Deutsches Theater

Ein Redepult, zwei Sessel, ein Tisch. Am 6. April hat Ferdinand von Schirach auf der Bühne des Deutschen Theaters gelesen. Die Zweiteilung der Bühne gibt bereits die Organisation des Abends zu erkennen: Wie angekündigt, würde Schirach nicht nur seinen neuen Erzählband „Kaffee und Zigaretten“ vorstellen, sondern neben einem Gespräch mit dem Chefdramaturgen Matthias Heid auch einen „Vortrag über die Aufklärung“ halten. Gilt das gleiche für die kommenden zwei Stunden – halb Unterhaltung, halb Belehrung?

Schirach jedenfalls beginnt die Veranstaltung ironisch-professoral. Grund für die vierminütige Verspätung sei der folgende: Man habe ihm gesagt, die Göttinger erschienen immer erst auf den letzten Drücker. Spielerisch hebt er den Zeigefinger: „Eine Ermahnung“, schmunzelt er. Ohnehin zeigt er einen ausgeprägten Hang zu Witz und Anekdote, die er rhetorisch geschult und selbstsicher vorträgt. Wie man es von einem Juristen erwarten würde. So schafft Schirach es sogar, altbekannte Geschichten pointiert zu erzählen. Treffen sich Truman, Churchill und Stalin und vergleichen ihre Zigarrenetuis. Dem, vornehmlich gesetzten, Publikum gefällt das. Dessen hohe Bereitschaft zu lachen und, nicht selten, auch zu kommentieren, soll für die restliche Zeit ungebrochen bleiben. Ein Anzeichen für einen gelungenen Abend.

Schließlich, als die Zuschauer aufgewärmt sind, liest Schirach das erste Kapitel aus „Kaffee und Zigaretten“ – benannt übrigens nach den Säulen seiner Existenz als Schriftsteller. Wir hören hier von einem Jungen, der an seiner einzigartigen Wahrnehmung leidet: der Synästhesie. Sein Gehirn verknüpft das Sehen mit dem Schmecken, das Hören mit dem Riechen und kann die Sinneseindrücke nicht trennen. Etwa wenn kalter Wind türkis auf der Zunge schmeckt. Dem Protagonisten fällt es schwer, zu differenzieren. Sein Zustand macht ihm Angst. Er scheint sich in übermäßiger Weise für die Welt um ihn herum verantwortlich zu fühlen: Während einer Zugfahrt kommt ihm der Gedanke, während Gebäude und Landschaften an ihm vorüber rauschen, dass er sich das alles einprägen müsste, dass er sich an all das erinnern müsste oder „alles wird sich auflösen“. Am Ende wird ihm die Bürde zu schwer. Er will sich erschießen. Er trinkt, für den Mut oder gegen die Angst. Als er schließlich abdrückt – geschieht nichts. Im Suff hat er vergessen, seine Waffe zu laden. Das ist ein Mensch, der weder leben noch sterben kann.

Von solchen Geschichten, die eigenwillige Menschen in eigenartigen Situationen beschreiben, sollen an diesem Abend noch einige folgen. Darunter auch Anekdoten zu bekannten Persönlichkeiten wie Kleist, dessen Doppelselbstmord mit Henriette Vogel von Schirach später vortragen wird, als wären deren Biographien selbst ein Krimi auf dem Nachttisch. Doch trotz aller stilistischer und erzählerischer Begabung, die Schirachs Texte wie auch seine mündlichen Erzählungen trägt, neigt der Autor zum Abschweifen. Wer vor allem für die Buchvorstellung von „Kaffee und Zigaretten“ gekommen ist und einen lebendigen Wechsel zwischen Lesung und Besprechung erwartet hat, wird enttäuscht. Die oben skizzierte Miniatur bleibt ein Appetithäppchen, das bis nach der Pause satt machen muss.

Aber vielleicht steckt dahinter doch eine ausgeklügelte Organisation, die den Titel von Schirachs neuem Buch in der Planung des Abends sich hat widerspiegeln lassen. So wie das Publikum mehr Geschichten hören möchte, verlangt es Schirach dringend nach einer Zigarette. Im Gespräch mit Matthias Heid geht es zuallererst darum, ums Rauchen. Es wäre erlaubt gewesen, auf der Bühne zu rauchen, erklärt Schirach. Allerdings für den Preis, auf den hinteren Teil der Bühne verbannt zu werden. Der Grund: Bei Brandgefahr würde ein „Eiserner Vorhang“ herabgesenkt, damit das Publikum fliehen könnte – „und wir verbrennen“.

