GSO

Die Neugier auf zwei Göttinger Erstaufführungen von Musik des 18. Jahrhunderts hat am Donnerstag die Musikfreunde in Scharen in die Aula der Universität gelockt. Angekündigt war das dritte und letzte Konzert dieser Saison im Zyklus „Wiener Klassik“ des Göttinger Symphonie Orchesters unter der Leitung von Nicholas Milton.

Das Programm rankte sich um ein ausgespartes Zentrum: um Johann Nikolaus Forkel nämlich, dessen 200. Todestag – er starb am Karfreitag 1818 in Göttingen – der Anlass für die Programmgestaltung in diesem Zyklus war. Ausgespart deshalb, weil von Forkel, dem ersten Akademischen Musikdirektor Göttingens, diesmal kein einziges Werk aufgeführt wurde. Stattdessen war Musik von Komponisten zu hören, die mit Forkel in Beziehung standen.

Diese Beziehung war im ersten Stück des Abends, der „Symphonie zur Tragödie Hamlet“ von Georg Joseph Vogler (1749-1814), freilich nicht besonders liebevoll. „Abbé Vogler“, wie der zum Priester geweihte Komponist damals meist genannt wurde, war musikalisch ein wenig extravagant, was Forkel überhaupt nicht gefiel. Vogler gastierte unter anderem auch in Göttingen und produzierte sich als Organist mit wohl ein wenig plakativen, ausschweifenden Phantasien über außermusikalische Themen. Dagegen polemisierte Forkel in seinen Schriften – und Vogler rächte sich, indem er die gerade veröffentlichten Variationen Forkels über die englische Hymne „God save the king“ mit einem Katalog kompositorischer Fehler versah und Verbesserungsvorschläge hinzufügte.

Doch ganz so schlecht – Mozart nannte Vogler gar einen „öden musikalischen Spaßmacher, der sich viel einbildet und nichts kann“ – war der Abbé dann doch nicht. Seine viersätzige Hamlet-Symphonie illustriert in der Tat nachvollziehbar verschiedene Seelenzustände des Shakespeareschen Helden, von der Trauer über den Tod seines Vaters über Erinnerungen an frühere glückliche Zeiten und Geistererscheinungen (für die heutige Filmmusikkomponisten allerdings drastischere Mittel einsetzen) bis hin zum Wahnsinn. Milton malte diese musikalischen Genrebilder mit viel Liebe zum Detail aus, erzeugte in seiner humorvollen Moderation Vorfreude auf die besonderen Effekte und setzte für die Schilderung der glücklichen Zeiten ein GSO-Ehepaar als Solisten ein: die Cellistin Joana Kielar-Zachlod und ihren Ehemann Bartosz Zachlod an der Violine, der seit Kurzem dem GSO als zweiter Konzertmeister angehört.

Das zentrale Werk dieses Konzerts ist wohl ebenso wie Voglers Hamlet-Symphonie noch nie in Göttingen erklungen: die Symphonie in c-Moll von Gottfried van Swieten. Dieser in Wien ansässige Diplomat und Komponist ist besonders als Förderer Mozarts in die Musikgeschichte eingegangen, den er dem Schaffen von Bach und Händel vertraut machte. Das gleiche tat er auch für Beethoven, stand weiter in enger Beziehung zu Haydn, für dessen späte Oratorien „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“ er die deutschen Libretti schrieb. Forkel hatte so viel Hochachtung vor Swieten, dass er ihm seine Bach-Biographie widmete. Milton setzte sich mit viel Engagement für diese durchaus spannende Musik ein, arbeitete die dramatischen Passagen wirkungsvoll heraus, setzte lebendige Akzente und erweckte mitsamt seinem nicht minder engagierten, virtuos musizierenden Orchester diese nahezu vergessene Symphonie zum Leben – so erfolgreich, dass die Zuhörer am Ende mit Begeisterung applaudierten.

Mit Beethovens 1. Symphonie als Schlussstück war abermals der Forkel-Bezug auf dem Umweg über Baron van Swieten gewahrt: Beethoven hat diesen symphonischen Erstling nämlich seinem adligen Förderer gewidmet. Diese Musik spielt freilich in einer ganz anderen Liga als Vogler und Swieten, sie bedarf keiner liebevoll das Interesse weckenden Moderation, sondern übt ihre faszinierende Wirkung ganz von allein aus. Hier war der Unterschied zwischen bemerkenswerter Begabung und Genie beinahe körperlich zu spüren: Der Einfallsreichtum, der ungeheuer konzentrierte, geistsprühende Umgang mit dem musikalischen Material, den der junge Beethoven hier vorführt, vermag auch dann noch helle Begeisterung auszulösen, wenn man die Symphonie gefühlt schon hundertmal gehört hat.

Selbstverständlich müssen die Musiker dafür auch einiges tun, denn was Beethoven hier den Instrumentalisten abverlangt, ist stellenweise ungemein virtuos. Doch damit hatten die GSO-Musikerinnen und -Musiker keinerlei Schwierigkeiten. Auch in den feurigsten Tempi Miltons blieb die Klarheit der Darstellung stets gewahrt, die Bläser warteten mit feinen solistischen Leistungen auf, die Streicher spielten profiliert und klangvoll auch in der auf die Größe dieses Saales angepassten reduzierten Besetzung. Der Schlussbeifall prasselte nur so, und auch das GSO bedankte sich bei seinem Dirigenten Milton mit lautstarkem Applaus: ein prächtiger Abend voller Überraschungen und erlesener Genüsse.

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