Kultursommer

„Das Märchen vom letzten Gedanken“

Bewegende Eröffnung des Göttinger Kultursommers: Unter Kombination von Lesung, Spiel und Musik präsentiert Katja Riemann das Buch von Edgar Hilsenrath „Das Märchen vom letzten Gedanken“, in dem er sich mit dem Genozid an den Armeniern auseinandersetzt, musikalisch gestützt von der Musik Kurth Weills.

Zarte Klaviertöne begrüßen den bis zum letzten Platz gefüllten Saal des Deutschen Theaters, begleitet von dem in dunklem Rot über Katja Riemann und Guillaume de Chassy prangendem Schriftzug „Das Märchen vom letzten Gedanken: Ein Abend über Völker und Mord“.

„Ich bin der Märchenerzähler in Deinem Kopf. Und wenn allmählich die Lichter ausgehen, werde ich Dir ein Märchen erzählen. Das Märchen vom letzten Gedanken.“ In die Stille hinein erhebt Katja Riemann die Stimme, beginnt zu erzählen, entführt die in großer Zahl erschienenen Zuhörer*innen dorthin, wo die Geschichte beginnt: in das Heilige Land der Armenier, die Nation, die ihre Bewohner*innen Hayastan nennen. Als Katja Riemann liest, ist es, als könne man den Bulgur mit Honig schmecken, den aus Beeren gepressten Saft riechen und die Berge, die die Wolken berühren, vor Augen sehen.

In direktem Kontrast zu diesem malerischen Paradies stehen die Zeilen von Verlust, von Schmerz, von Folter und Krieg, die aus der Geschichte des Armeniers Wartan Khatisian hervorgehen, die Katja Riemann, eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen ihrer Generation, mit großer Einfühlsamkeit vorträgt. In der Rolle des Meddah, des Märchenerzählers, trifft sie auf Wartans Sohn Thovma, der im Sterben liegt, und erzählt seinem letzten Gedanken die Geschichte seiner Vorfahren, den Leidensweg des armenischen Volkes. Die Geschichte führt zurück in das Jahr 1915. Tausende von Armeniern taumeln auf den Wegen, getrieben von den Säbeln und dem unerbittlichen Kommando der Saptieh. Marschartig, fast bedrohlich wirken die regelmäßigen Klavierakkorde, die die Deportation begleiten. Inmitten der aus den anatolischen Dörfern Vertriebenen ist auch die Frau des Wartan Khatisian, die ihren Sohn am Wegesrand zurücklassen musste – die einzige Überlebenschance des jungen Thovma.

Von dort aus führt der Meddah den letzten Gedanken Thovmas weiter, stets wandelnd auf den Lebensspuren seines Vaters, über dessen Amerikaaufenthalt bis in die dunkle Gefängniszelle und die Folterkammern der türkischen Machthaber. Kopfüber aufgehängt, als Spion bezichtigt muss dieser sich von Drohungen und Verleumdungen erniedrigen lassen und unterschreibt letztlich das mit dem Leben seines Sohnes erpresste Geständnis.

Mit viel Empathie und durch Einsatz von Stimme, Gestik und Mimik gelingt es Katja Riemann, die unterschiedlichen Personen gelungen in Szene zu setzen. Ihr schauspielerisches Können belebt die Dialoge und das Publikum spürt die Brutalität der Machthaber und die Verzweiflung und Ängste der Opfer. Die Musik von Kurth Weill, mal klassisch, mal rhythmischer Song, wird improvisiert von dem französischen Jazzpianisten Guillaume de Chassy. Mit Präzision und Feingefühl untermalt er die Lesung mit der Musik, passagenweise auch begleitet von Riemann an der Kalimba. Hinzu kommen wechselnde Leinwandbilder – mal die Glasmurmeln als Symbol des Glasauges des Saptieh, mal die lodernden Flammen der bedrohlichen Fackel in der finsteren Zelle.

„Die Märchen, die ich erzähle, sind keine Märchen. Es sind wahre Geschichten“, lässt Riemann den Meddah beteuern. Und genauso ist es: Armenier, die als Landesverräter unter dem Tor der Glückseligkeit aufgehängt werden, die von deutschen Offizieren gedeckten Massenliquidierungen, Deportationen und Todesmärsche, türkische Folterpraktiken wie „Behufungen“ menschlicher Füße mit Nägeln, Massenvergewaltigungen von Frauen – all dies begegnet einem in Hilsenraths Roman.

Doch es sind nicht nur Erinnerungen und Erlebnisse, die Hilsenrath in und mit seinem Buch schafft, sondern vor allem Bewusstsein. Bewusstsein für das Schweigen über die begangenen Verbrechen und den kurzen Aufschrei der Weltpresse, der dann unverzüglich davongespült und vergessen wurde. Der Genozid, der lange Zeit international vertuscht und von der Türkei offiziell geleugnet wird, wird durch Werk und Inszenierung an diesem Abend in brutaler Direktheit ins Gedächtnis gerufen.

Es ist eine Hommage an einen großen deutschen Märchenerzähler, der auf einen ebenso großen Musiker trifft, mit einem Plädoyer für die Erinnerung und gegen das Schweigen.

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