boat people projekt

Auf den alten Fotografien scheint die Sonne und auch in den Videos, in denen eine lächelnde Müjgan (Selin Kavak) ihr Leben in einer lichten Umgebung genießt. Die Gestalt, die jetzt mit diesen Bildern in ihr früheres Leben eintaucht, scheint sich in einer Höhle verschanzt zu haben. Es will einfach nicht voran gehen mit dem Drehbuch für eine türkische Fernsehserie, bei dem sie die Motive für den Tod einer der Hauptfiguren liefern soll. Trotz der vielen bedruckten Blätter, die im Werkraum des boat people projekt einen hellen Vorhang bilden, mutet der Bühnenraum wie ein dunkles Gewölbe an, das sich dem Licht verschließt, bis eine weitere Gestalt diese Blätterwand von außen aufreißt.

Es ist Zehra (Sinem Süle), die sich ihrer Geschichte als Fernsehfigur verweigert. Sie will nicht sterben und sie wehrt sich auch gegen die Opferrolle, die ihr die Autorin zugedacht hat. Jetzt wollen nicht nur die Gegensätze und Widersprüche zur Sprache kommen, wie sie die türkische Drehbuchautorin Ceylan Ünal mit ihrem Stück „Schwesternherz“ in den beiden Frauen enttarnt. Es geht auch um Vorurteile und Missverständnisse, die Regisseurin Sonja Elena Schroeder mit den beiden türkischen Schauspielerinnen in ihrer Inszenierung freilegt und wie sehr sie den deutsch türkischen Dialog mit seinen Gesellschaftsbildern prägen.

Mit ihrem Erscheinen unterwandert Zehra zunächst den tristen Alltag von Müjgan, die seit drei Jahren in Berlin vereinsamt. Ehemann Franz schreibt ständig sms über Meetings, die länger dauern, dass er den Sohn nicht vom Kindergarten abholen kann und dass aus der gemeinsamen Verabredung wieder mal nichts wird. Dann wird auch mal über die türkische Nachbarin und ihre Familie gelästert, wie es Müjgan ebenfalls immer wieder durch den Sinn geht. Dass diese Hediye ja schon seit über 30 Jahren n Deutschland lebt und die Sprache immer noch nicht versteht. Und dass sie nicht nur an Festtagen ständig auf die Einhaltung von muslimischen Ritualen drängt und zu den Vorwürfen auch noch traditionelle Gerichte anschleppt.

Erneut lauert eine Schattengestalt mit Kopftuch hinter der Blätterwand, von der die Zuschauer nur eine Stimme auf Türkisch vernehmen. Türkisch sprechen auch Freunde und Verwandte, die Mutter, der Vater und der Fernsehproduzent mit seiner Assistentin, die in Videos eingeblendet und mit der deutschen Übersetzung untertitelt werden. Auch das würde Müjgan gern vor ihrer störrischen Besucherin verbergen. Dass sie ohne Laptop, I-Phone und Skype völlig verkümmern würde und ohne die medialen Kontakte in die Heimat, in denen sich noch von Geborgenheit widerspiegelt.

„Schwesternherz“ hat die Form eines surrealen Szenarios, das die Zuschauer auch in ihrer Fantasie herausfordert. Schließlich macht sich in diesem Stück eine literarische Figur selbstständig, die ihrer Verfasserin nicht nur permanent wiederspricht sondern auch einen Lebensentwurf verkörpert, der viel realistischer und selbstbestimmter anmutet als der der Schreibhöhlenbewohnerin. Die muss sich nun einer ganzen Reihe unbequemer Fragen stellen, wenn sie junge Frauen, die in ärmlichen und traditionellen Verhältnissen auf dem Land aufwachsen, automatisch für unterdrückt hält. Die patriarchalen Familienstrukturen, die sie ihrer Fernsehfigur mit dem autoritären Vater andichtet, der demütigen Mutter und einem Bruder, der sie unter Kontrolle hält, hat sie selbst nie so erfahren. Auch davon erzählen die Videoaufnahmen in den Streitgespräche mit einer Mutter, die sich gerade wieder für eine Demonstration für die Rechte der Frauen rüstet und den tröstenden Wortwechseln mit dem Vater, mit dem sie ein harmonisches Miteinander erfährt. Gastarbeiterschicksale kennt Müjgam vor allem aus Erzählungen, bis ihr Zehra das kämpferische Schicksal ihrer Mutter zumutet und sie auch an Generationen von Arbeitsmigranten erinnert, die für die erbärmlichsten Jobs rekrutiert wurden. Es ist eine andere Geschichte als die der Tochter aus wohlhabenden liberalen Verhältnissen, die sich von der nationalistischen Politik des Erdogan Regimes nach Berlin absetzte.

Vor dem Drucker stapeln sich die Blätter mit den Todesszenarien, während die Autorin nach weiteren Ehrenmordkonstellationen fahndet und die Stereotypen bestätigt, denen sich ihre Besucherin verweigert und ein selbstbestimmtes Frauenbild behauptet. Sie würde das Drehbuch natürlich anders schreiben und vor allem differenzierter, was Rollenbilder und Erfahrungswelten angeht und wie sie jenseits von medialen und anderen Klischees auch wahrgenommen werden können. Ihre Kampfansage, „Du bist verantwortlich für alles, was Du nicht schreibst und sagst“, kommt nur scheinbar zu spät, nachdem sich die Fernsehredaktion längst auf ein anderes dramatisches Setting verständigt hat. Denn jetzt stellt sich die Autorin all den Einflüsterungen, mit denen sie von einer Stimme drangsaliert wird, die mögliche Todesarten für Zehra auflistet. Es ist auch nicht mehr die gebückte Gestalt, die an ihren Ängsten und Zweifeln trägt. Ihr Haltung ist nun ebenso aufrecht wie die ihrer Drehbuchfigur, die vielleicht nur eine Stimme im Kopf war, aber eine, die sie auch künftig bestärken wird.

Das Theaterstück des boat people projekt steht noch zwei Mal auf dem Spielplan: am 17. und am 18. Mai jeweils um 20 Uhr gibt es in der neuen Spielstätte Werkraum eine Vorstellung. Tickets dafür bekommen Sie hier online im Ticketshop des Kulturbüros sowie an allen Reservix-Vorverkaufsstellen.

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