„Solange sie nicht Tomaten schmeißen und Blumen mit Töpfen dran…“ So könnte auch Horst Evers spekulieren, dessen Blick für Schräglagen im Alltag und anderswo sich Ronny Thalmeyer immer wieder gerne widmet. „Solange sie es noch aushalten mit mir“, sinniert der Schauspieler mit einem fein dosierten Augenzwinkern, „und die Hütte voll ist vor allem!“
Mit der so genannten Hütte ist in diesem Fall vor allem der Keller des Deutschen Theaters gemeint, wo Ronny Thalmeyer sich verstärkt humorvollen Texten wie denen des Kabarettisten Horst Evers widmet. Die bekommen manchmal eine ironische Färbung – oder auch eine traurige, um sich dann erneut so tragikomisch zu zuspitzen, das unter den Zuschauern das große Gelächter einsetzt.
Dazu gehört übrigens auch der dezente plakative Hinweis „Ausverkauft“ an der Bistrotür. Fliegende Tomaten sind nämlich keine in Sicht und auch keine Blumen mit Töpfen, womit natürlich Ronny Thalmeyer sein Langzeit-Abo im DT-Ensemble und auch die Frage zu seinem 30jährigen Bühnenjubiläum begründet. Warum er seit 24 Jahren in Göttingen komödiantisch, dramatisch die Stellung hält und deshalb im kommenden Theaterjahr schon wieder jubiläumsreif ist. „Es gibt einfach keinen Grund wegzugehen.“
Der Sonderapplaus seiner Fans ist ihm sicher, erst recht, wenn sie in der nächsten Spielzeit die 150. Vorstellung des Kochkünstlers feiern, der das Kneten des selbst gemachten Nudelteigs so meisterhaft zelebriert, dass viele Zuschauer am nächsten Tag ein Knetversuch wagen. Seltsamerweise gibt das kulinarisch komödiantische Vergnügen Wer kocht, schießt nicht! dem Schauspieler immer noch zu denken. Das Publikum verhält sich nämlich immer noch sehr zögerlich, wenn er das fertige Menü auch servieren möchte. An einen Gast, „der wirklich Hunger gehabt haben muss,“ erinnert sich der Schauspieler, „der bis zum Schlussapplaus schon den halbe Teller weggeputzt hatte. Es war mir eine Freude, das zu sehen. Das war einfach toll“.
Mit der kulinarischen Fortbildung, wie man ein Huhn vorschriftsmäßig entbeint und wann man spürt, „ob das eine gute Nudel wird“, begann für Ronny Thalmeyer ein neues Kapitel. Mit dem friedliebenden Koch stand er zum ersten Mal allein auf der Bühne und denkt dabei auch an den Druck, der damals auf ihm lastete. „Für den Abend selbst verantwortlich zu sein und diese Verantwortung auch stemmen zu müssen, das war ein ganz schöner Aufwand.“ Der selbstironische Blick auf das erste Bühnensolo mit dem entsprechenden Lampenfiber klingt natürlich ganz anders. „Da war kein Partner, wohin ich mich retten konnte indem ich sage, ihr müsst ja nicht mich angucken! Da ist ja noch ein anderer da.“
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Ronny Thalmeyer in «Der perfekte Moment - total verpennt», Deutsches Theater 2019 | © Photo: Haneef Baloch
Nach der solistischen Mutprobe konnte auch Hubert Fengewisch zum Zuge kommen, mit dem sich Ronny Thalmeyer für Unser Dorf soll schöner werden auf der DT-X Bühne häuslich einrichtete und dabei eine bösartige kleine Spießerfestung enttarnte. Jetzt ist es eben Der perfekte Moment – total verpennt mit den Betrachtungen eines Alltagsüberlebenskünstlers, denen sich der Schauspieler in der komödiantischen Nahaufnahme widmet und sich in eine Gedankenwelt vertieft, die mitunter herrlich absurd anmutet und trotzdem so berührend.
Ronny Thalmeyer in «Unser Dorf soll schöner werden», Deutsches Theater 2017 | © Photo: Anton Säckl
Gerade bei den schrägen Vögeln, die sich ständig verheddern und von einer Lebensfalle in die nächste stolpern, hält sich Ronny Thalmeyer besonders gerne auf. Auch bei den Wortartisten, die der Comédie Humaine mit Witz, Ironie und liebevollem Spott begegnen. Gerade sie sind auch mit verantwortlich dafür, dass der perfekte Moment in Göttingen so unterhaltsam verpennt wird. Herricht & Preil, das populärste Komiker-Duo der DDR, hatte es schon dem Sechsjährigen angetan. Immer wieder lachte er sich vor dem Fernseher kaputt über blöde Sprüche und schöne Wortfindungsgeschichten. Seiner ebenso begeisterten Familie erklärte er, dass er Schauspieler werden will. Mütterlichen Support gab es dann auch für den entscheidenden Sprung auf die berühmten weltbedeutenden Bretter. „Die hat dann nur gesagt, da war ich 16: Du, Ronny, ich hab‘ ne‘ Bewerbung abgeschickt und du musst da und da hin und einen Test machen. Habe ich also einen Test gemacht und dann 1980 die Eingangsprüfung.“
Der Bühnenkandidat hatte dabei keineswegs die Shakespeare-Komödien und Schiller-Dramen im Sinn, die er später auch gespielt hat. „Was gerade so spontan aus der Birne kam und ballerte“ bekam die Jury an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam von ihm zu sehen und zu hören – nicht etwa eine Kostprobe aus dem Fundus seiner Lieblingskabarettisten. Die erlebte dann viele Jahre später sein Göttinger Publikum im DT-Keller mit der besonderen Widmung des Schauspielers. „Vor denen verneige ich mich für den Rest meines Lebens“. Die bekommt mit einem Blick zurück auf 30 Bühnenjahre auch sein langjähriger Schauspielkollege Bernd Kaftan, dessen Auftritt in der Kunst der Komödie vor 24 Jahren nicht ohne Folgen blieb, wie er eines der riesigen Bühnenfenster aufriss und laut hinaus brüllte.
