ThOP

16 Jahre nach seiner Uraufführung wurde das Stück „Der Kissenmann“ des irischen Dramatikers, Filmregisseurs und Produzenten Martin McDonagh am Freitag im ThOP neu aufgelegt. Unter der Regie von René Anders teilt sich die Bühne dabei in zwei Abschnitte: auf der einen Seite ein Kinderzimmer, dessen Boden über und über mit eng beschriebenen Manuskriptseiten beklebt ist, auf der anderen Seite ein Tisch, drei Stühle und eine Verhörsituation wie man sie vom sonntäglichen „Tatort“ kennt. Hier beteuert Katurian (Jakob Jockers), Autor mehrerer grausamer Horror-Geschichten, seine Beteiligung an einer Serie von Kindermorden. Die Ermittler eines fiktiven autoritären Staatsapparats, Tupolski (Theo Ockert) und Ariel (Clemens Ibrom), wollen sich damit jedoch nicht zufriedengeben. Sie vermuten in der Fiktion seiner Geschichten Hinweise auf die Wirklichkeit der Serienmorde...

Es zeichnet sich recht schnell ab, dass McDonagh mit seinem Stück mehr wollte, als lediglich ein paar Zuschauer mit Gewalt- und Elendsbebilderungen zu schockieren. Über die Verhörsituation, die zentrale Situation des Stücks, die zudem als Klammer fungiert, verhandelt McDonagh immer wieder das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit, die Verantwortung des Schriftstellers und damit nicht zuletzt seine eigene Verantwortung als Autor dieses Stücks. Worin genau besteht nämlich die Verantwortung des Schriftstellers gegenüber der Welt und welche Verbindungslinien bestehen zwischen dem Grauen der Fiktion und dem Grauen der Wirklichkeit? Ist die Fiktion ursächlich für diese Grausamkeiten, die sich Menschen einander zufügen oder greift sie lediglich das vorgefundene Grauen auf, reflektiert und spiegelt es? An einer Stelle sinniert der Autor gemeinsam mit seinem Bruder (Nils Finck) darüber, welche seiner Geschichten denn übrigbleiben würden, wenn sie sichergehen wollten, dass auch niemand Teile der Geschichten als Inspiration für wirkliche Verbrechen nutzte. Schlussendlich verbleiben sie lediglich mit einer einzigen Geschichte, die sie guten Gewissens als harmlos einstufen würden.

Die schnippischen, sich immer wieder überlappenden Dialoggefechte sind kennzeichnend für McDonaghs Stil. Beständig wird sich ins Wort gefallen, Sätze angefangen und dann unterbrochen, statt ewige Monologe zu sprechen, die zufällig aneinander gerichtet sind. Diesen naturalistischen Stil meistert das Ensemble des ThOP und übersetzt ihn zugleich in ein betont körperliches, eher expressives Spiel. Immer wieder lösen sich die Komplikationen und Missverständnisse in der zwischenmenschlichen Kommunikation im Witz des Absurden auf. Zugleich scheint McDonagh gerade Adjektive wie absurd und skurril provozieren zu wollen, ohne wirklich auf etwas hinauszulaufen. In der Darstellung von Gewalt und Elend lässt sich sicherlich auch danach fragen, ob und wann hierbei der Selbstzweck des Gezeigten erreicht wird. Bisweilen zelebriert das Stück das Elend geradezu, ohne dass die Elendserfahrungen eine besondere Erkenntnis bereithalten. Sie kleiden lediglich detailliert aus, was erzählerisch längst abgehandelt ist.

Wenngleich der Humor auch in diesem Stück nicht zu kurz kommt, ist „Der Kissenmann“ gerade durch die Verquickung von grausamen deutschen Märchengeschichten, sowie frühkindlichen Misshandlungserfahrungen noch einmal eine Spur düsterer als dessen jüngste Spielfilme „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ oder der ähnlich Meta-reflektive „7 Psychos“. Zugleich schafft das Stück das, was gute Kunst schaffen sollte: es reißt aus der eigenen Lebenswirklichkeit heraus, ohne es eskapistisch auszublenden. Es fragt nach dem Verhältnis von sich selbst zu der Wirklichkeit des Zuschauers. Und es lässt einen dabei alles andere als kalt zurück.

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