Gandersheimer Domfestspiele

Das Schicksal meint es nicht gut mit dieser buckligen Gestalt, die jetzt zum Narrenpapst gekürt wird. Wie sie alle über ihn lachen und sich dann entsetzen über seine hässliche Visage. Quasimodo (Hermann Bedke) möchte so gern auf das Glaubensgebäude seines väterlichen Lehrmeister Erzdiakon Frollo (Marco Luca Castelli) vertrauen und auf das Geläut der Glocken. Sie müssen das hässliche Geschrei auf dem Kirchplatz übertönen, wo sich das Volk gegen alles Unliebsame, Fremde zusammengerottet hat und nun auch die schöne Esmeralda (Felicitas Heyerick) an den Pranger stellen will.

Vor der imposanten Fassade der Stiftskirche nimmt mit dem „Glöckner von Notre Dame“ ein dramatisches Schauspiel seinen Lauf. Achim Lenz inszeniert die Bühnenfassung (Sarah Speiser, Jennifer Traum) des Romans von Victor Hugo ohne Bühnenausstattung und Requisiten auf einer kargen Spielfläche. Erst später, nachdem sich Bettler, Diebesbanden und Zigeuner zum traditionellen Narrenfest versammeln und mit ihnen auch die stets empörungsbereiten Bürger werden immer wieder wuchtige Holzgerüste auf die Bühne geschoben, an denen sich die zerstörerischen Emotionen entladen.

Hier klammert sich der Dichter Gringoire (Jan Kämmerer) an die Bretter, die für ihn die Welt bedeuten, während das Volk sein dramatisches Opus auspfeift. Hier wacht Clopin (Fehmi Göklü) als selbst ernannter König der Diebe und der Überlebenskünstler über seine Macht auf der Straße. Auch er hat ein Auge auf diese zauberhaft verzaubernde Esmeralda geworfen, die mit ihrer Ziege Djali (Katarzyna Gorctyka) den Platz erobert, die Gemüter der Gaffer erhitzt und von der unglücklich verwilderten Chantefleurie (Miriam Schwan) als Hexe beschimpft wird. Hauptmann Phoebus (Tim Müller) der eigentlich das wilde Treiben vor der Glaubensfestung beenden soll, erliegt Esmeraldas verführerischen Wirkung. Den gequälten Quasimodo beglückt vor allem ihr Mitgefühl. Auch dafür wird er sie am Ende aus den Fängen des mörderischen Erzdiakons befreien. Dessen Glaubensfestung liegt in Trümmern, jetzt wo ihn profane Lustgefühle beherrschen und nicht mehr der Wunsch nach Erkenntnis. In einem dramatischen Monolog reflektiert Marco Luca Castelli die innere Zerrissenheit dieser Macht- und erfolgsverwöhnten Gestalt, die sich nicht mehr auf wissenschaftliche und theologische Lehrsätze berufen kann und sich wortgewaltig über das Gesindel empört, dass sein Notre Dame umlagert.

Immer wieder formiert sich ein Chor der Stimmen, der die Ereignisse neugierig verfolgt und nach blutigen Sensationen am Pranger und am Galgen lauert, wenn er gegen die Opfer von Willkür, Hass und Ausgrenzung zu Felde zieht und dabei auch eine finstere Pogromstimmung aufkommen lässt. Der trotzt die Bande um den diebisch frechen Clopin fast schon komödiantisch in einem vielsprachigen Miteinander, wo eben auch mal französisch, englisch oder polnisch gestritten und gefeilscht wird und niemand sich um Herkunft oder Status schert.
Es ist dennoch eine mitleidlose Gesellschaft, die Achim Lenz an Victor Hugos „Glöckner von Notre Dame“ nach zeichnet und vor allem eine, in der Außenseiter wie Esmeralda und Quasimodo nichts zu suchen haben, wenn ihnen sogar der Schutz der Kirche verwehrt wird. Über dem Stiftskirchenportal kommt es erneut zu einem artistischen Schauspiel mit Sabina Romanczak und Jakub Urbanski, die zum Glockengeläut von Notre Dame an der Fassade entlang schweben. Sie geben auch Hermann Bedke und Felicitas Heyerick auf ihrem luftigen Fluchtweg Halt, bevor sich der mörderische Wahn des Erzdiakons ein letztes Mal entlädt.

Ferdinand von Seebach hat das spätmittelalterliche Panorama mit zeitgenössischen Klangbildern für Posaune, Gitarre (Martin Werner) und Schlagzeug (Stephan Grenze) verwebt. Von einem Lautsprecher- und Scheinwerfergerüst aus kommentieren die drei Musiker das dramatische Szenario mit Jazzelementen, Swing Rhythmen, und vielen dissonanten Motive a um in den Liedern und den Chorstimmungen so aufzustören, wie dieses bewegende Schauspiel um zerstörerische Emotionen.

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