„Der hat mich fasziniert, der hat mich umgehauen“ schwärmt Ronny Thalmeyer, der damals nach seinem Anfängerengagement in Detmold nach Neuland Ausschau hielt und nach der Vorstellung einfach einen Vorsprechtermin bei dem damaligen Intendanten Heinz Engels buchte. „Drei Jahre später kam Mark Zurmühle und dann war das Ensemble wieder neu. Ich dachte, das ist ja wie wenn du selber wechselst. Bleibst du einfach so ein Weilchen. Und so bin ich hier hängengeblieben.“
Ronny Thalmeyer in «Der Mann von La Mancha« zusammen mit Bernd Kaftan (rechts), Deutsches Theater 2007 | © Photo: Dorothea Heise
Besonders hängen geblieben mit Blick zurück auf einen gewaltigen Fundus an Rollen und Stücken sind auch die gemeinsamen Bühnenabenteuer mit Bernd Kaftan. In Peter Handkes provokanter Publikumsbeschimpfung gelang es auch dem hoppelnden Kaninchen nicht, den Schauspielern hinter dem Bühnenzaun die Show zu stehlen, die ihre verbalen Attacken auch mit Gesten aus der Gebärdensprache pointiert veredelten. In der Komödie Schöne Bescherungbeschleunigten sie natürlich das Familienchaos unter dem Weihnachtsbaum und wurden im Mann von LaMancha als Dream-Team gefeiert: Don Quixotte und Sancho Pansa und wie sie die störrisch sture Welt für Momente einfach aus den Angeln heben.
Es ist vermutlich auch kein Zufall, dass es in den Stücken, an die sich Ronny Thalmeyer spontan erinnert, nicht immer mit rechten Dingen zugeht, sondern eher schräg, absurd, verträumt und hintersinnig und die Figuren dabei eine besondere Zuneigung erfahren. Dazu gehört auch die Komödie Kitchen Stories, die der Schauspieler als ganz wichtige Arbeit beschreibt, die er gern noch lange weitergespielt hätte. Mit diesem tragikomischen Blick auf vereinsamte Junggesellen und ihre Gewohnheiten, die sich bei einer wissenschaftlichen Testreihe über die optimale Nutzung von Küchengeräten einfach nicht optimieren lassen mögen. Der Schauspieler kommt erneut ins Schwärmen. „Sowas mag ich total, sowas Schräges, aber dann mit einem Ernst und einer Akribie in so einem Stück, das auch eine besondere Art der berührenden Momente hat. Wie da zwei schräge Typen zueinanderfinden. Das hat mich immer mitgenommen beim Spielen.“
Wenn vielen seiner Bühnenfiguren etwas Skurriles anhaftet, dann sind die es auch die außergewöhnlichen Situationen und die außergewöhnlichen Haltungen, die ihn faszinieren und die er dann umso lieber hinterfragt. Auf der Bühne wahren sie zwar weiter ihre kleinen Geheimnisse, aber sie lassen ihre Zuschauer spüren, dass es immer etwas gibt, was man dann doch lieber für sich behält und es darüber auch ein gemeinsames Einverständnis geben kann. Und sei es mit einem Augenzwinkern.
Zu ihnen gesellte sich dann auch Leo Leike, der im DT-Keller ganz entspannt mit dem Inhalt seines Kühlschranks über diese ebenso zufällige wie faszinierende E-Mail-Begegnung mit Emmi diskutierte und sinnierte. Die Wollsockenflüsse mochten sich behaglich unter dem Eisfach einrollen, bis es mal wieder an der Zeit war, gemeinsam schweigend dieses rätselhafte Gefühl zu bestaunen, in dem sich die Liebe mitteilt. „Diese Gedanken denken zu dürfen, war mir ein Fest“, erinnert sich der Schauspieler und dass ihm Daniel Glatthauers Roman Gut gegen Nordwind schon beim Lesen besonders nahe gegangen sei, ebenso wie dann die Fortsetzung Alle sieben Wellen. „Diese unglaubliche Toleranz von Leo Leike. In dem Moment, wo ich jemanden, sage, dass ich ihn liebe, mache ich ihm das zum Geschenk und erwarte nicht, dass ich dafür etwas bekomme. Liebe ist immer geben. Das hat mir Leo Leike beigebracht. Es war ganz toll, das aus diesem Buch heraus zu ziehen.“
So wie für seine Lieblingsfigur Leo wünscht sich Ronny Thalmeyer auch weitere perfekte und total verpennte komödiantische Momente mit den Texten von Horst Evers und seinem Alltagsüberlebenskünstler. „Der hat so viele schöne Sachen geschrieben“, sagt er, die an dem Abend noch nicht zur Sprache kamen. „Wenn das Interesse da ist, bin ich sofort dabei“.
