GSO

Feuer, Leidenschaft und Melancholie

Es gibt wohl kaum eine stärkere und emotionalere musikalische Ausdrucksform als die der spanischen Musik, deren klangvolle Weite besonders durch das Zusammenwirken der Flamenco-Gitarre, traditionellem Tanz und Gesang intensiv erlebbar werden kann. Dass sich dieses Spiel der Stimmungen und seiner freien, teilweise improvisierten Gestaltung in die recht festen Strukturen der Orchestermusik hinein bändigen lässt, bewies Andreas Maria Germek im Rahmen des Konzerts im Zyklus Kulturelle Begegnung gemeinsam mit dem Göttinger Symphonieorchester unter der Leitung von Nicholas Milton. Germek, der aus Österreich stammende Flamenco-Spezialist (Milton), präsentierte unter anderem auch seine eigenen Kompositionen, die vom GSO und von Milton brillant umgesetzt wurden. Es war ein facettenreiches Konzert, dessen intensive Dynamik und Wirkung sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Nach einer kurzen, kraftvollen Einleitung, rhythmisch durch die Tambourins und leicht durch die Flöten, folgte Manuel de Fallas (1876 - 1946) „Seguidilla und Farruca“ aus El sombrero des tres picos – Suite Nr. 2, sehr atmosphärisch mit einem schönen Thema von Flöte und Oboe. Beeindruckend erklang das Spiel der Holzbläser, insbesondere eine von Matthias Mauerer sehr raffiniert gespielte Klarinettenpassage, frisch und freudig, mit stets sichtbarem Elan und großer Begeisterung für sein Instrument. Der 2. Satz zeigte sich mit einem kräftigen Auftakt des Horns etwas zackiger, gefolgt von fabelhaft gespielter Oboe und einer schließlich von Pauke und Geigen angeführten Stretta, bei der sie sich geradezu in Rage spielten.

Vor allem Germeks erstes Stück „Tiempo de Flores“ entfachte eine einzigartige Wirkung. Der Solist entlockte seinem Instrument melancholische Klänge - magisch, klar und zutiefst ergreifend. Einem unglaublich zarten, sanft lodernden Beginn der Pauke, folgten leise, fast ruhend die Geigen, dann die Trompeten. Was danach folgte, war ein sanfter Sturm, ein sprudelndes Gleiten über die Saiten der Gitarre; wunderschöne ruhige, bewegende, gleichzeitig tief traurige, sehnsüchtige Klänge, scheinbar gegensätzlich und doch innig. In seiner zweiten Komposition klarte es auf, erneute erlebbare Raffinesse in virtuosem Spiel, was vom rhythmischen Klatschen dreier ihn umgebender Musiker begleitet wurde. Die symbiotische Verbindung zwischen Germek und seiner Flamenco-Gitarre war weder zu überhören noch zu übersehen; seine angenehm ruhige, gleichzeitig aber starke Präsenz schuf in Zweisamkeit mit seinem Instrument und im Zusammenwirken mit dem Orchester eine sehr intensive Atmosphäre. An diesem Abend machte Germek die gesamte Klangweite der Flamenco-Gitarre für die Anwesenden spürbar.

Mit Emmanuel Chabriers (1841 - 1894) „Habanerna“ wurde es ruhig und melodisch, sanft fließende Geigensequenzen voller Leichtigkeit und sich langsam steigernder Spannung, zauberhaft mit liebevoll gespielten Details. Natürlich durfte auch ein musikalischer Stierkampf nicht fehlen, der mit Jules Massenets Castillane“ aus Jules Massenets Ballettmusik aus der Oper „Le Cid“ erlebbar wurde. Es erklang das traditionelle spanische Tambourin, mit einem schönen Wechsel von klaren Orchesterpassagen und fabelhaft gespielten Melodien der Holzbläser, die in diesem Konzert sehr präsent waren, gemeinsam mit dem stets fulminanten Einsatz des Schlagwerks.

Dass sich die Flamenco-Gitarre auch hervorragend neben die barocken Klänge eines Cembalos arrangieren lässt, bewies Germek mit einem Satz aus Antonio Vivaldis (1678 - 1741) Concerto für Violine, Streicher und B.c. a-Moll op. 3 Nr. 6, L´Estro armonico“ - faszinierend.

Ein weiterer Höhepunkt war die Aufführung der Romanze aus dem selten gespielten Concertino a-Moll des fast vergessenen Komponisten Salvador Bacarisse Chinoria (1898 - 1963), entstanden im Exil in Frankreich. Ein Werk von unglaublicher Stärke, Sanftmut und Klarheit, das sowohl von Germek als auch von den Musikern des GSO virtuos und mit Leidenschaft präsentiert wurde. Die Gitarre, die teilweise nur in Begleitung der Geigen erklang, schuf eine sinnliche, schwermütige Stimmung, gefolgt von einer Orchesterpassage mit zartem Aufglimmen des Horns. Die Melodien der Holzbläser erklangen sehnsüchtig und die Stimmung gewann durch das wunderbare Spiel von Fagott und Klarinette noch deutlich an Intensität. Gelungen waren auch Goyescas: Intermezzo von Enrique Granados (1867 - 1916) mit seiner schönen dynamischen Klangvielfalt und dem Tanz Nr. 1 aus der Oper „La vida breve“ von Manuel de Falla. Es waren schöne, fließende, frische Melodien mit hellen Akzenten der Kastagnetten, feurig und durchdringend tönten die dumpfen, kraftvollen Klänge des Schlagwerks.

Mit seinem Stück „Cabalgando“ erfüllten erneut Germeks mit Präzision gespielte Gitarrenmelodien den Saal, in vollem Einklang mit dem Orchester. Germek beschrieb sich selbst als relativ ernst und romantisch, und ebenso spiele er wohl, aber er könne auch anders, was er überzeugend in seiner feurigen Rumba-Komposition „Gatitos, tomado el Sol en la Azota“, zu deutsch „Katzen, die sich auf der Terrasse sonnen“ zeigte: Atmosphärisch, idyllisch, ruhig, was jedoch plötzlich in feurig-euphorische Rumbamelodien umschlug. Die Kompositionen genossen eine fabelhafte Umsetzung durch Milton und das Orchester, was Germek anerkennend lobte: „Wie schön Sie meine Stücke spielen“.

Dass dem Publikum der Abschied von Germek geradezu schwerfiel, zeigten die begeisterten Ovationen und Bravorufe. Das Konzert schloss mit dem vom Orchester hervorragend gespielten „Jota“ aus El sombrero des tres picos – Suite Nr. 2 von de Falla ab, mit fliegenden Melodien, dem wirbelnden Spiel der Holzbläser, eindringlichen Paukenschlägen, erhellt durch Flöte und Triangel, und schönen Einsatz der Posaunen. Auch die zugegebene Navarraise aus Massenets Ballettmusik der Oper „Le Cid“ begeisterte.

Ein durch und durch emotionaler und beeindruckender Abend, der sicherlich auch die eine oder andere Träne fließen ließ.  

Kommentare powered by CComment

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Lieber Gast,
vielen Dank für Ihr Interesse an den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Die Erstellung von Terminen und Texten kostet Geld - denn es sind Menschen, die diese Termine erfassen oder die Texte schreiben. Deshalb bitten wir Sie, entweder ein Abonnement abzuschließen oder für diesen einzelnen Beitrag einen Betrag zu bezahlen.
Vielen Dank!

OpenAir-Kino am Brauweg

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok