Literarisches Zentrum

Ein Abend mit Thedel von Wallmoden und Thomas Ehrsam

„Lampe ist ein Geheimtipp!“ – der Herausgeber Thomas Ehrsam bringt den Status eines Autors auf den Punkt, der lange Zeit unbekannt blieb. Dies könnte sich nun ändern: 2018 erschien im Wallstein-Verlag die Sammlung „Briefe und Zeugnisse“, die einen Einblick in die Persönlichkeit dieses besonderen Autors bietet.

Gemeinsam mit dem Verleger Thedel von Wallmoden las Thomas Ehrsam im Literarischen Zentrum aus einem Roman und der Briefsammlung vor – eine Möglichkeit, Friedo Lampe kennen- und schätzen zu lernen. Den Anstoß zur Bearbeitung des Autors gab 1998 eine Veranstaltung in der Buchhandlung Wortmann in Göttingen, bei der Peter Härtling aus dem Werk von Friedo Lampe las.

Lampes Schaffenszeit fiel in das Dritte Reich, sodass er zur „Generation der Verlorenen“ gehörte, wie Ehrsam erläutert. Dies ist der Grund dafür, dass Friedo Lampe bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Während im Krieg die Emigranten unbeliebt waren, wurden sie ab der Nachkriegszeit als Helden verehrt. Die Forschung über die Emigranten blühte, während die Schriftsteller der „inneren Emigration“ weniger beachtet wurden. Friedo Lampe zählte zu Letzteren. Als Homosexueller lebte er in ständiger Angst, entschied sich jedoch gegen das Exil. Stattdessen verfolgte eine Strategie der Innenkehr und des Rückzugs – ganz im Sinne der Biedermeier-Zeit, deren Geist er in sich trug. Unpolitisch, aber aufklärerisch – so lässt sich Lampes persönlicher Bezug zum Weltgeschehen knapp fassen. Mit der Veröffentlichung der Briefe und Zeugnisse“ und den dazu führenden Archivarbeiten sei Pionierarbeit geleistet worden, wie von Wallmoden feststellt. Eine Biografie solle auch noch erscheinen. Ehrsam und von Wallmoden sind sich einig: Friedo Lampe auf seine Homosexualität zu reduzieren sei gänzlich uninteressant. „Das Interessante sind die Subtexte […]“, so von Wallmoden.

Ein „schmales Oeuvre“, erzählt Ehrsam – wenige Romane sind bekannt: der erste („Am Rande der Nacht“) wird 1933 „aus sittlichen Gründen“ verboten. Ein Annäherungsversuch eines Homosexuellen an einen Boxer wird im Roman brutal beendet. Daneben tritt eine Szene, in der eine „weiße“ Frau von einem „schwarzen“ Mann sexuell angezogen wird – eine Horrorvorstellung für jeden „weißen“, „anständigen“ Nationalsozialisten und außerdem eine Angst, die sich bereits seit dem Kolonialismus in den Köpfen vieler „weißer“ Männer befand.

Am 2. Mai 1945 stirbt Friedo Lampe. Sein Pass enthält das Bild eines stattlichen großen Mannes – ein Bild, das zu dem Zeitpunkt nicht mehr zur Realität passt: Lampe war ausgebombt worden, hatte alles verloren, war abgemagert. So kommt 1945 bei einer russischen Streife der Verdacht auf, es handele sich um einen gefälschten Pass – Lampe wird sofort erschossen.

Das avantgardistische Werk, das Lampe hinterlässt, lebt von filmischen Beschreibungen. Bemerkenswert, so Ehrsam, sei außerdem, dass seine Bücher keine Helden kennen. Lampe sei beeinflusst von den Amerikanern (namentlich Ernest Hemingway), aber auch von der europäischen Vätergeneration. Sein Werk wird meist unter dem Begriff des „magischen Realismus“ geführt, wobei Ehrsam hinzufügt, es handele sich um einen „Realismus, der nicht beim Schreiben bleiben will“. In seiner stillen Opposition fügt Lampe das scheinbar Widersprüchliche zusammen: die Zurückgezogenheit des Biedermeier sowie die Genussfähigkeit mit dem Dämonischen und der Allgegenwart des Todes in seiner Zeit.

Diese Dimension wird besonders in einem Brief deutlich, den Ehrsam vorliest. Lampe schreibt 1921 an seinen Freund Walter Hegeler: „Immer auf und ab, hungrig und satt […] Wir haben keine Propheten. […] Immer alles in Zweifel ziehen […] Es ist ja entsetzlich, wie man sich selbst misstraut […]“ – ein Ausdruck der inneren Unruhe, der Unsicherheit, der Orientierungslosigkeit, wie er aktueller kaum sein könnte.

In dem Briefwechsel zwischen Lampe und dem Bremer Buchhändler Wolf Hermann wird das Ausmaß der Gleichschaltung im Buchhandel des dritten Reiches deutlich. Es entspinnt sich ein Hin und Her, in dem Lampe versucht, seine Romane öffentlich werden zu lassen und gleichzeitig den Anteil homosexueller Andeutungen herunterzuspielen. Hermann wiederrum reagiert zunächst höflich, wird dann aber immer direkter: Lampes Buch sei technisch gut, so Hermann 1933, aber überflüssig, „[…] weil es morbid […]“ sei. „Sie sind ja doch viel gesünder, als sie es literarisch vorgeben“, schreibt Hermann. Außerdem verweist er auf den Plan für Lampes nächstes Buch, das ein „[…] deftiges SA-Buch […]“ werden solle.

In einem Brief an Anneliese Voigt stellt Lampe 1944 fest: „In großer Zeit ist es am besten, ganz klein zu sein!“ Johannes Pfeiffer, einen seiner besten Freunde, fragt er 1945: „Was ist das für eine Zeit?“ – die innere Zermürbung, die aus seinen Briefen hervorgeht, veranlasst Lampe offenbar dazu, aus der hoffnungslosen Kriegssituationen eine Erkenntnis gewinnen zu wollen. So ergab sich für ihn die Idee, aus der Vernichtung die Lossagung von der Materie abzuleiten. Daraus folgt im Brief der Lösungsweg, den Lampe für seine Zeit beschreibt und damit bis ins 21. Jahrhundert reicht: „Das ist alles nicht wieder gut zu machen! […] Wir müssen in eine andere Richtung denken!“

Kommentare powered by CComment

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Lieber Gast,
vielen Dank für Ihr Interesse an den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Die Erstellung von Terminen und Texten kostet Geld - denn es sind Menschen, die diese Termine erfassen oder die Texte schreiben. Deshalb bitten wir Sie, entweder ein Abonnement abzuschließen oder für diesen einzelnen Beitrag einen Betrag zu bezahlen.
Vielen Dank!

OpenAir-Kino am Brauweg

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok