Deutsches Theater

Für eine Zigarette ist wohl noch Zeit, auch wenn die Party längst vorbei ist. Von einer Spieluhr möchte die Gestalt auf dem Sofa auch gern noch mehr hören. Aber signalisiert sie damit ein besonderes Interesse an dem Gastgeber, der die Szene beobachtet, die sich vor sieben Jahren abgespielt hat, als er seine Professur feierte und dabei dieser Antoinette (Katharina Möller) begegnete, die so attraktiv anmutete, intelligent und vielleicht sogar ein bisschen geheimnisvoll. Später wollte er sie ja ursprünglich zum Taxi begleiten, doch der Abend sollte anders enden.

Es ist genau dieser Moment der Entscheidung, der Hannes Kürmann (Gerd Zinck) zu schaffen macht, weil er seinem früheren Leben eine andere Wendung geben will. Diese Chance gewährt ihm Max Frisch in seinem Stück „Biografie: Ein Spiel“, das Christopher Haninger auf der DT-2 Bühne inszeniert hat.

Zunächst steht Gerd Zinck noch an dem Mischpult, dass am Rande dieses Szenarios von früher auch eine Versuchsanordnung markiert. Er hat mit Gregor Schleuning einen Spielleiter an seiner Seite, der ihm mit Katharina Müller die nächtliche Begegnung zunächst noch einmal vorspielt und für alle weiteren Versuche zum kritischen Beobachter wird, der ständig interveniert. Mag sein, dass es vor sieben Jahren so war, mit der letzten Zigarette, auf die weitere folgten, mit dem GlasWhisky und mit diesem Small Talk und den subtilen erotischen Signalen, Aber genau das, was dieser Hannes Kürmann, daran korrigieren möchte, findet nicht statt. Kein Versuch will gelingen, diese Begegnung ohne eine Fortsetzung enden zu lassen, damit die nachfolgenden Ereignisse nicht stattfinden. Immer wieder verweigert sich etwas in dieser Vorstellung von einer „Biografie ohne Antoinette“, ohne die es keine Ehe gegeben hätte, in der zwei Menschen aneinander vorbei leben und sich abgrenzen, keine heimlichen Liebhaber und vielleicht auch keinen Karriereknick.

Oft sind es nur Nuancen in dieser scheinbar immer gleichen Szene, die Regisseur Christopher Haninger wie in einer Partitur betont. Es sind die sekundenkurzen Momente zwischen den Zeilen, wenn die Schauspieler in Blicken und Gesten auf eine weitere Option deuten, dass das Verhalten ihrer Figur eben nie so ganz berechenbar ist, dass daraus aber keineswegs ein Täuschungsmanöver werden muss. Der Schein trügt hier nur den, der darauf vertraut um dann in die Projektionsfalle zu stürzen.

Auch dass Erinnerungen, Flashbacks oder reflektierende Rückblicke auf die eigene Geschichte sich eigenwillig verhalten, weil sie ständig deformiert, verfremdet, beschönigt und partiell verdrängt werden, ist eine Gedankenspur, die in jeder weiteren Variation reflektiert wird, während der Spielleiter die Situation erneut justiert. Wenn es wirklich so oder so ähnlich gewesen sein sollte, dann muss etwas anders werden, weil es sonst keine Biografie ohne Antoinette geben kann.

Was sich nicht korrigieren oder beschönigen lässt, ist Kürmanns Krebserkrankung, die zunächst fast en passant Erwähnung findet, als ob sie in dieser biografischen Versuchslabor keine Rolle spielt. Sie kommt später zur Sprache, wenn alle Variationen dieser ersten Begegnung des Paares durchgespielt sind und dann in Episoden ihrer gemeinsamen Geschichte münden. Mit der ärztlichen Diagnose, dem Klinikaufenthalt, dem unerwarteten Besuch von Antonias Liebhaber. Haningers Inszenierung vermeidet hier mögliche Spekulationen, dass sich die Gestalt im Rollstuhl in Endzeitstimmung befindet und deshalb jetzt ein anderes Bild von ihrer Lebensgeschichte hinterlassen möchte. Fakt ist, dass Kürmann sterben wird und jetzt mit dieser Tatsache lebt, während er seiner Vorgeschichte unbedingt eine andere Wendung mit weniger schmerzhaft enttäuschenden Anteilen geben will.

Es gibt ja auch Lob vom Spielleiter, wenn er jetzt im Streit mit Antonia zu einer moderaten Haltung ohne Gebrüll findet und die Begegnung nicht mit einer Ohrfeige endet. „Sie sehen, Sie können auch anders.“ Selbst der heimliche Wunsch, diese Ehedesaster mit einem Schuss in den Rücken zu beenden, wird jetzt zu einer Option in diesem Spiel der Möglichkeiten, wenn auch nur in der Phantasie. Bis zum nächsten Versuch, die alten Verhaltensmuster endlich auszuhebeln, um sich erneut an ihnen festzuhalten und mit ihnen eben auch an den berührenden Erinnerungen, die nicht weichen wollen. Max Frisch gönnt seinem Sinnsucher einen letzten Versuch mit Zigaretten, Whisky und charmantem Small Talk, der ihm auch gelingt. Nur dass die Ansage „Biografie ohne Antoinette“ jetzt noch eine ganz andere Bedeutung erfährt, die in diesem Schauspiel der intensiven Nahaufnahmen nachhaltig bewegt. Nach all den „was wäre, wenn“-Spekulationen ist jetzt der Moment des Loslassens gekommen, wo es nicht mehr um die Frage geht, wie hätte anders laufen können, sondern um die Chance, sich mit der eigenen Biografie zu versöhnen.

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