Im folgenden Gespräch geht es dagegen bedauerlich wenig um wirklich Existenzielles, wie es angesichts des eingeladenen Gastes etwa eine Diskussion über streitbare Rechtslagen hätte sein können. Unfälle durch selbstfahrende Autos? Schadensersatz für lebensverlängernde Maßnahmen? Solche heiklen Themen, wie sie sich gerade für jemanden wie Schirach anbieten, der sich auf der Schnittstelle zwischen Juristen und Schriftsteller bewegt, scheinen regelrecht unerwünscht zu sein. Anders lässt sich das große Potenzial, das hier verschenkt wurde, nicht erklären. Zwar wird ebenfalls über Schirachs Motivation zu schreiben gesprochen oder über den Erfolg von sogenannten real crime stories, die tatsächliche geschehene Verbrechen schildern. Selbstverständlich legitime Punkte, die man von einer Autorenlesung erwarten kann. Wenngleich Schirach den Schlagabtausch weitestgehend mit sich allein führt, ist das dennoch unterhaltsam. „Ich glaube, Sie haben etwas sehr Schlaues gesagt“, beginnt er seine Antwort und schließt sie mit dem Satz: „Das war wohl doch nicht so schlau.“ Das Publikum lacht. Matthias Heid schiebt schnell die nächste Frage nach. Das Gespräch wird so zu einem Gewirr aus Verlegenheit und Oberflächlichkeit, das erst am Ende eine interessante Frage aufwirft: Lassen sich Juristen durch KI ersetzen? Die Antwort fällt so knapp wie uninteressant aus: In der Steuerberatung Ja, in der Urteilssprechung Nein.

Nach einer kurzen Pause folgt der angekündigte Vortrag über die Aufklärung. Schirach beginnt ihn mit der Schilderung einer Party, bei der ihm auffällt, dass auch Männer sich heutzutage umarmen müssen; er spricht auch von der Nervosität bei der Umarmung einer schönen Frau, bei deren Begrüßung er versteht: „Sie haben schöne Zehen.“ Anstatt: „Es ist schön, Sie zu sehen.“ Die Aufklärung beginnt also mit Kalauern. Er leitet über zu der großen Frage nach den europäischen Werten, und ob sich hinter diesem großen Wort vielleicht doch etwas anderes verbirgt als „die 176 Joghurtsorten im Kühlregal“. Im Folgenden breitet Schirach aber gute Punkte aus, wenn er die Trennung von Kirche und Staat geschichtlich einordnet und in eine Linie zu den großen Staatsentwürfen stellt, seien das die amerikanische Verfassung oder die französische Revolution. Statt mit Heuchelei zu argumentieren angesichts des aus Sklavenzähnen gemachten Gebisses Washingtons oder der willkürlichen Herrschaft der Guillotine in Frankreich, rechtfertigt Schirach die nicht erreichten Ideale. Sie sind keine Beschreibungen der Gegenwart, sondern festgeschriebene Visionen der Zukunft. Diese Erkenntnisse sind zwar alles andere als neu, werden aber klar und schlüssig dargelegt.

Im Anschluss an diesen Vortrag, der mit lang anhaltendem Applaus gewürdigt wird, liest der Autor noch ein zwei, drei kürzere Geschichten aus „Kaffee und Zigaretten“ vor. Ihr Stil, ihr Inhalt, ihr Ton fügen sich reibungsfrei in das bisher Besprochene ein. So gut zu hören, wie süffig zu lesen. Leider fällt vor allem im Vergleich mit der starken ersten Erzählung zu Beginn der Lesung auf, dass Schirach deren hohe Qualität nicht immer sicher halten kann. Sein Gefühl für Kitsch und Klischee scheint ihm bisweilen abhandengekommen. So beschreibt er das Leben eines amerikanischen Bankinhabers, der beim Sex mit seiner fünften Ehefrau (mehr als 50 Jahre jünger als er) beobachtet wird. Ihre Aufgabe: Kirschkerne in einen Napf spucken. Die Pointe: Wenn es ihr gelingt, lobt sie der Ehemann und sagt: „Gut gemacht, meine liebe Margaret Thatcher.“ Vielleicht ist dieser Humor eine Generationenfrage – schade nur, dass die Pointe ihre Geschichte im wahrsten Sinne nicht über sich hinauskommen lässt. Schirach ist zweifelsfrei ein guter Unterhaltungsschriftsteller. Für einen originellen Denker sollte er allerdings weder gelten noch beworben werden. Das ist nur eine Meinung. Aber in ihr zeigt sich wieder dieser große „europäische Wert“, von dem Schirach selbst gesprochen hat und zu dem man ihm nur beipflichten kann: die Fähigkeit zum Dissens.

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