Mit der wohnlichen Etage in einem historischen Gebäude fand Hiltrud Esther Menz in Reinhausen nicht nur die passenden Atelierräume. Am Kirchberg 1 reifte schon bald der Plan für einen künstlerischen Treffpunkt und eine kreative Korrespondenz. Nachdem die Künstlerin im Juli ihre Atelier/Galerie »Im Bild« mit eigenen Arbeiten eingeweiht hatte, begeisterte sie neun befreundete Künstlerinnen für eine Gemeinschaftsausstellung.
Die Werkschau mit Bildern und Objekten, Skulpturen und Installationen bekam den Titel »Begegnung_10K«, weil die Künstlerinnen dabei auch über ihre Arbeiten miteinander ins Gespräch kommen.
Zur Eröffnung der Ausstellung sprach Kulturbüro-Autorin Tina Fibiger. Lesen Sie ihre Ansprache hier im Wortlaut.
Zur Ausstellungseröffnung „Begegnung_10K“
Es ist mir eine besondere Freude, mit Ihnen und euch diese Ausstellung zu erkunden, die den ebenso vielstimmigen wie vieldeutigen Titel „Begegnung_10K“ bekommen hat. Und das in einem spätgotischen Steinbau, der erst seit wenigen Monaten diesen schöpferischen Treffpunkt mit seinen rundum malerischen Aussichten beherbergt. In das pulsierende Innenleben „Im Bild“, wie es sich jetzt in den Räumen entfaltet, blinzeln auch die Verse des australischen Dichters Les Murray vergnüglich hinein, der ein wunderbar verrücktes „Farbenhaus“ imaginierte.
„Glanzlackschwarz auf Eingeweiderosa, in Klecksen// hellgrün übermalt; alle ignorierten die Form des Hauses: //Farbeimerreste seien wohl, sagte so mancher, // das Gestaltungsprinzip. Jahrzehnte vor den Hippies. // Nächstes Jahr dann vielleicht Giftgrün und Marineblau.// die sich in breiten Flecken übers kirschrote Dach ergießen. //Es war mein erstes halb Dutzend abstrakter Gemälde. // Ich habe gehört, der Besitzer sei ein gewisser Bird.“
Natürlich sind die Wände in den Atelier- und Galerieräumen in manierlichem Weiß gehalten, aber das spricht ja keineswegs gegen die Farbhausassoziationen, die sich nicht manierlich verhalten wollen und so auch nicht gemeint sind, wenn es um Begegnungen geht, Entdeckungen und Irritationen, um berührende Gedankenbilder und bewegende Motive.
Der Titel „Begegnung“ hat mich auf Anhieb angesprochen, nachdem Hiltrud mir erzählte, dass sie sich mit neun befreundeten Künstlerinnen auf eine gemeinsame Werkschau verständigt hat… wie er eine nicht nur kreative Korrespondenz bekundet, sondern vor allem auch die beflügelnde Wirkung im Miteinander, im gemeinsamen Unterwegssein in der Begegnung, wo so Vieles noch mitschwingt. Die Bereitschaft, aufmerksam Ausschau zu halten, unbefangen in eine Bildkomposition hineinzuhören, sich von Farbgesten und malerischen Anmerkungen und ihren inhaltlichen Zwischentönen ansprechen zu lassen, von Werkstoffen und vertrauten Alltagsrequisiten, die keinem profanen Zweck mehr dienlich sein müssen, oder von skulpturalen Schöpfungen und wie auch sie mit ihrer unmittelbaren Umgebung korrespondieren.
Zunächst hat es den Anschein, als ob sich hier 10 Künstlerinnen auf individuelle Sehinseln verständigt hätten, um die Überfülle an Motiven und Materialien zu bändigen. ohne sich dabei im Ausdruck und in der Wirkung zu bedrängen. Dabei haben sie zu gemeinsamen Sehlandschaft gefunden, in der sie ihre Arbeiten miteinander ins Gespräch bringen. Wie sie sich wechselseitig zustimmen oder auch widersprechen können, nuancieren, ergänzen und bekräftigen, manchmal nur leise flüsternd nach einem vertiefenden Blick auf Subtexte und Zwischentöne und manchmal auch ganz spontan und fast en passant.
