Das Junge Theater Göttingen bringt mit »Being Lou Andreas-Salomé« eine Uraufführung auf die Bühne, die längst überfällig war. Denn wer Lou Andreas-Salomé auf das Schlagwort „Muse" reduziert, hat ihr Leben gründlich missverstanden – und Göttingen eine seiner faszinierendsten Bewohnerinnen unterschätzt.
Rom, April 1882. Ein Moment, der alles sagt
In der Basilika Sankt Peter trifft eine 21-jährige Russin auf Friedrich Nietzsche. Der Philosoph, damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens, ist sofort fasziniert – und macht ihr kurz darauf einen Heiratsantrag. Sie lehnt ab. Als er ein zweites Mal fragt, lehnt sie wieder ab. Was folgt, ist einer der folgenreichsten Rückweisungen der europäischen Geistesgeschichte: Nietzsche, tief getroffen, zieht sich zurück. Der Schmerz dieser Ablehnung treibt ihn, so meinen manche Forscher, direkt zum »Also sprach Zarathustra«.
Was diese Szene über Lou Andreas-Salomé offenbart: Sie scherte sich nicht darum. Nicht um den Ruhm des Mannes, nicht um die gesellschaftliche Erwartung, nicht um die Folgen für ihren eigenen Ruf. Sie hatte einen anderen Maßstab.
Das Dreigestirn: Lou, Nietzsche, Rée
Noch vor der endgültigen Entfremdung entstand in jenem Sommer 1882 etwas Ungewöhnliches: ein intellektuelles Dreigestirn. Lou, Nietzsche und der Philosoph Paul Rée entwarfen einen gemeinsamen Lebens- und Denkplan – ein Wohnprojekt ohne romantische Bindung, gegründet auf Gespräch und gegenseitige Inspiration. Es scheiterte an den Erwartungen der anderen. Nie an Lou.
In Tautenburg diskutierten Lou und Nietzsche tagelang Ethik, Religion und die Grenzen des Wissens. Die sogenannten Tautenburg-Notizen aus diesem Sommer zeigen, dass Lou Nietzsche intellektuell ebenbürtig war – nicht seine Schülerin, sondern sein Gegenüber. Als sie 1894, lange nach dem Bruch, »Friedrich Nietzsche in seinen Werken« veröffentlichte, schrieb sie die erste ernsthafte philosophische Studie seines Denkens. Nietzsche konnte das nicht mehr lesen. Er lebte zu diesem Zeitpunkt in geistiger Umnachtung.
Rilke: Der Jüngere, die Ältere
1897 begegnet Lou in München einem 21-jährigen Dichter: Rainer Maria Rilke. Er ist jung, unfertig, von einer Intensität, die zwischen Genie und Instabilität schwankt. Lou ist 36. Was zwischen ihnen entsteht, ist eine Liebesbeziehung – aber keine, bei der die Rollen klar verteilt sind. Lou ist gleichzeitig Geliebte und Mentorin. Sie reisen gemeinsam zweimal nach Russland, treffen Leo Tolstoi, und Lou zeigt Rilke eine Welt, die sein Schreiben für immer verändert.
Als sie die Beziehung beendet – weil sie Rilkes emotionale Abhängigkeit klar benennt –, schreibt er ihr noch Jahrzehnte lang. Der Briefwechsel, einer der bedeutendsten der deutschen Literaturgeschichte, endet erst mit Rilkes Tod 1926. Was bleibt, ist ein Verhältnis, das keine Kategorie ganz fasst: zu nah für bloße Freundschaft, zu klar für Romantik, zu ehrlich für eine Muse-Geschichte. Freud fasste es 1937 so zusammen: Lou sei „zugleich Muse und aufmerksame Mutter des großen Dichters" gewesen. Aber auch das greift zu kurz.
Freud: Kollegin, nicht Schülerin
Mit 50 Jahren – in einem Alter, in dem die meisten Intellektuellen ihrer Generation längst sesshaft geworden sind – entdeckt Lou Andreas-Salomé die Psychoanalyse. 1911 trifft sie Sigmund Freud beim Weimarer Kongress. Freud lädt sie zu seinen Wiener Seminaren ein, als einzige Frau. Er nennt sie „ein Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz" – gemeint als höchstes Lob. Später schreibt er ihr: „Du antizipierst mich jeweils und ergänzt mich." Das ist nicht die Sprache des Lehrers über eine Schülerin. Es ist die Sprache eines gleichrangigen Gesprächspartners, der weiß, dass er bereichert wird.
Lou widerspricht Freud, wo sie es für nötig hält – besonders wenn es um weibliche Psychosexualität geht. Während Freud das weibliche Erleben als Abweichung von einer männlichen Norm beschreibt, besteht Lou auf einer eigenständigen weiblichen Psychologie. 1931 veröffentlicht sie »Mein Dank an Freud« – keine Hagiografie, sondern eine kritische Würdigung einer 25-jährigen intellektuellen Begegnung auf Augenhöhe.
„Hexe vom Hainberg": Göttingen, das zweite Leben
1903 zieht das Ehepaar Andreas-Salomé nach Göttingen, weil Friedrich Carl einen Lehrstuhl für Orientalische Sprachen an der Universität erhält. Lou nennt das Haus an der Herzberger Landstraße am Hainberg „Loufried" – nach sich selbst, mit einem leichten Augenzwinkern. Die Göttinger Nachbarschaft hat andere Namen für sie: „Hexe vom Hainberg" kursiert in der Stadt, ein Spitzname, der mehr über seine Erfinder sagt als über Lou. Während Freud ihr Briefe schreibt, in denen er sie als intellektuelle Ebenbürtige behandelt, schaut die Provinzstadt misstrauisch auf die Frau in den merkwürdigen Kleidern.
1914 eröffnet Lou in Loufried die erste psychoanalytische Praxis Göttingens. Als Friedrich Carl 1930 stirbt, hätte sie gehen können – sie ist bekannt, international vernetzt, respektiert. Sie bleibt. Bis zu ihrem Tod 1937 arbeitet, schreibt und denkt sie in Göttingen. Es ist nicht Resignation, sondern eine Entscheidung: tiefe, anhaltende Arbeit mit Menschen statt kosmopolitischer Ausstrahlung.
Das Erbe – und die Bühne
Loufried selbst existiert nicht mehr. Das Haus wurde 1976 abgerissen. Aber in Göttingen trägt noch heute ein Institut ihren Namen: Das Lou Andreas-Salomé Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie, 1954 gegründet und 1994 offiziell nach ihr benannt, ist eines der größten psychoanalytischen Ausbildungsinstitute Deutschlands. Viele, die an der Wilhelm-Weber-Straße daran vorbeigehen, wissen nicht, wer Lou Andreas-Salomé war.
Das Junge Theater Göttingen ändert das gerade: »Being Lou Andreas-Salomé«, inszeniert von Lutz Keßler und Christian Vilmar, feiert dort seine Uraufführung. Eine Frau, die Zeit ihres Lebens keine Bühne brauchte, um gesehen zu werden – und die dennoch lange zu wenig gesehen wurde, bekommt endlich eine.