Clavier-Salon

„Bei mir langweilen sich die Leute in der zweiten Konzerthälfte genauso wie in der ersten.“ Artur Schnabel, einer der großen Pianisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, soll dies so oder ähnliches anlässlich eines seiner reinen Schubertklavierabende gesagt haben. Was hätte er sich wohl über so ein Projekt, die Aufführung sämtlicher Klaviersonaten aus der Feder Schuberts, gefreut!?

Franz Schubert (1797–1828) ist zweifelsfrei der Großmeister auf dem Feld des Kunstliedes, hat er es doch in die Gestalt gebracht, hinter deren Qualität und Niveau seitdem niemand mehr zurückkann. Bei den großformatigen Werken aller übrigen Gattungen, besonders den Klaviersonaten, sah es mit der Anerkennung der Qualität, der einzigartigen Tonsprache lange, lange Zeit anders aus. Der Schatten des Zeitgenossen Beethovens, den dieser mit seinem Klaviersonatenopus warf, war einfach zu groß. Und so behaupten nur einige wenige Sonaten – darunter die letzten drei, im Todesjahr entstandenen Werke – seit dem späten zwanzigsten Jahrhundert ihren Platz im Kernrepertoire der Klavierwelt.

Insofern trifft es sich ganz wunderbar, dass ein Jahr nach dem Marathon mit der Aufführung sämtlicher Beethovensonaten Gerrit Zitterbart sich mit seinen Studentinnen und Studenten der Musikhochschule Hannover (HMTMH) dem Schubert‘schen Sonatenwerk annimmt. An fünf Abenden erklingen alle 21 Sonaten, Fragmente inklusive. Der Hausherr verweist gleich zu Beginn des ersten Abends auf die Einmaligkeit dieser Veranstaltung: Es dürfte in der Tat weltweit einer der wenigen Aufführungen dieses Zyklus sein, wenn es denn überhaupt je einen in dieser Kürze gegeben hat. (Abgesehen von der Aufführung in Hannover selbst eine Woche zuvor, mit eben jener Klavierklasse.)

Apropos Beethoven: Vergleiche drängen sich naturgemäß auf – zu übermächtig war für den Komponisten Schubert das Vorbild des fast dreißig Jahre älteren Kollegen, der, nur ein paar Straßenzüge entfernt, fortwährend „Weltliteratur“ schuf. Beethoven zählt schließlich zu den ganz, ganz wenigen Künstler, welche größten Ruhm bereits zu Lebzeiten genossen und(!) noch heute genießen. Somit soll mit diesem Vergleich keine Geringschätzung des Jüngeren verbunden sein – im Gegenteil! - Was fällt sofort auf? Rein formal bleibt Schubert konservativer: Die klassische drei- oder viersätzige äußere Form wird beibehalten, Beethoven geht hier viel freier mit der Gattung ‚Sonate‘ um. Letzterer hatte 27 Jahre für seine 32 Sonaten, Schubert waren nur 13 Jahre für seine 21 Sonaten vergönnt – doch bei beiden ist eine intensive, deutliche Entwicklung unübersehbar. Die Zunahme, die Verdichtung führt bei Beethoven tendenziell zu kürzeren Stücken, zur Verdichtung des Tonsatzes – bei Schubert hingegen findet die Konzentration in zeitlicher Ausdehnung (nur scheinbar ein Paradox) und harmonischer Kühnheit ihren Ausdruck.

Abweichend vom Vorgehen beim letztjährigen Beethovenmarathon erklingen die Werke diesmal nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern Gerrit Zitterbart hat jedem aus der Klasse je ein „junges“ und ein „altes“ Werk zugedacht, sodass das Publikum bei im Schnitt vier Werken pro Konzert munter zwischen den Entwicklungsstufen Schuberts hörenderweise hin- und herspringt. Wie geschrieben sind es ja nur 13 Jahre, in denen sich dieses von Göttern begnadete Talent hat entfalten können; da sind „jung/alt“ relative Kategorien, zumal es, freilich nur bei den Klaviersonaten, eine Pause von 1819 bis 1823 gab. [Unter dem Artikel finden Sie eine detaillierte Übersicht aller Werke sowie der Spielerinnen/Spieler, notiert für den jeweiligen Konzertabend.]

