Traditionell veranstalten die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen noch vor dem offiziellen Festivalstart ein Auftaktkonzert, das mit einem ganz besonderen musikalischen Leckerbissen aufwartet. Das war in diesem Jahr der Abend mit der Sopranistin Julia Lezhneva am Sonnabend in der nicht ganz gefüllten Universitätsaula. Ihr musikalischer Partner war der Lautenist Luca Pianca. Motto des hinreißenden Abends: „Goldene Zeiten".
Schon 2022, vor vier Jahren also, war die Sängerin in einem Galakonzert Stargast der Göttinger Festspiele. In der Tageblatt-Rezension war damals zu lesen: „Ihr Sopran ist eines der schönsten menschlichen Instrumente, das man sich vorstellen kann: glockenrein und schlackenlos in jedem Ton, für die Beweglichkeit ihrer Stimme scheint es keinerlei Beschränkungen zu geben, rasende Sechzehntelketten lässt sie ihrer Kehle entströmen, als seien das die leichtesten Übungen. Mühelos steigt sie in die höchsten Lagen – und liefert auch noch im unteren Mezzo-Bereich durchschlagskräftige, fein konturierte Töne."
Eindeutig hat die 1989 geborene russische Sängerin dieses Niveau gehalten, vielleicht gar noch gesteigert. Ihr auf Italien zentriertes Gesangsprogramm führte vom ausgehenden 16. Jahrhundert (Giulio Caccini) und dem 17. Jahrhundert (Claudio Monteverdi und Domenico Mazzocchi) bis ins 18. Jahrhundert (Antonio Vivaldi) mit einem besonders virtuosen finalen Ausflug an den Schluss dieser Epoche mit Giovanni Paisiellos Variationen über »Nel cor più non mi sento«.
Pianca war nicht nur kongenialer Begleiter von Julia Lezhneva. Er rundete das Programm zudem mit Solostücken für Laute ab, mit einer Toccata des frühbarocken Vincenzo Pellegrini und zwei Stücken von Pietro Paolo Melli, einem etwas jüngeren Zeitgenossen Pellegrinis. Als Rarität präsentierte er eine anonym überlieferte Suite, die aus der Familienbibliothek des österreichischen Grafen Leopold von Goëss stammt. Benannt ist die Sammlung nach dem Aufbewahrungsort, dem Schloss Ebenthal in Kärnten. 200 Jahre schlummerten sie dort unentdeckt, bis sie 1979 ans Licht gezogen wurden. Die 13 Bände umfassenden Ebenthal-Manuskripte sind die weltweit größte Sammlung von Lautenmusik in Privatbesitz mit mehr als 900 Kompositionen. Piancas Lautenspiel ist höchst souverän, kultiviert und trotz des vergleichsweise geringen Dynamikumfangs, den das Instrument bietet, fein differenziert in den Ausdruckswerten.
Einige Stücke aus Julia Lezhnevas Programm gehören zum Standardprogramm des Gesangunterrichts: Sie befinden sich in der gängigen Sammlung »Arie antiche«. Doch kein Anfänger beherrscht die unglaubliche Verzierungskunst, mit der Lezhneva aus solchen schlichten Arien wahre Bravourstücke hervorzaubert. Dabei sind diese Verzierungen nicht eitel eingesetzte Drahtseilakte, sondern schmücken ausschließlich die Musik, selbstverständlich stets im Einklang mit der stilistischen Position dieser Werke.
Lezhneva stehen dabei enorme Ausdrucksvariationen zu Gebote, von einem hauchzarten Pianissimo (was perfekt zum transparent-feingliedrigen Klang der Laute passt) bis zu affektgeladenen Gefühlsausbrüchen im Fortissimo, das sie auch gern in solchen Momenten mit einer leichten Schärfe hervorleuchten lässt. Das möge man nicht falsch verstehen: Diese Schärfe ist kein Makel ihres ansonsten wunderbar weichen, geschmeidigen Soprans, sondern lediglich eine Ausdrucksvariante, die sie gezielt zur Unterstreichung des Affekts einsetzt.
Mit besonderem Behagen lotet sie auch die tiefsten Lagen aus, bisweilen mit einem augenzwinkernd humoristischen Touch. Und wenn sie rasende Sechzehntelläufe durch mehr als zwei Oktaven führt, klingt das in keiner Weise angestrengt, keine Schweißperlen stehen auf ihrer hohen Stirn, sie bewältigt dies lächelnd – und scheint dafür kaum Luft zu benötigen.
Fast zwei Stunden dauerte das kostbare Konzert, spannungsreich von der ersten bis zur letzten Minute. Man mag einwenden: In all dem freigiebig gespendeten vokalen und instrumentalen Reichtum hätten auch einige Momente der Schlichtheit gut getan, als Kontrast zum verschwenderischen Zierrat ebenso wie als Gelegenheit zu Entspannung. Doch es bleibt eine wahre Freude, sich an solchem Genuss zu berauschen, keine Frage. Ein Abend mit Goldrand, um es mit Arno Schmidt zu sagen.
Für den rauschenden Applaus, den das begeisterte Publikum wie auf Verabredung im Stehen spendete, gab es zwei Zugaben: Cherubinos Arie »Voi che sapete« aus Mozarts »Figaro« und »Lascia la spina« aus Händels Oratorium »Il trionfo del tempo e del disinganno«.
PS: Ein Blick auf Julia Lezhnevas Werdegang dürfte uns Göttinger in der aktuellen Situation nachdenklich stimmen. Geboren wurde sie im fernsten Osten der UdSSR auf der Insel Sachalin nördlich von Japan. Ihren ersten Musikunterricht erhielt Julia mit fünf Jahren, sechs Jahre später kam sie zum Singen. Wo bekommt man auf Sachalin Instrumental- und Gesangunterricht? Selbstverständlich auf Musikschulen, die es dort zahlreich gibt. Das ist, so steht zu befürchten, im Kreis Göttingen künftig nicht mehr möglich.