All das, was in einer Begegnung möglich ist, verdichtet sich in dieser Ausstellung zu einer inspirierenden Korrespondenz. Sei es, um ein emotionales Anliegen visuell zur Sprache und zum Ausdruck zu bringen, eine gedankliche Reflektion, eine Fragestellung, ein Statement oder einen ironischen Konter auf die gestörten politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse. In allen stilistischen und ästhetischen Lesarten wird offen um Einsichten, Ansichten, Aussichten und Visionen gerungen und dass darüber eine Verständigung stattfinden kann.
Zum Beispiel über das Staunen beim Unterwegs sein, wie es Anne-Dore Mädge immer wieder mit Fundstücken erlebt, die sie ansprechen. Wenn sie Backsteine im Bauschutt entdeckt, verkrustet und verschlammt oder von Brandspuren durchsetzt, die sie dann bearbeitet, kontrastiert und zu “Stones on Stage“ veredelt …oder wenn sie aus einem Fundus an Kronkorken und Verpackungsresten von Pralinen ein luftig beschwingendes Objekt für ein bewegendes kleines Schauspiel komponiert. Das schöpferische Vergnügen spricht auch aus ihrem Zeitungskleid, wie sie dafür aus den Seiten aus der SZ schmale Streifen gedreht - oder wie sie sagt - „vertrullert“, um sich dann mit Stricknadeln für ein Gewand ans Werk zu machen, das keinen tragbaren Zweck erfüllen würde aber umso mehr belebende Wirkung beim Gestalten.
Zustimmen würde ihr vermutlich der „Kuckuck“ an der Wand gegenüber, bei dem es sich auch um eine Sammlung von Fundstücken handelt, die Anne Kallmann mit einer Soundbox versehen hat, die entsprechend tönt. Daneben hat sie ein Kuckucksei mit wohnlicher Überdachung platziert und eine zumindest optisch vollmundige Rührschüssel, in der ein nicht nur unappetitlicher Teig gärt. Sie macht sich gern ihren ironischen, manchmal spöttischen und gern auch satirischen Reim auf die Verhältnisse, die sie hier auch mit dem Anblick eines groß geratenen Gartenzwergs kommentiert, der die Stimmungslage zu bekräftigen scheint, wie er sich hier über einer malerischen Fassade erhebt.
In seiner unmittelbaren Nachbarschaft posiert der Pfauenkopf von Sabine Harton in sanften Pastellstimmungen, bei dem man leicht an märchenhafte Regionen und Motive denken könnte und auch an die sieben Zwerge der Brüder Grimm, die sogar nichts gemein haben mit dem Gartenzwerggemüt und dem Deutschen Michel-Biedersinn. Aber in dieser Ausstellung kann es eben auch zu assoziativen Begegnungen kommen, die nicht künstlerisch intendiert sein müssen. Und dennoch klingt in diesen Körperwelten aus menschlichen und animalischen Elementen, die Sabine Harton mit ihrem Pfauenkopf verwebt hat, etwas von den zerstörerischen Kräften an, die in den märchenhaften Motiven ebenso eingelagert sind wie in den mythologischen Narrativen, die dann erzählerisch romantisch ausschwärmen durften und dabei nur selten demaskiert wurden.
Von allen erzählerischen Zuschreibungen befreit mutet diese gebeugte Gestalt an. die Hiltrud Esther Menz mit Kohle, Grafit und Tusche in eine Umklammerung gebannt hat In diesem Szenario mit dem Titel „flüchtig“ treiben vor allem die schmerzhaften Momente aus und die Ängste, die keinen Halt finden in dieser dünnhäutigen Körperwelt, wie auch immer sie sich drehen und wenden mit der Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit in einem endlos weit anmutenden weißen Bildraum, in den sich kein aufmunterndes Farbsignal verliert.