Eine Interpretation aus einem Guss kann es bei 11 Pianist*innen natürlich nicht geben; wie im Jahr zuvor empfinde ich das als großen Gewinn, beleuchtet es so doch das Vielfältige der Werke besser. Das Niveau ist angesichts verschiedener Studiengänge (von künstlerisch-pädagogischer Ausbildung bis Soloklasse, zusätzlich zum langjährigen Profi und Professor) verständlicherweise ebenfalls unterschiedlich, doch tut dies der Freude am Hören ebenfalls keinen Abbruch. - Das einzig echte Manko scheint mir der durchgängige Verzicht auf die von Schubert vorgeschriebenen Wiederholungen des ersten Teils der Kopfsätze zu sein. Sicherlich wird das Programm, so „gekürzt“, etwas „gefälliger“, doch diese Musik braucht Zeit. Ihre Länge ist ganz wesentlicher Teil des Werks. Dies geht so weit, dass in den Schlusssätzen der letzten vier, fünf Sonaten sich angesichts der endlosen Themenwiederholungen ein unheimliches Gefühl einstellt. Zwar ist die Musik so schön… jedoch das „Es wolle gar kein Ende haben!“ wird immer mehr und mehr zu einem „Es solle gar kein Ende haben!“. - Als würde diese Musik nichts mehr fürchten als:

                Stille.

Immer ist etwas los, läuft eine Achtelrepetition motorisch durchs Stimmengeflecht, ganz gleich ob in einem langsamen oder schnellen Satz. Werden bei Wiederkehr der Themen zusätzliche Rhythmisierungen angefügt, um den Tonsatz in Bewegung aufzulösen. Umso verheerender, um so verstörender, wenn dann einmal doch Stille ist. Grausamer als in den langsamen Sätzen von D 959 und 960 kann Pause in der Musik kaum wirken. Bevor in D 959 diese Stille hereinbricht, ereignet sich einer der brutalsten Ausbrüche, welche je in Töne gesetzt wurden. Gustav Mahler brauchte dafür ein ganzes Orchester und vierzig Minuten Anlauf, doch lässt es nicht so die Nackenhaare aufstellen, wie diese Takte tiefster Verzweiflung (von Zifan Ye ganz eindrücklich gespielt). - Und dann? Dann kommt eine Stelle, wie nur Schubert sie schreiben kann: 12 Takte, da ist das Paradies nix dagegen! So unbeschreiblich schön, dass selbst die Steine zu weinen beginnen. (Dies gelang in der Aufführung nicht gar so überzeugend wie der Ausbruch zuvor.) - Die Schlusssätze, insbesondere der letzten sechs Sonaten, nehmen die Damen und Herren der Klavierklasse i.a. tempomäßig recht sportlich, teils ein wenig ins Virtuose überziehend, doch der Lehrer geht in D 960 ja selbst mit gutem Beispiel voran.

Alles in allem wird Schubert in diesem Zyklus jedoch erfreulich lebendig, frisch, munter angegangen. Man hat schon Interpretation vernommen, wo jede halbe Achtel nach „Winterreise im Quadrat“ klingt… Das muss und sollte nicht sein. Außerdem: Grad eine nicht zu larmoyante Lesart lässt die Abgründe umso tiefer scheinen. Kein Komponist kann ein derart grausig-fahles Dur schreiben wie Schubert.

Harmonik ist überhaupt das zentrale „Schlachtfeld“ dieser Musik. In äußerst kühnen Schritten werden bei Schubert Tonräume durchmessen. Vom Mittel der Terzverwandtschaft macht er freien Gebrauch; sehr oft weiß der aufmerksame Hörer gar nicht, wie ihm geschieht bei all den Modulationen… Dazu setzt der Komponist Themenblöcke ganz unverbunden nebeneinander, die auf den ersten, zweiten und dritten Blick nichts miteinander gemein haben. Ab und an vermag ein Nachschlagen in den Noten zum Verständnis helfen, vom seziermesserhaften Komponieren Beethovens kann hier jedoch nicht die Rede sein. Eher assoziativ werden die Motive aneinandergereiht. Weitere Überraschung: Themen sind Schubert eingefallen - das hätte für zehn andere Komponistenleben ausgereicht! Oft genug jedoch sind diese weitausschwingenden, gesanglichen Melodien in Wahrheit ziemlich engräumig gesetzt – die Weite entsteht einzig und allein durch das sich unvorhersehbar ändernde (harmonische) Fundament. Daher lassen sich auch einige der schönsten Stellen alleine gar nicht nachsingen/-summen.

