Zum dreißigsten Mal vergeben Göttingen und Toruń den Samuel-Bogumił-Linde-Preis – und haben dafür zwei Autor:innen ausgewählt, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die polnische Lyrikerin und Essayistin Eliza Kącka und den deutschen Erzähler Lutz Seiler. Die Preisverleihung findet am 22. November 2026 beim Buchfestival in Toruń statt.
Ein Preis, zwei Städte, dreißig Jahre
Seit 1996 verleihen die Partnerstädte Göttingen und Toruń gemeinsam den Samuel-Bogumił-Linde-Preis an je eine deutsche und eine polnische Persönlichkeit, die sich um die deutsch-polnischen Beziehungen verdient gemacht hat. Der Preis erinnert an den Sprachwissenschaftler Samuel Bogumił Linde (1771–1847), der in Toruń geboren wurde und in beiden Kulturen zuhause war. Dass die Auszeichnung in diesem Jahr ihr dreißigstes Jubiläum feiert, verleiht der Wahl der Preisträger:innen besonderes Gewicht.
Eliza Kącka: Lyrik als Grenzgang
Eliza Kącka, geboren 1981 in Warschau, gehört zu den markantesten Stimmen der polnischen Gegenwartsliteratur. Als Lyrikerin, Essayistin und Literaturwissenschaftlerin bewegt sie sich souverän zwischen den Genres. Ihr Gedichtband »Elizja« (2017) wurde mit dem renommierten Silesius-Preis ausgezeichnet; 2025 erhielt sie den Nike-Preis, Polens wichtigste literarische Auszeichnung, für ihren Essayband »Reguły i wyjątki« (»Regeln und Ausnahmen«). In ihren Texten verbindet Kącka philosophische Strenge mit lyrischer Präzision – eine Kombination, die auch in der deutschen Übersetzung zunehmend Beachtung findet.
Lutz Seiler: Vom Gedicht zum großen Roman
Lutz Seiler, 1963 in Gera geboren, begann als Lyriker und zählt heute zu den bedeutendsten deutschen Prosaautoren. Sein Roman »Kruso« (2014), eine Hommage an die Insel Hiddensee als Rückzugsort für DDR-Ausreisewillige, erhielt den Deutschen Buchpreis. Mit »Stern 111« (2020) setzte er die Auseinandersetzung mit der Wendezeit fort – und wurde dafür 2023 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt, der bedeutendsten deutschen Literaturauszeichnung. Seiler liest seine Texte seit Jahren auch in Polen; die Verbindung zwischen seiner Biografie und der deutsch-polnischen Erinnerungslandschaft macht ihn zu einer naheliegenden Wahl für den Linde-Preis.
Verleihung beim Buchfestival Toruń
Die Preisverleihung findet am 22. November 2026 im Rahmen des Buchfestivals in Toruń statt – dort, wo Samuel Bogumił Linde vor fast 255 Jahren geboren wurde. Ausgelobt wird der Preis von der Stadt Göttingen gemeinsam mit der Stadt Toruń; die Laudatio halten Vertreter:innen beider Städte. Der Preis ist nicht dotiert, gilt aber als wichtiges Symbol der literarischen und kulturellen Partnerschaft zwischen Deutschland und Polen.
Nobelpreisträgerinnen, ein Grass und dreißig Jahre literarische Brückenarbeit: Was den Linde-Preis mit Stockholm verbindet – und warum Toruń in der europäischen Literaturgeschichte eine besondere Rolle spielt.
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