Lokhalle

Göttinger Symphonie Orchester und die Göttinger Stadtkantorei mit Nicholas Milton

Wow, was für ein Abend! Zweieinhalbtausend Besucher füllten am Freitag die Lokhalle, ein ausverkauftes Haus. Das Göttinger Symphonie Orchester hatte sein drittes Konzert im Zyklus Promenade mit einem besonders attraktiven Programm ausgestattet: Orffs „Carmina Burana“ als Zugstück, populär wie kaum ein zweites chorsymphonisches Werk des 20. Jahrhunderts, gern als Tournee-Event mit garantierter Kasse genutzt, manchmal auch in einer getanzten Version. Auf solche Dinge verzichtete GSO-Chefdirigent Nicholas Milton, er setzte auf Qualität, auf eine sorgfältige Vorbereitung und leistungsfähige Partner.

Die hatte er auch anderenorts gefunden: in der Universität Göttingen. Der Konzertabend war nicht allein den GSO-Abonnenten dieser Reihe (und im normalen freien Verkauf) angeboten. Ein Kontingent von 1000 Eintrittskarten hatte die Universität gebucht – als Dankeschön für ihre Mitarbeiter, die Alumni und die Studierenden. Universitätsangehörige und Alumni zahlten einen Sonderpreis von fünf Euro pro Karte, Studierende kamen mit einem symbolischen Preis von einem Euro in die Lokhalle. Schon am Donnerstag ging nichts mehr, alles ausverkauft. Gut fünf Minuten später als anvisiert begann der Abend, weil es ziemlich lange dauert, bis solche Menschenmengen ihre Plätze eingenommen haben. Nur ein paar Stühle in den letzten Reihen des Parketts blieben leer. Sie waren für die Choristen freigehalten worden. Doch die hatten, weil sie erst nach der Pause an der Reihe waren, die Zeit zum Einsingen im Johannis-Gemeindesaal genutzt.

Pompös begann der Abend mit der „Festlichen Ouvertüre“ von Dmitri Schostakowitsch, komponiert 1954 für eine Jubelfeier zum Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Ort der Uraufführung: das Moskauer Bolschoi-Theater. Kein Wunder, dass diese Musik perfekt zum Ambiente der Lokhalle passte: Sie ist für große Säle konditioniert. Musikalisch hat sie nicht die Tiefe der Symphonien – das ist aber auch gar nicht ihr Zweck. Sie soll die Herzen hoch stimmen, darf hier und da ein bisschen erhaben sein, ist dabei aber überhaupt nicht steif, sondern hat Schwung und macht Laune. Vor allem dann, wenn sie so stürmisch musiziert wird, wie es Milton seinen Musikerinnen und Musikern abverlangte, mit großer Geste, spannenden Steigerungen und blitzender Virtuosität.

Nachdem die Zuhörerschaft derart emotional auf Touren gebracht war, griff Milton zum Mikrofon und begrüßte sein Publikum mit herzlichem Charme – gleich mit einem Werbe-Hinweis auf die nächste GSO-Nacht der Filmmusik in der Lokhalle am 6. Dezember „An Evening with James Bond“ mit der Sopranistin Mary Carewe, die mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra eine grandiose Aufnahme sämtlicher Bond-Songs eingespielt hat. Milton: „Ich komme als James Bond!“ Doch dieser Tipp war nicht der einzige Grund für Miltons Griff zum Mikrofon. Er verabschiedete an diesem Abend zwei langjährige GSO-Geiger, die in Ruhestand treten: Nikolaus Kardos und Wojtek Bolimowski, beide seit den 1980er-Jahren im Dienst des Orchesters. Bolimowski wird dem GSO weiter als Arrangeur verbunden bleiben, ließ Milton verlauten. Er betonte, das Orchester sei „eine Familie“ – und zu dieser Familie gehöre auch das Publikum.

