Was wäre, wenn wir die Klänge der Ott-Janke-Orgel in St. Johannis sehen könnten? Schall ist unsichtbar, aber die Göttinger Künstlerin Jana Nielsen hat es geschafft, diese Klänge in Bilder zu verwandeln. Vom 6. September bis 8. November erwartet die Besuchenden in der St. Johannis-Kirche Nielsens einzigartige Ausstellung unter dem Titel »Resonanzen«. Wie klingt unsere Gemeinde? Was schwingt von der Kirche in die Stadt hinein? Mit all diesen Fragen hat sich Jana Nielsen beschäftigt, um das „Herz“ und die „Lunge“ von St. Johannis künstlerisch darzustellen.
Vernissage mit musikalischem Gottesdienst
Die Vernissage fand am 6. September im Rahmen der Feier zur Auszeichnung der Rats- und Marktkirche als signifikante Kulturkirche statt. Als musikalische Einstimmung in den Abend spielte Bernd Eberhardt virtuose Orgelmusik von Johann Sebastian Bach, Julius Reubke und anderen. Der musikalische Gottesdienst »Klangraum: Wut und Sanftmut«” wurde begleitet von geistlichen Impulsen von Pastorin Dr. Anna-Maria Klassen.
Kraftvoll, wütend und sanftmütig zugleich. Bernd Eberhardt spielte Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Choralbearbeitung über „Jesus Christus unser Heiland, der den Gotteszorn von uns wandt“ sowie die Sonate über den 94. Psalm von Julius Reubke (1834-1858). Wie der Titel »Wut und Sanftmut« verrät, drückte Eberhardt durch sein expressives Orgelspiel laute, zornige als auch anmutig-tröstende Klänge auf der Ott-Janke-Orgel aus. Seine Finger hüpften förmlich auf den Tasten und entfesselten ein Akkord-Feuerwerk. Dies war auch für die Kirchengemeinde sichtbar, denn seine Fingertechnik wurde für die Besuchenden gefilmt und auf die Kirchenwand projiziert.
Die Orgel, „die Lunge“ der Kirche
Nach Grußworten von Prof. Dr. Friedrich Schöndube, dem ehemaligen Pastor Gerhard Schridde und Bürgermeister Dr. Ehsan Kangarani präsentierte Jana Nielsen ihr Kunstprojekt in der St. Johannis-Kirche.
„Die Orgel ist ein Ateminstrument,“ erklärt Nielsen. Für die Künstlerin repräsentiert die Orgel „die Lunge“ von St. Johannis. „Sie gibt uns Pause vom hektischen Alltag und schenkt Gemeinschaft.“ Der Klang der Orgelpfeifen hat Nielsen in Form von vielen bunten und individuell-großen Holzscheiben dargestellt, welche an der Kirchenwand angebracht sind und wie ein Fluss hinauf zur Orgel führen. Somit werden die Pfeifentöne sichtbar, ähnlich wie ein Meer aus Sternen. Dazu hat Nielsen den Schall und die Schwingungen der Orgelpfeifen wirklich abgebildet: Zunächst hat sie eine Folie auf einer Trommel gespannt und somit „schwingende Membrane gebildet“. Auf diesen schwingenden Membranen hat sie goldene Farbpigmente tanzen lassen, die dann ein Muster formten. Dieses Muster hat die Künstlerin anschließend auf den Holzscheiben abgedruckt.
Die Glocken von St. Johannis, der Herzschlag der Kirche
Die drei Glocken von St. Johannis geben seit Jahrhunderten den Pulsschlag der Stadt vor. Dieser Puls- bzw. Herzschlag wird auf drei kreisförmigen Ölgemälden sichtbar gemacht. In diesen Bildern hat Nielsen Menschen abgebildet und gemalt, die von den Glockenschlägen begleitet werden. Ein frisch vermähltes Brautpaar sowie den Turmbläser, der ehrenamtlich jeden Samstag auf den Kirchenturm geht und St. Johannis von „Innen“ kennt. Und schließlich einen Mann, der die Kirche von „Außen“ kennt. Die Kirchenmauern bieten ihm Schutz vor den Elementen.
Auch die im Krieg eingeschmolzene vierte Glocke erhält ihren Platz – als stumme Leerstelle. Mit Kohle hat Nielsen ein weiteres schwarz-weiß Bild gezeichnet, welches zum Erinnern, Mittrauern und Mitfühlen anregt. Wir sehen das Mahnmal Synagoge, den brennenden Kirchturm von 2005, einen gefallenen Soldaten aus dem 1. Weltkrieg, Stolpersteine und trauernde Menschen. Aber die Hoffnung stirbt nie: Deshalb hat Nielsen zwei ineinandergelegte Hände sowie eine Friedenstaube gezeichnet.
Fortsetzung im Frühjahr 2026
Jana Nielsens Kunstprojekt ist ab sofort in der St. Johanniskirche zu besichtigen und wird erweitert im Frühjahr 2026 mit der „Stimme,“ den Chören, und der „Seele“, die innerlich schwingt.