Ein monumentales Holz-Totem kehrt am 16. Mai nach Derneburg zurück, an den Ort, an dem es jahrelang im Eingangsbereich stand. Sein Schöpfer hat den Termin nicht mehr erlebt.
Zweimal 16. Mai
An diesem Sonnabend öffnet das Kunstmuseum Schloss Derneburg gleich zwei Ausstellungen, die zusammen eine Verbeugung sind – vor einem der einflussreichsten und streitbarsten deutschen Maler der Nachkriegszeit. Georg Baselitz war zu diesem Zeitpunkt seit gut zwei Wochen tot. Er starb am 30. April in Salzburg, im Alter von 88 Jahren. Dass die beiden Ausstellungen jetzt ohne ihn eröffnet werden, war so nicht geplant. Es macht sie nicht kleiner. Eher größer.
Was an diesem Tag im Kunstmuseum Schloss Derneburg passiert, ist eine Heimkehr. »Idol für Deutschland«, ein monumentales hölzernes Totem von 1982, kehrt zurück an den Ort, an dem es jahrelang im Eingangsbereich stand: das Schloss Derneburg im Landkreis Hildesheim, das von 1975 bis 2006 Wohnsitz und Atelier des Künstlers war. Über fünfzig Werke aus dem Schaffen von Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und A.R. Penck zeigt die Gruppenausstellung »Konferenz«. Parallel öffnet die Solo-Schau »Georg Baselitz: Zeit für neue Helden« mit rund siebzig Holzschnitten und Radierungen aus sechs Jahrzehnten.
Dreißig Jahre Schlossherr
Hans-Georg Kern, geboren 1938 im sächsischen Deutschbaselitz und nach seinem Geburtsort benannt, kaufte das niedersächsische Schloss 1975 für 300.000 D-Mark. Verkäufer war Peter Graf zu Münster, dessen Familie das Anwesen über Generationen besessen hatte. Was als ungewöhnliche Wahl eines Westberliner Künstlers für einen klosterähnlichen Bau in der hildesheimischen Provinz begann, wurde zu einer der produktivsten Phasen der deutschen Nachkriegskunst. Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete Baselitz hier mit seiner Frau Elke und den beiden Söhnen, die später beide Galeristen wurden. In den 1990er Jahren ließ er von den Basler Architekten Steib+Steib einen großen Atelierbau in den Schlosspark setzen, der zu seinem Hauptarbeitsraum wurde.
In Derneburg entstanden unter anderem die »Russenbilder«, jene gut sechzig Arbeiten zwischen 1998 und 2005, in denen Baselitz die Bilder des sozialistischen Realismus aus seiner ostdeutschen Kindheit umarbeitete. Und die »Adlerbilder«, gemalt nicht mit Pinsel oder Spachtel, sondern mit den Fingern. Im sogenannten »Neuen Atelier« produzierte er ein Jahrzehnt lang Druckgrafiken. Genau dieses Untergeschoss wird zur Ausstellungseröffnung wieder zugänglich gemacht.
2006 verkaufte Baselitz Schloss und Sammlung an das amerikanische Sammlerehepaar Andrew und Christine Hall. Die Hall Art Foundation hat das Anwesen seitdem aufwendig zum Museum umgebaut – und zeigt jetzt jene Werke, die hier einmal entstanden sind, in den Räumen, in denen sie hingen.
Vier, die ein Galerist verband
Die Schau »Konferenz« versammelt vier Maler, die in den 1980er Jahren zur internationalen Speerspitze der deutschen Kunst gehörten und bis heute polarisieren. Baselitz, Immendorff, Lüpertz und Penck verband ein gemeinsamer Galerist – Michael Werner. Sie verstanden sich nicht als Schule und lehnten festgelegte Stilbindungen ab. Penck und Immendorff arbeiteten ab den späten 1970er Jahren häufig zusammen und kreisten dabei beharrlich um das Klima des Kalten Kriegs. Baselitz, der seine Figuren ab 1969 auf den Kopf stellte, war der Skeptiker im Quartett: Provokateur und später Doyen, oft beides zugleich.
Dass Derneburg nun den Ort gibt, an dem die vier zusammenkommen – posthum für Penck, Immendorff und jetzt auch Baselitz – ist mehr als kuratorische Symbolik. Es markiert auch das Ende einer Epoche.
Zeit für neue Helden
Die zweite Ausstellung kehrt an den Anfang zurück. »Zeit für neue Helden« sammelt Holzschnitte und Radierungen von 1964 bis 2008 und stellt jene »Neuen Typen« und Helden-Figuren ins Zentrum, die Baselitz Mitte der 1960er Jahre erfand. Es sind brüchige, oft verstörte Gestalten, einsam in einer Landschaft, gezeichnet wie aus einem schweren Traum. Wer denkt, Baselitz sei vor allem der Maler, der die Welt umkehrt, lernt hier die andere Seite kennen: einen Druckgrafiker von obsessiver Genauigkeit, der mit der härtesten aller Bildtechniken sechs Jahrzehnte lang arbeitete.
Was bleibt
Es ist eine eigentümliche Konstellation: Im selben Frühjahr, in dem ein posthumer Auftritt zur Eröffnung der Biennale in Venedig läuft und in Salzburg, London und Florenz Großausstellungen zu sehen sind, kommt das Werk auch dorthin zurück, wo es entstand. Schloss Derneburg ist nicht das prominenteste Ausstellungshaus dieses Reigens. Aber wahrscheinlich das passendste. Wer Baselitz verstehen will, sollte einmal dort gewesen sein.
Service
»Konferenz: Baselitz, Immendorff, Lüpertz, Penck« und »Georg Baselitz: Zeit für neue Helden«, Eröffnung am 16. Mai 2026 im Kunstmuseum Schloss Derneburg, Schlossstraße 1, 31188 Holle.
Geöffnet Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr (Saison März bis Oktober, Winterpause November bis Februar). Die Ausstellungen sind ausschließlich im Rahmen einer Führung zugänglich; eine Anmeldung wird empfohlen. Eintritt Skulpturenpark 6 Euro, einstündige Kunstführung 15 Euro, Doppelführung 25 Euro.
Anreise mit dem RE 10 (ERIXX) ab Hildesheim, etwa 15 Minuten bis zum Bahnhof Derneburg, von dort zehn Minuten Fußweg; mit dem Bus über die Linie 34 (Hildesheim–Holle); Privatparkplätze in 100 bis 200 Meter Entfernung. Aktuelle Termine und Buchung der Führungen unter hallartfoundation.org.
Während Schloss Derneburg sein Werk heimholt, läuft 2026 ein internationaler Reigen, der in der Geschichte zeitgenössischer deutscher Kunst kaum eine Parallele kennt. Was die fünf Ausstellungen zwischen Salzburg, Florenz, Venedig, London und Niedersachsen verbindet – und warum gerade Derneburg in dieser Reihe der feinste Ort ist.
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