Ein Anwalt im Ruhestand, ein Mafiaclan im Kita-Gewand und ein neuer Selbstoptimierungsansatz: Im Jungen Theater setzt Björn Diemel seine Achtsamkeitsreise fort – diesmal mit Fokus auf Ernährung, körperliche Fitness und alte kriminelle Verstrickungen.
»Körper und Geist lassen sich nicht voneinander trennen« – so sagt es zumindest Björn Diemels Therapeut mit kritischem Blick auf den zunehmenden Bauchumfang seines Patienten. Und genau deshalb muss der ehemalige Anwalt Björn Diemel jetzt nach dem Achtsam-Sein auch das bewusste Essen lernen.
In »Achtsam morden durch bewusste Ernährung« widmet sich Diemel diesem Ziel unter der Beobachtung des Publikums im Jungen Theater. Nach »Achtsam morden« und »Das Kind in mir will achtsam morden« greift Nico Dietrich damit in seiner Inszenierung einen weiteren Teil der Romanreihe von Karsten Dusse auf (Bühnenbearbeitung von Bernd Schmidt). Die Premiere der Krimikomödie fand am 27. März 2026 statt.
Achtsamkeit hatte Diemel in den vorherigen Teilen bereits zu einiger Dreistigkeit und kriminellem Erfolg verholfen. Durch das mentale Training seines Therapeuten Joschka Breitner war es Diemel nicht nur gelungen, den Mord an seinem Mandanten zu vertuschen, sondern dabei auch noch ruhig, gefasst und vollkommen achtsam vorzugehen.
Aus dem stressigen Anwaltsgeschäft ausgestiegen, hat sich Diemel sein Leben inzwischen neu eingerichtet. Als CEO eines Mafiaclans, getarnt als Kindertagesstätte, widmet er sich nun einem deutlich entspannteren Business, dem Handel mit Gras. Die Geschäfte laufen gut, Diemel hat endlich mehr Zeit für seine Tochter Emily, und die Lehren der Achtsamkeit haben aus dem gestressten Workaholic einen zumindest vordergründig entspannten Typen gemacht. Vielleicht ein bisschen zu entspannt, denn Diemel ist langweilig. So langweilig, dass er beim Essen vor allem eines nicht ist: achtsam. Seine schwindende körperliche Fitness wird auch von Diemels Umfeld genüsslich kommentiert. Als Emily schließlich beinahe Opfer einer Entführung wird und Diemels Ausdauer die Verfolgungsjagd zu einer Lebensgefahr für ihn macht, beschließt er: Es muss sich etwas ändern. Und wer sollte ihm da besser helfen als sein bewährter Therapeut? Joschka Breitner wird kurzerhand auch zum Ernährungsberater und verpasst Diemel unter dem Mantra »Schöner Wohnen im eigenen Körper« eine Kernsanierung. Nebenbei ist Diemel mit der Aufklärung der (Fast-)Entführungsvorkommnisse beschäftigt und stößt dabei auf ungeahnte Verstrickungen.
Die Komik des Stücks entfaltet sich dabei weniger über die Handlung selbst als über die präzise Zeichnung der Figuren und ihre Interaktion miteinander. Björn Diemel, gespielt von Jens Tramsen, ist zwar achtsam und demonstrativ lässig, regt sich zugleich aber über die Menschen um ihn herum nur allzu gern auf. Aus dieser Spannung entsteht eine ganz eigene, ebenso komische wie sympathische Art, sich mit sarkastischer Lässigkeit über die Zumutungen des Lebens aufzuregen, ohne sie am Ende allzu ernst zu nehmen – und sich selbst erst recht nicht. Verbunden mit seinem Hang zum dramatischen Erzählen wird Diemel so zu einer Figur, die weniger wie eine Theaterrolle wirkt, sondern mehr wie ein Typ mit Hang zum Theatralen.
Während Björn Diemel den zentralen Fixpunkt bietet, spinnt sich um ihn herum ein Ensemble an Charakteren, das von nur zwei Darsteller:innen verkörpert wird und mit seinen Eigenheiten die Komik des Abends entscheidend prägt. Malin Kraft und Fynn Knoor beweisen dabei eine beeindruckende Flexibilität und Wandelbarkeit in ihrem Spiel. In Sekundenschnelle wechseln sie durch Körpersprache, Kostüm und Stimme Identitäten und erschaffen so eine Vielzahl an Figuren. Diese schnellen Transformationen werden nicht selten selbst zum Teil des Humors.
Insgesamt entsteht eine große Nähe zwischen Publikum und Bühne. Die vierte Wand scheint kaum zu existieren. Der Publikumsraum wird offen bespielt und direkt angesprochen. So nehmen die Zuschauer:innen weniger eine beobachtende als vielmehr eine mitwissende Rolle ein. Auch das Bühnenbild fügt sich in diese Dynamik ein und ist dementsprechend sehr anpassungsfähig und reduziert gehalten. Ein weißes Drehelement auf der Bühne erzeugt zahlreiche Tür- und Raumwechselmomente, lässt aber gleichzeitig genug Platz für die vielen unterschiedlichen Szenerien der Handlung. Insgesamt entsteht so ein unmittelbares, fast beiläufig wirkendes Theatererlebnis, das zugleich humorvoll und sehr präsent ist.
Am Ende nimmt sich das Stück angenehm wenig ernst, und gerade darin liegt seine Stärke: ein leichter, witziger Theaterabend, der einfach gut unterhält.