Werkraum Göttingen

Eine sehr spezielle Besetzung kündigt Bernd Schumann für dieses Konzert in der Reihe Göttinger Abende zeitgenössischer Musik an. Doch schon bei Chikako Morishitas Komposition „Lizard (Shadow & Light)“ wird für die Zuhörer im Werkraum des Boat People Projekt spürbar, dass Trompete, Klarinette und Posaune vor allem eine besondere Form des Dialoges verbindet, insbesondere durch den Einsatz von Bassklarinette, Bassetthorn und Doppeltrichtertrompete. Eine Fülle faszinierender Atemstimmen lassen die drei Musiker an diesem Abend mit Tönen und Schwingungen, perkussiven Bildern und Geräuschen verschmelzen.

Es ist bereits das sechste Konzert, das Schumann in dieser Reihe initiiert hat. Dabei wird nicht nur auf aktuelle Experimente und Klangprojekte aufmerksam gemacht, sondern das Programm auch mit Zeitsprüngen verbunden. 40 Jahre liegen zwischen Morishitas kurz aufblitzenden Klangbildern, die sich an der japanischen Gedichtform des Haiku orientieren, und den Motiven aus Karlheinz Stockhausens Opernzyklus „Licht“, in denen er die sieben Tage der Woche vertonte. Wie in den vergangenen Konzerten auch machen die Zuhörer dabei die Erfahrung, dass Stockhausens experimentelle Klangsprache nach der Begegnung mit aktuellen Klangfantasien fast schon vertraut anmutet.

Merve Kazokoğlu (Klarinette), Stephen Menotti (Posaune) und Paul Hübner  (Trompete) verwandeln zunächst die Schatten und Lichtpoesie der japanischen Komponistin in ein assoziatives Abenteuer. Da schlängeln sich die Töne der Klarinette wie aus einer dunklen Höhle und erfahren einen luftigen Rausch, in den die Posaune mit erdenden Schwingungen in den gemeinsamen Höhenflug vordringt. Es kommt zu zarten melodische Verwicklungen, perkussivem Aufruhr und hitzigen Dampfgeräuschen, die von der Trompete metallisch eingefärbt werden bis auch die rhythmischen Schläge in einem sanften Puls übergleiten und in einen offenen Horizont von beschwingenden Tönen.

Auch für diesen Abend mit zeitgenössischer Musik hat Bernd Schumann mit Hang Su wieder einen Komponisten eingeladen, um im Gespräch weiteres experimentelles Neuland zu erkunden. Der chinesische Musiker, der am Konservatorium für Musik und Theater in Leipzig studiert hat, berichtet von Experimenten mit Zahlenreihen, physikalischen Mustern und graphischen Variationen bei der Erforschung von Klangräumen und Schwingungsverhältnissen. Davon geprägt ist auch seine Komposition „Julischnee“, bei der drei Musiker ein gewaltiges Naturschauspiel virtuos imaginieren.  Bassetthorn, Posaune und Trompete blähen sich zu einem stürmischen Wind auf. Es sind die ersten Zeichen eines Tsunamis, den Hang Su in seinem „Julischnee“ beschreibt. Wellenberge türmen sich auf, dröhnen und zischen, bis sich ihre zerstörerische Flut in eine wilde Geräuschlandschaft verwandelt, wo es knistert, splittert und die röchelnden Atemgeräusche leise verhauchen.

Wie ein meditatives Schauspiel entfalten sich die Lichtstimmungen von Karlheinz Stockhausen, wenn die Musiker auf der Werkraumbühne in alle Himmelsrichtungen ausschwärmen, mit Bassklarinette und Doppeltrichtertrompete. „Nicht weiß das Licht, was es will“, heißt es in einem Gedicht des spanischen Dramatikers Federico García Lorca, „in seinen eignen opalen Grenzen findet es selbst sich“. Diese Atmosphäre des Suchens und Findens für einen Moment des gemeinsamen Schimmerns blüht in den Begegnungen der Instrumente immer wieder auf. Immer wieder verschmilzt der Klang der Bassklarinette mit dem wärmenden Ton der Posaune, als ob es sich um ein Instrument handelt, das die hellen und matten Lichtfarben umkreist. Mit sechs verschiedenen Dämpfern moduliert Paul Hübner die vielfarbigen Schwingungen auf seiner Doppeltrompete. Flüstern darf das Licht, tanzen und tippeln, mit kleinen perkussiven Schritten unterwegs sein, Klangkreise zeichnen und luftige Wirbel, dann plötzlich aufgeraut widerspenstig klingen oder wie eine zarte poetische Klangwolke.

Auch in faszinierende Echoräume begeben sich die Musiker mit Stockhausens Motiven und ihren rätselhaft anmutenden Titeln aus dem Licht-Zyklus: „Drachenkampf“ aus „Donnerstag“ oder „Evas Spiegel“ aus „Montag“. Vorübergehend verlassen sie sogar die Bühne, so dass der Lichtruf der Posaune hinter dem Vorgang zirkuliert, um sich wie aus der Ferne in einen intimen Dialog mit der Bassklarinette zu begeben oder das Funkeln der Doppeltrichtertrompete anzustrahlen. Die Zuhörer lauschen nun dem Licht hinterher und wie es sich mit den letzten Tönen in dieser bewegenden Begegnung mit zeitgenössischer Musik so wunderbar zart verhaucht.

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