Das tiefe Glück einer solchen Zyklusaufführung ist der intensive Blick, den man als Hörer*in in die Klang- und Gedankenwelt eines Menschen werfen kann. Viel eindringlicher nachzuvollziehen ist die Entwicklung, welche Schubert ging, wenn einem einmal das Werk in so dichter Folge vor-gespielt wird. Sicherlich sind das nicht 21 Meisterwerke; die Sonaten ab D 784, d.i. ab dem Jahr 1823, spielen in einer höheren Liga, interessante Entdeckung gibt es jedoch auch in den früheren Stücken: Die H-Dur-Sonate dürfte eines der ungetrübt-fröhlichsten Werke Schuberts sein, Xinzhu Lis Interpretation samt der anschließenden a-Moll-Sonate (D 845) war der konzentrierteste „Block“ innerhalb der Reihe. - Die f-Moll-Sonate D 505/625, wie gut die Hälfte der Werke uns zuvor unbekannt, überrascht durch das Rastlose, ins Symphonische sich Weitende des Klavierklangs. Beim Fragment C-Dur (1818) schließlich ist man sich als Hörer nicht ganz sicher, was Schubert beim Schreiben genommen haben muss – derart schräg sind die Brüche zwischen den Abschnitten, derart ausschweifend geht es durch die Tonarten. Vielleicht deutet der Kompositionsabbruch darauf hin, dass er selbst (in diesem Moment) nicht wusste, wie man diesen Weg weitergehen kann. -

Die Fragmente wurden im Zyklus übrigens genauso aufgeführt wie notiert, d.h. mitten im Satz hört die Musik einfach auf. Persönlicher Favorit ist übrigens Nayhun Parks Darbietung der Sonate G-Dur D 894 (1826) gewesen: Zwar wählt sie, wie die Mehrzahl der Spielerinnen/Spieler statt des Flügels Anonymus von 1825 (Schuberts Musik unendlich angemessener) den Bechstein-Flügel von 1890, doch vermag sich (wie u.a. B. Li, Y.E. Kim und Y. Gu) unendlich zart mit diesem Brummer umzugehen – für den kleinen Clavier-Salon ist er eigentlich klangtechnisch zu wuchtig. Der erste Satz dann ist bereits grandios gelungen, doch im letzten gelingt ihr im Verbund Schubert das Zauberstück, die Zeit anzuhalten. ---

Es gebe noch vieles anderes Gelungenes zu erwähnen… genug für heute. Zum Schluß Dank an die Aufführenden für diese faszinierende Reise durch Schuberts Welt.

Nennung der Sonate jeweils mit der Nummer aus dem Verzeichnis nach E. Deutsch sowie in Klammern dem Jahr der Komposition; anschließend Name der/des Interpretin/Interpreten. Die offensichtlichen dem asiatischen Raum entstammenden Namen sind nach europäischer Sitte, d.h. Vorname vor dem Familiennamen, gesetzt.

Konzert I – 3.7.
Sonate E-Dur D 459 (1816) – Juhyeon Lee
Sonate e-Moll D 566 (1817) – Borun Li
Sonate a-Moll D 784 (1823) – Borun Li
Sonate D-Dur D 850 (1825) – Juhyeon Lee

Konzert II – 4.7.
Sonate E-Dur D 157 (1815) – Saeyoung Jeong
Sonate a-Moll D 537 (1817) – Yuzhe Gu
Sonate fis-Moll D 570/571/604 (1817) – Kaja Nieland/Yuzhe Gu (jede(r) je zwei Sätze)
Sonate c-Moll D 958 (1828) – Ye Eun Kim

Konzert III – 5.7.
Sonate Es-Dur D 568 (1817) – Shiyao Wang
Sonate Des-Dur D 567 (1819) – Nahyun Park
Sonate A-Dur D 664 (1819) – Shiyao Wang
Sonate G-Dur D 894 (1826) – Nahyun Park

Konzert IV – 6.7.
Sonate H-Dur D 575 (1817) – Xinzhu Li
Sonate a-Moll D 845 (1825) – Xinzhu Li
Sonate As-Dur D 557 (1817) – Zifan Ye
Sonate A-Dur D 959 (1828) – Zifan Ye

Konzert V – 7.7.
Sonate C-Dur D 279/346 (1815)
Sonate C-Dur D 612/613 (1818)
Sonate f-Moll D 505/625 (1818)
Sonate C-Dur D 840 (1825) „Reliquie“
Sonate B-Dur D 960 (1828)
alle Gerrit Zitterbart

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