Literarisches Zentrum

Die heutige öffentliche Präsenz des Feminismus war bei weitem nicht immer so ausgeprägt. Beim Rückblick auf frühere Generationen lässt sich leicht feststellen, dass Themen, über die heute selbstverständlich gesprochen wird, früher kaum Beachtung fanden. Auch ändern sich sowohl die Perspektiven auf und der damit einhergehende Umgang mit Themen wie Abtreibung, Verhütung und sexuellem Begehren sowie die Art wie über diese gesprochen wird. In den 60ern, zur Jugendzeit der Feministin Erica Fischer, war die Pille beispielsweise noch nicht auf dem Markt und Abtreibung noch stärker tabuisiert, als sie es heute ist. Eine ungewollte Schwangerschaft stellte die Betroffenen also vor große Probleme. Eine Schilderung davon findet sich in Fischers Buch, in welchem sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit Feministinnen aus der jungen Generation ins Gespräch zu kommen, um von diesen über die aktuellen Themen des Feminismus zu lernen. Zusätzlich zu den Aufzeichnungen dieser Gespräche liefert Fischer daran anknüpfende Erinnerungen an eigene Erfahrungen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Kontinuität feministischer Lebensauffassungen.

Nach einer kurzen Einleitung durch die Programmleiterin Anja Johannsen kamen Kraaz und Fischer schnell ins Gespräch. Trotz des Altersunterschieds klappte das wunderbar. Anknüpfungspunkte waren reichlich vorhanden und das beidseitige Interesse an den Gedanken der jeweils anderen war deutlich spürbar. Alles andere als ein Grabenkampf also. Ohne große Umschweife kam die Sprache auf Fischers Buch, aus welchem diese dann auch bald einiges vorlas. Im Mittelpunkt standen hierbei ihre Begegnung mit der deutsch-iranischen Journalistin Hengameh Yaghoobifarah, sowie einige Erinnerungen an ihre Jugendzeit. In den Gesprächen mit Yaghoobifarah lernte Fischer viel über neuere feministische Themen wie beispielsweise den Queerfeminismus, aber auch über sich selbst und ihre Unsicherheit gegenüber den jungen Radikalen. Die Gemeinsamkeiten erwiesen sich für Fischer jedoch als stärker und so schilderte sie, wie der Wunsch nach einer humaneren Gesellschaft über die Generationsunterschiede hinaus für Verbundenheit sorgen kann. Ihren vielleicht ersten feministischen Impuls verortet Fischer in der Auseinandersetzung mit ihrer ungewollten Schwangerschaft. Sie empfand es in ihrer Jugend als unverhältnismäßig, dass jeder Mann zwar Frauen schwängern kann, dass der Großteil der Verantwortung für die Folgen daraus aber bei der Frau liegen. Die Pille kam zu dieser Zeit für Fischer wie eine Befreiung.

Im Gespräch mit Kraaz wurde weiterhin betont, dass das Private politisch ist. Die Entscheidungen jeder und jedes Einzelnen tragen zur Veränderung der Gesellschaft bei. Bekräftigt wurde diese Haltung abschließend auch durch eine Publikumsfrage. Auf die Frage, was die heutige Generation von Menschen wie Fischer lernen könne, antwortete diese, dass es wichtig sei, den eigenen Weg zu gehen, sich nicht durch Karriere oder Familie vereinnahmen zu lassen, sondern sich für feministische Arbeit zu engagieren, die Gesellschaft zu verändern, dabei aber auch nicht die Liebe zu vergessen. Wichtig für den Austausch, nicht nur zwischen unterschiedlichen Generationen, sei vor allem das beidseitige Zuhören. Auch wenn dies nicht unbedingt immer dem Temperament der Jugend entspricht, so waren im Publikum doch überwiegend junge Menschen, die hören wollten, was eine Feministin der älteren Generation zu sagen hat. Möglich ist ein beidseitig bereichernder und respektvoller Austausch also durchaus; das wurde an diesem Abend deutlich. Nach gut eineinhalb Stunden angeregten Gesprächs war dann Schluss. Das Literarische Zentrum verabschiedet sich damit in die Sommerpause, knüpft aber hoffentlich im Lauf des weiteren Programms an Veranstaltungen wie diese an.

 

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