Theater im OP

Der Lyriker Beverly Weston (Jürgen Bittrich) ist verschwunden. Zuhause hinterlässt er seine krebskranke Frau Violet (Jella Böhm), die sich mit kleinen Pillen langsam um den Verstand frisst. Zur Unterstützung kommt ihre Familie zu Besuch und hat neben guten Absichten auch jede Menge individuelle Traumata und zwischenmenschliche Zerwürfnisse im Gepäck. In der Augusthitze in vier Wänden zusammengepfercht wird dann ausgesprochen, was viel zu lange vergraben lag.

Regisseur Andreas Hey adaptiert Tracy Letts Stück (im Original: „August: Osage County“) bis auf die Übersetzung in die deutsche Sprache ohne einschneidende Kürzungen, Umdeutungen oder Modernisierungen. Auf zwei Etagen und vier Räumen, die durchgehend aufgebaut und bespielbar sind, lässt er stattdessen sehr viel Raum für den freien Blick des Zuschauers. So kann man zum Beispiel einem Streitgespräch im Schlafzimmer gleichermaßen folgen, wie einem parallel stattfindenden Kartenspiel im Esszimmer. Die Beleuchtung indiziert dabei, welche Bühne auch akustisch aktiv ist. Diese Parallelität des Erzählens lässt auch Kniffe zu, die man sonst eher aus dem Film kennt. Während in einem Raum beispielsweise über die Gefühlswelten einer Person gesprochen wird, kann man diese gleichzeitig im anliegenden Raum beobachten. So ergibt sich aus dem Dialog in dem einen Raum ein erzählerischer Voice Over für den anderen.

Im den begrenzen Räumen des Hauses darf dann zutage treten, was verdrängt oder vergessen worden ist. Während Violet langsam vom Krebs zerfressen wird, versucht ihre Tochter Barbara (Lisa Tyroller) und ihr Mann Bill (Niels Jensen) ihre Trennung zu verheimlichen und gleichzeitig keine irreparablen Schäden an ihrer Tochter Jean (Anika Bittner) zu hinterlassen, die mit Gras, Metal-Shirt und Stummfilm-Restaurationen gerade ihren eigenen Weg zu finden versucht. Violets zweite Tochter Karen (Myrtha Dorothee Werner) bemerkt derweil nicht, dass ihr bereits dreimalig geschiedener Verlobter Steve (Tom Röber) sich an die minderjährige Jean heranmacht. Violets jüngste Tochter Ivy (Dominique Schlaak) verliebt sich zu allem Überfluss auch noch in ihren Cousin „Little“ Charles (Phil Schlöter), der von seinem Vater Charlie (Erhard Kühnle) andauernd vor den Anfeindungen seiner Mutter Mattie Fae (Marion Vina) verteidigt werden muss. Abseits dieser Konfliktlinien steht hilflos die Haushaltshilfe Johnna (Sophia Pfründer) und der Sheriff der Prärie Dionne (Lisa Rubart). Und über allem schwebt das Gespenst des Verschwundenen.

Der begrenzte Raum des Hauses, der ironischerweise im endlosen Hinterland des Osage County in Oklahoma verortet ist, zwingt die Menschen in ihm zur Begegnung und mit der Begegnung zur Konfrontation. Zudem erlaubt er es, die verschiedensten Lebensentwürfe und Vorstellungen miteinander in Beziehung zu setzen - von den adoleszenten Bedürfnissen eines Teenagers bis zu den gescheiterten oder erkalteten Beziehungen der Erwachsenen. Dabei verhandelt das Stück auch immer wieder die Unterschiede, Ungerechtigkeiten und Reibungspunkte zwischen den Geschlechtern, ohne sich in die Einfachheit identitätspolitischen Denkens zu flüchten, da das enorm spielfreudige Ensemble auch immer die jeweiligen Biografien ihrer Figuren mitspielt.

Da ist das Arschloch, das im Dunkeln lauernd um das Mädchen kreist und da ist der lässige Kerl mit den kaputten Jeans und den Cowboy-Schuhen. Da ist die sterbenskranke Frau, die sich darüber beklagt, dass die Frauen mit dem Alter nur hässlicher würden und die ihrer Tochter gleichzeitig rät, sich doch anständig zu schminken. Und da ist das Ehepaar und die Ehekrise und der Wunsch, sich gegenseitig zu verletzen, abzustoßen und dann wieder aufeinander zuzutreiben. „Eine Familie“ zeigt keine Heiligen, keine Opfer, die nicht auch Täter sind, keine Kläger, die nicht auch gesündigt haben. „Eine Familie“ zeigt Menschen, die geliebt haben und deren Liebe verblasst ist, Menschen, die sich nicht hassen, aber auch nicht richtig lieben können. „Eine Familie“ zeigt Menschen mit Fehlern. „Eine Familie“ zeigt Menschen. Die gilt es auszuhalten, mit all ihren Widersprüchen.

Nach der Premiere am 26. Juni gibt es weitere Vorstellungen am 28. und 29. Juni sowie am 2., 3., 5., 6., 9., 10., 12. und 13. Juli im Theater im OP

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