben beeinflusst, führt wohl zu der durchgehend atmosphärischen Stimmung und den langen, die Geschichte vorwärtstreibenden Sätzen in ihrem Buch, die bei ihrem Vorlesen von Textpassagen direkt das Publikum einnehmen.

Es ist ein vielversprechender Auftakt des 34. Göttinger Literaturherbst, der zeigt, wie viel die deutsche Literatur zu bieten hat. Wer Dorothee Elmiger erneut sehen möchte, kann sie zusammen mit Nora Osagiobare und Anne Sauer beim Langen Abend der jungen Literatur am 29.10. im Alten Rathaus erleben, einer weiteren Veranstaltung mit ihr im Rahmen des Literaturherbst.

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