Junges Theater

„Und übrigens: ich will die Scheidung!“ – drei historisch gekleidete Frauen sitzen an zwei Tischen. Es wird getratscht – es wird zickig. Dabei sind sich die drei Frauen so ähnlich: es handelt sich um drei der Göttinger Universitätsmamsellen, die sich gegenseitig ihre Lebenswege und Lebensentscheidungen vorwerfen. Welches Kind ist von welchem Vater? Wer ist mit wem fremdgegangen? Es sind die Wirrungen, die bis heute in Klatschzeitungen besprochen werden. Zum Glück handelt es sich bei diesen Frauen um intelligente und vielseitige Charaktere, die der Reflexion mächtig sind. So stehen sie auf und stellen fest, dass es nicht sie selbst sind, die sich wahrhaftig über diese banalen Themen echauffieren. Es ist die moralisierende Gesellschaft und die Zeit, in der sie leben – und die Zeit, in der wir heute leben. Es ist das Publikum als Teil der Gesellschaft. Es ist jeder für sich und alle gegeneinander. „Aloha!“, lautet die Absage an den Sexismus, an die Rolle der Frau, an die erwartbare Absage der Gesellschaft an die Emanzipation.

In diesem dritten Stück von Peter Schanz im Jungen Theater wird vorrangig die Geschichte der Universitätsmamsell Therese Huber erzählt: Tochter des Altphilologen Christian Gottlob Heyne, Ehefrau des Ethnologen Georg Forster, in zweiter Ehe Frau des Schriftstellers Ludwig Ferdinand Huber. Ganz nebenbei gebar sie zehn Kinder, war Übersetzerin, Schriftstellerin, Redakteurin und vieles mehr. Das Theaterstück erzählt im Jungen Theater vor allem von ihrer Ehe mit Georg Forster, die als unromantisch, einengend und leer für beide Partner dargestellt wird.

„Familienanamnese!“ – bevor es richtig los gehen kann, bietet das Ensemble den Einblick in die Biografien der beiden Ehepartner. Georg, gespielt von Jacqueline Sophie Mendel, wird als schwächliches Baby geboren, leidet lange unter gesundheitlichen Problemen. Der „schwierige“ Vater, ein Choleriker und Gewalttäter, lässt den Sohn seine Versäumnisse ausbaden. Überzeugend spielt Agnes Giese diesen Unsympathen – beim Umschmeißen eines Tisches bricht versehentlich stilecht eine Ecke ab. Katharina Brehl spielt die verständnisvolle Therese, die der Familienanamnese beiwohnt. Ruhig hebt sie den Tisch immer wieder auf, den der cholerische Vater ihres zukünftigen Ehemanns immer wieder umwirft. Die, als selbstverständlich wahrgenommene, Rolle der Frau als Streitschlichterin wird so ganz hervorragend nebenbei verarbeitet. Thereses Familienanamnese zeichnet ein ähnlich liebloses Bild. Die Mutter, „so gar keine Hausfrau“, lässt die Wohnsituation verkommen und betrügt ihren Ehemann. Therese, voller Empathie für ihren Vater, leidet darunter. „Ich war hässlich. Ich war heftig“, erzählt Therese – also genau das, was eine Frau nicht sein soll. Sie liest sehr früh und sehr viel, doch verbirgt ihre Lektüre, denn sie durchschaut früh, dass gebildete Frauen unbeliebte Frauen sind.

Nach dieser Einführung geht das Theaterstück so richtig los. Ab in die Südsee. Auf der Bühne stehen viele Eimer; Licht und Sound suggerieren Unwetter, Meer und Schifffahrt. Skorbut, Alkohol, fehlendes Wasser, fehlende Frauen – die Gräuel der Seefahrt werden deutlich. Im gesamten Theaterstück werden Quellen wie Briefe und Reiseberichte effektiv genutzt und fabelhaft inszeniert. Eine Stimme liest flüsternd die Ankunftsbeschreibung in der Südsee vor. „Wir hatten das Paradies gefunden!“ Zur Darstellung wird ein Diaprojektor eingesetzt – auf der Rückwand der Bühne bewegen sich Schriftquellen und historische Zeichnungen.

Georg trifft auf eine schöne Einheimische. Weiß trifft auf Schwarz, verklemmt trifft auf freizügig, „zivilisiert“ auf „wild“ – Georg empfindet die Lebensweise als befreiend, findet jedoch nicht aus seiner europäischen Prägung heraus. Zwischen den beiden entsteht das, was Georg als „Liebe“ bezeichnet. „Liebe“ ist jedoch auch genau die Instanz, die Therese und Georg in ihrer Ehe später vermissen werden. Schon ihre Überlegungen zur bevorstehenden Hochzeit sind berechnend. In Einzelgesprächen erläutern sie dem Publikum ihre Überlegungen. Insgesamt zeichnet sich das Theaterstück durch Transparenz sowie durch das Springen in den Zeiten und die Selbstreflexion der Figuren aus. Besonders reizvoll wird dies in einer Szene umgesetzt, die das Missionieren im Kolonialismus thematisiert. Katharina Brehl spielt den Missionar, der die „Wilden“ „kultivieren“ will – mit Vergewaltigung in Missionarsstellung. Missionieren ist Ermächtigung. Vergewaltigung ist Ermächtigung. Beleidigung ist Ermächtigung. „Paradise lost!“

„Warum war ich jetzt der europäische Missionar?“, fragt Katharina Brehl. „Warum wurde die dunkelhäutige Schauspielerin nicht mit der Südseewilden besetzt?“. Aus Angst vor dem Vorwurf von postkolonialem Rassismus? Aber ist das dann nicht auch rassistisch? Indem Peter Schanz diese Zwickmühle in das Drehbuch einbaut, kann er sich selbst aus der Falle ziehen, in die er als Autor, Regisseur und Ausstatter des Stückes sonst unweigerlich hätte tappen müssen. Ein cleverer Zug, der zusätzlich die unlösbaren Probleme der politischen Korrektheit deutlich macht.

„Aloha Therese!“ verpackt die Geschichte einer Universitätsmamsell, den Kolonialismus, die Emanzipation und allgemein menschliche Themen in ein rasantes Theaterstück – vielseitig, anregend und auf hohem Niveau reflektierend. „Es gibt kein Zurück. Aber es gibt eine Verantwortung für das Jetzt und für die Zukunft (…) für Freiheit und für Gleichheit und für Schwesterlichkeit.“

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