Junges Theater

Was ist Glück? Wie erlangt man es? Findet man es oder findet es einen? Ganz in der Tradition des Vorjahres-Erfolgsstücks „Shortcuts“ gestaltete der Club Göttingen auch sein diesjähriges Stück: Unter der Leitung von Agnes Giese, Andreas Krüger und Christian Vilmar beschäftigten sich die ambitionierten Laien-Schauspieler auf experimentell-künstlerische Art und Weise erneut mit Fragen des Lebens, die einen jeden beschäftigen – Jung und Alt, Arm und Reich, Altmodisch und Modern.

„Worüber haben wir uns eigentlich früher Sorgen gemacht? Würde alles, was wir vergessen haben, hier reinpassen? Und können wir diese unerträgliche Leere mit neuen Geschichten füllen?“ Außergewöhnlicher könnte eine Begrüßung kaum sein, als diese Fragen im Foyer des Theaters von einer Leiter aus entgegengeworfen zu bekommen. Doch ebenso außergewöhnlich sind auch Ablauf und Szenerien des Abends gestaltet: Die Gäste, in drei Gruppen aufgeteilt, werden an die unterschiedlichsten Spielorte geführt, an denen ihnen nicht nur philosophische Monologe, humorvoll-bewegende Erzählungen und emotionale Dialoge, sondern auch Improvisationskünste und beeindruckende schauspielerische Leistungen geboten werden.

Der erste Weg führt die Zuschauer ins Treppenhaus zu einem Mann, der, dem Schmerz des Verlassenwerdens ausgesetzt, sich immer wieder fragt, warum sie nicht anruft. Und zu einem Golfer, der mitten im Spiel einen Anruf von seiner Mutter erhält und gezwungen ist, sich mit ihr über die Heirat von Männern mit ihren Müttern auseinanderzusetzen – sichtlich genervt, zumindest, bis das Stichwort „Geld“ fällt.

Von ganz oben geht nach ganz unten: In kalt-engen, katakombenähnlichen Kellerräumen stellt sich eine junge Frau die Frage, ob man heute noch mit einem fremden Menschen in einer Höhle wohnen könnte. Gruselige Vorstellung! Andererseits – durchaus reizvoll, solange es sich bei ihm um den James Bond-Darsteller handele. Ein Mann, nicht wissend, wie er an diesen Ort gekommen ist, sucht an einer endlos langen weißen Wand verzweifelt nach einem Ausgang.

Durch die Räume und Gemäuer des JT-Kellers hindurch geht es weiter ins Freie, die Treppen hinauf, bis auf den Kaz-Platz. Dort philosophiert ein junger Mann über die Frage, warum normales Benehmen nie belohnt werde und ob nicht alles einfacher sei, wenn man ein wenig frecher wäre. Mit dem Öffnen der Türen des Notausgangs wird den Gästen ein neuer Schauplatz zuteil: Es präsentiert sich eine junge Feministin, rebellisch-frech, in pinkem Rock, lauthals vertönend, man müsse doch nicht für den Manne schön sein, man lebe doch nicht mehr in den 50ern! Ihre Parole „ich bin kein Objekt, ich bin eine Maschine!“ wird durch ein genervt-kühles „Reicht dann auch mal“ beendet. Zurück am Eingang treffen die Zuschauer auf eine junge Obdachlose, die die Frage „Findet mich das Glück?“ als pathetischen Mist abstempelt und nach einem tiefen Zug aus ihrer Flasche erklärt: Glück könne einen nicht finden, es sei ein Gefühl, das man in sich trage und viel zu selten würdige – ein leckeres Essen, ein gutes Gespräch, ein freundliches Lächeln.

Erneut führt der Weg die hölzerne Treppe hinauf, diesmal in den Probenraum des Club Göttingen. Begrüßt werden die Gäste dort von der Kellnerin Frau Grey, die über ihre Pflicht als immer freundliche, Wünsche erfüllende Bedienung klagt, dem sie manchmal gern entfliehen würde – wenn auch nicht auf die feine englische Art, sondern „in your face!“ Eine Dame ereifert sich über den Mann, der sie versetzt, und lässt ihre Wut an der Waschmaschine aus, die nicht funktioniert und daher keine Daseinsberechtigung habe. Mit der Hand über ihr Gewehr streichend, dazu ein abgründiges Lächeln, beteuert sie, eigentlich sei sie doch ein ganz friedlicher Mensch. Ein syrischer Flüchtling sinniert über Liebe und zitiert auf Arabisch ein selbst verfasstes Gedicht über Frauen und Alkohol.

Letzte Station: Theatersaal. Zu dem Volkslied „Üb immer Treu und Redlichkeit“, begleitet von Thomas Paul Schepansky am Klavier, vereint sich das Ensemble wieder. Darf sich die Wahrheit alles erlauben? Lebt meine Seele in einem fremden Land? Führe ich ein modernes Leben? Was ist der Zeitgeist? Gesellschaftliche Fragen wie diesen, in einer Welt voller Umbrüche und Unwägbarkeiten, wird sich nun in dialogischen Szenen angenähert. Ein unsportlicher Mann, abhängig von seinen Gelüsten, wird zum Marathon-Läufer, der bis in das Land läuft, in dem seine Seele wohnt. Ein kleines Mädchen, das entgegen der väterlichen Vorstellungen nicht Bankdirektorin wird, sondern ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, realisiert.

Der Schluss, dass Menschen nicht für die totale Wahrheit gemacht sind. Die Erkenntnis, nicht dem Zeitgeist entsprechen zu müssen. Es ist eine Suche nach Antworten, das Erleben von Wünschen, Hoffnungen, Träumen, Vergangenheit, Jetzt und Zukunft, emotional, humorvoll und mitreißend. Und schließlich ist es das Glück, das die anfängliche Leere füllt, „zum Greifen nah, heute und gestern, stürzt es mit unerwarteter Gewalt zur Tür herein, um zu bleiben, für einen Augenblick“.

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