Was wäre, könnte einem spontan in den Sinn kommen, wenn diese haltlos verlorenen Gestalt jetzt den leidenschaftlich expressiven Farbgesten begegnen würde, wie sie in Anna Diandas Arbeiten an- und aufrühren und allen Hürden und Gefährdungen zum Trotz Sehnsuchtsräume öffnen. Sie sind nicht nur in den fleural austreibenden Stimmungen spürbar, sondern auch in dem Frauenportrait, wo der Blick so verhalten skeptisch die Ferne abzusuchen scheint und das fragile und leicht zerbrechliche Innenleben in Farbschimmern an den Gesichtszügen haftet und sich nicht verbergen lassen will. Wieder stellt sich die Frage, was wäre, wenn sich nun diese Gestalt von den malerischen Sehnsuchtsräumen ermutigen ließe und von den Bildunterschriften, die Anna Dianda ihnen geben hat mit den „Geschichten aus dem dunklen Garten-Prolog“ oder dem Hinweis „Sie schnappt sich einen Tag“ …
„Vom Unterfangen ein Stück Himmel zu fassen, ohne die Schwerkraft aufzugeben“ erzählt eine weitere Bilderzählung die sich ohne weiteres wie ein Credo für die Begegnungen lesen lässt, die in dieser Ausstellung zirkulieren. Auch bei den druckgraphischen Arbeiten, Fantasien und Expimenten von Anneke Neumann. Was da alles in Bewegung ist an Farben, Farbschichtungen und Kontrasten und an inspirierenden Turbulenzen, die verfremdet, verfeinert und eben auch beansprucht werden. Die Papier- und auch die Druckelemente, mit denen Anneke gern improvisiert und collagiert, müssen einiges aushalten. Dass die Oberflächen mit Wattestäbchen bearbeitet werden, Toffifee-Verpackungen zum Einsatz kommen, Lametta oder zur Abwechselung auch mal ein gebügelter Wollfaden, und eine Harzlasur die farbige Leuchtkraft dann noch verstärkt. Sie erzählte mir von den vielschichtigen Arbeitsprozessen, in denen sie die Farbköper mäandern lässt, bis Formen und Schattierungen zu einer Erzählung finden und sich dabei immer wieder wechselseitig erhellen und vertiefen.
Faszinierend ist auch die Korrespondenz, die mit Blick auf die Arbeiten von Gabriele Schaffartzik beim Thema Schichtungen anklingt. Wie sie sich in der malerischen Anamnese den fotografischen Dokumenten ihrer Großmutter widmet, mit dem bäuerlichen Alltag von Frauen und ihren Lebens- und Überlebenskämpfen in den Kriegsjahren und die Portraits eine Patina aus Zeitspuren und Zeitgeschichte annehmen… Schichten von Erinnerungen, die sich überlagern und trotzdem eine transparente Wirkung entfalten.
Auch sie korrespondieren auf ihre Weise mit den Momentaufnahmen, von Annett Schauß und ihren Alltagsbeobachtungen, wie sie sich mit Tusche und Feder, den mentalen Verwerfungen annimmt, die das gegenwärtige gesellschaftliche Klima prägen. Unterwegs auf der Straße oder in der U-Bahn und im Konsumgedränge sondiert sie Gesichter, Gesten und Posen, was Paare und Passanten antreibt, die sich kaum noch oder gar nicht mehr wahrnehmen, wenn sie sich verbal oder schweigend zur Schau stellen und ihr verkümmertes Innenleben tarnen. Dass sie dabei so maskenhaft anmuten wie Figuren in einem Schauspiel, in dem Annett Schauß sie als Schattengestalten wahrnimmt, die keine selbstbestimmte oder gar belebende Haltung mehr annehmen können und mit ihrer Umgebung verblassen.
Auch wenn die Motive von Uta Oesterheld-Petry scheinbar eine andere Bildgedankensprache sprechen, wie sie sich in imaginierte Landschaftsstimmungen und Verwerfungen, felsige Schluchten und bedrängte Ausblicke vertiefen, nimmt sich die Künstlerin auf ihre Weise dem akuten gesellschaftlichen Klima an und was es mit dem Innenleben der Menschen anrichtet. Da vernimmt sie auch die Sehnsucht nach einem lichten Ort, den sie malerisch auch mit seinen Hürden und bedrohlichen Signalen malerisch erkundet.
In den unmittelbaren Dialog mit den Künstlerinnen, ihren Bildmotiven, Objekten, Installationen und Fundstücken begeben sich auch die skulpturealen Körper von Hella Meyer Alber, die bei aller Standfestigkeit keine Ruhe geben werden und sich dem Gedanken an mögliche Beengtheiten und Grenzen in jeder Form verweigern. Sie befragen und vertiefen auf ihre Weise diese Galerie der Begegnungen für weitere inspirierende Begegnungen mit nachhaltiger Wirkung.