Das Mikrofon beiseitegelegt, eine Körperdrehung, und aus dem fröhlichen Plauderer Milton wurde der alles fordernde, bohrend intensive Dirigent, der Igor Strawinskys „Feuervogel“-Suite zum Glühen brachte. Hier leuchteten orientalische Farben, hier herrschte märchenhafter Zauber, dunkle Magie, hier gab es musikalische Liebkosungen und wahre Klang-Explosionen. Das ist eine enorme Herausforderung an die Tonregie – denn unverstärkt lässt sich in der Lokhalle nun einmal nicht Musik machen. Da saß offenbar ein Klassik-Spezialist am Technik-Pult, man konnte von der Tribüne aus sehen, dass er die Partitur mitlas. Er dosierte die Verstärkung so sensibel und geschmackvoll, dass – im Gegensatz zu den nicht immer restlos geglückten Anfängen dieser Saison – der Klang in der Halle keinen technischen Beigeschmack bekam, sondern (fast) natürlich anmutete. Diese Leistung hat ein ganz besonderes Kompliment verdient.

Nicht zu vergessen die Komplimente, die man dem Orchester hier machen musste. Es spielte mit großer Disziplin und Präzision, mit Virtuosität, klangschönen Soli und einer fein abgestuften Dynamik, die bis in ein fast unhörbares (aber damit umso fühlbareres) Pianissimo reichte. Das war ein furioser Abschluss zur Pause, lautstark vom Publikum bejubelt.
Doch im Vergleich zum donnernden Schlussapplaus war das nur eine sanfte Vorübung. Wenn es schon als unmöglich gilt, von Alfred Hitchcock nicht gefesselt zu sein, so ist es, mit Verlaub, noch unmöglicher, von Orffs Carmina Burana nicht hingerissen zu sein. Die wirkungssicher gesetzten Effekte behalten ihre Wirkung auch beim x-ten Wiederhören, das sich unaufhaltsam drehende Rad der Fortuna reißt alle Anwesenden mit sich, Orff lässt sein Publikum staunen, erschrecken, bringt es auch zum Lachen, seine Musik fährt manchmal in die Beine, ist auch sentimental, ja manchmal dicht an der Grenze zum Kitsch – aber sie geht so zu Herzen, dass man alles verzeiht und genießt.

Für diesen Genuss sorgten gut 160 Mitwirkende auf der Bühne, von Milton immer wieder inspiriert, animiert und befeuert, ohne dass der große Apparat je außer Kontrolle kam. Das Orchester ist besonders im Schlagzeugbereich stark besetzt, zwei Klaviere sorgen für zusätzliche Klangwirkungen. Den rund 100-köpfigen Chor bildete die von Bernd Eberhardt sorgfältig vorbereitete Göttinger Stadtkantorei, verstärkt von den Männerstimmen des Göttinger Knabenchors (Einstudierung: Michael Krause): stimmstark und nicht nur in der Intonation, sondern auch rhythmisch präzise. Spezielle rührende Wirkungen erzielt Orff mit dem Einsatz von Kinderstimmen, mit denen 16 Jungen aus dem Göttinger Knabenchor betraut waren, die ihren Part auswendig beherrschten und in ihrer Chorkleidung einen schönen gelben Farbtupfer auf dem ansonsten eher schwarzweiß dominierten Podium setzten. Dazu kommen drei Gesangssolisten. Dem Bariton sind die umfangreichsten Aufgaben zugedacht, von Changbo Wang mit edlem Timbre und resonanzreichen Ton vorgetragen. Helle Lichter setzte sie Sopranistin Juliana Zara mit ihrer wohlklingenden, auch in den höchsten Lagen unangestrengten Stimme. Eine einzige Arie hat Orff für einen Tenor in sehr hoher Lage geschrieben: ein Stück, in dem der Schwan davon erzählt, wie er gerade gebraten wird. Milton hatte für diese Rolle den in Berlin geborenen Countertenor Georg Bochow engagiert, der nicht nur ein perfekter Sänger ist, sondern seinen drei Strophen langen Auftritt als hinreißend komisch-traurige Choreografie eines flügellahmen Vogels gestaltete: ein tänzerisches Kabinettstück.

Nach dem Tutti-Fortissimo-Schluss brach der Jubel los, man hörte Bravorufe, und im Nu hatten sich alle Zuhörer von ihren Plätzen erhoben, um im Stehen zu applaudieren. Diesen begeisterten Beifall hatten die Mitwirkenden dieses glanzvollen Konzerts vollauf verdient. Uni-Präsidenten Ulrike Beisiegel griff am Ende zum Mikrofon und bedankte sich bei Milton für diese harmonische Zusammenarbeit – woraufhin dieser der von ihm eingangs beschriebenen Familie aus Orchester und Publikum gleich noch die Universität beigesellte.
Wow, was für ein Abend!

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