Deutsches Theater

Der mütterliche Blick sondiert die Möglichkeiten. Vielleicht tut ein bisschen Empörung ganz gut, auch wenn die Tatsache, dass Benjamin über Wochen den Schwimmunterricht boykottiert hat, eher merkwürdig anmutet. Umso mehr irritiert dann seine Erklärung, dass dabei seine religiösen Gefühle verletzt würden, vor allem die Schamlosigkeit der Mädchen im Bikini. Noch wirkt Marius Ahrendt sehr verletzlich und auch ein bisschen unsicher über das, was ihn offenbar innerlich umtreibt. Doch das wird sich schon bald ändern, wenn die Bibel als Waffe gegen alles und jeden zum Einsatz kommt und sein Benjamin jede weitere Begründung verweigert.

Marius von Mayenburgs Stück „Märtyrer“, das Johannes Rieder auf der DT-2 Bühne inszeniert hat, deutet zunächst auf eine dieser Teenager Revolten, die sich in religiösem Fanatismus outet und so die Verhältnisse radikal in Frage stellt. Seine Umwelt ist damit natürlich überfordert und nicht nur Benjamins Mutter (Rebecca Klingenberg) muss sich die Androhung von göttlichem Zorn gefallen lassen, weil sie sich als geschiedene Frau nicht an biblische Rollenvorschriften und Stillhalteabkommen gehalten hat. Biologielehrerin Erika Roth (Gaia Vogel) wirbt zwar um Verständnis für einen jugendlichen Hilferuf, aber Schuldirektor Batzler (Florian Eppinger) geht ihr pädagogischer Enthusiasmus dann doch ein bisschen zu weit. Mit zünftigem Badedress für die Mädchen ist das Problem doch leicht zu beheben und der Aufklärungsunterricht sollte auch Schüler wie Benjamin nicht so weit provozieren, dass sie sich nackt vor die Klasse stellen. Schulpfarrer Menrath (Gabriel von Berlepsch) spekuliert vergeblich auf einen gläubigen Kandidaten für sein theologisches Reservat. Er wird ebenso abgeblockt wie Geschichts- und Sportlehrer Dörflinger (Christoph Türkey), den die provokanten Ansagen von göttlichem Zorn und rächenden Flammenschwertern gegen die ungerechten Verhältnisse einfach nur stören.

Punkten kann Benjamin zumindest bei Georg (Moritz Kahl), der sich nun in die Rolle des Jüngers begibt, weil er einen Freund braucht, der nicht wie der Rest der Klasse über seine Behinderung lästert. Seinen moralischen und sexuellen Zwänglichkeiten zum Trotz findet ihn auch Mitschülerin Lydia (Alina Kondrakova) inzwischen ziemlich attraktiv wie er den Unterricht ständig mit martialischen Bibelzitaten aufmischt, die keiner versteht. 

Dass Marius von Mayenburg in seinem „Märtyrer“-Szenario mit typischen Reiz-Reaktionsmustern jongliert, wird schnell klar. Und dass die Atmosphäre zwangläufig eskaliert, wenn Benjamin mit biblischer Wut die Evolutionstheorie anzweifelt, Homosexualität zur Todsünde erklärt und sich in antisemitische Attacken stürzt. Die Gemüter seiner Umwelt vermag er damit kaum zu bewegen, weil die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist und damit, wie sie sich möglichst souverän aus der Affäre zieht, wenn der Bibelstürmer mal wieder ganz gezielt Aufruhr verursacht.

Warum und wie es zu diesen jugendlichen Hasstiraden kam, spielt im Grunde keine Rolle, da der Autor seine Figuren auf Typen reduziert, die sich im passenden Moment empören dürfen oder hilflos genervt mit den Schultern zucken. Es besteht kaum ein Risiko, ihren Reaktionen irgendeine psychologische Grundierung zuzumuten. Das kommt auch in der Inszenierung von Johannes Rieder zum Ausdruck, der diese Typen frech überzeichnet und wie sie der Kampfzone ständig versagen. Dort scheitert umso mehr die engagierte Biologielehrerin, die dem jungen Aufrührer zunächst mit Verständnis und Anteilahme zusetzt und dann wissenschaftlichen Argumenten, die einen Ausweg fundamentalistischen Enklave begründen könnten. Als Einzelkämpferin hat auch sie bereits verloren, bevor es zum letzten bösen Schaukampf um radikale Positionen, Freiräume und dogmatische Visionen geht.

Am Rande dieser leeren Kampfzone hat Bühnen- und Kostümbilder Thomas Unthan ein paar Schulmöbel verteilt, auf denen das pädagogische Personal an seinem Styling werkelt. Mehr und mehr bedecken bunte Schmucksteinchen die Haut und die Gesichter, die mit silbrig glänzenden Farbspuren veredelt und zum Showdown aufgerüstet werden. Den Schulverweis bekommt natürlich die Lehrerin, die diesen versonnen lächelnden Einzelkämpfer bedrängt, der sich auch die Rolle des unschuldigen Opfers versteht. Jetzt kriegt Benjamin endlich die Form von Aufmerksamkeit, die mit biblischen und anderen Provokationen allein nicht zu bekommen war und nicht etwa diese ungläubige Pädagogin, die zur Nagelpistole greift und als ebenso verlorene Einzelkämpferin unbedingt die Stellung halten will.

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