Künstlerhaus

„Hunderte Schlachter sollen Weihnachten arbeiten“, heißt die Schlagzeile eines Artikels im Göttinger Tageblatt vom 2. Dezember 2017. Die Worte sind der Beginn eines weiteren Kommunikationsprozesses, der die Grundlage bildet, für die aktuell im Künstlerhaus ausgestellte Konzeptkunst des Göttinger Künstlerkollektives Janecke/Krüger/Walliser, mit dem Titel: Wir betreten feuertrunken, Himmlische, deine Eurozone.

Seit 2017 schicken sie sich von nun an über zwei Jahre hinweg zu verabredeten Terminen E-Mails mit Titeln aus Tageszeitungen. Dabei sei lediglich wichtig gewesen, so Leena Krüger und Diana Janecke, dass es keine Online-Artikel sind, sondern es sich um analoge Zeitungen handelt.

Es sind viele solcher Prozesse, welche die Künstler*innen in zwei Jahren kontinuierlicher Arbeit durchlaufen haben und nun in einem Gesamtkunstwerk präsentieren.

„Die Idee war, dass wir uns gegenseitig per Mail diese Schlagzeilen zuschicken. Nummer Eins schickt dabei Nummer Zwei eine Schlagzeile, ganz egal zu welchem Thema. Nummer Zwei muss auf irgendeine Weise auf diese Schlagzeile reagieren und schickt Nummer Drei eine daraus entstandene neue Schlagzeile“, erklärt Leena Krüger. Der nun im Kreis laufende Prozess sei immer soweit fortgesetzt worden, bis sich ein gemeinsames Ende abzeichnete.

Was daraus entstanden ist, gleicht einer Retrospektive auf die gesellschaftspolitischen Themen unserer Zeit, die zwar in der Tagesberichterstattung einer sehr ausgeprägten Fluktuation unterliegen, jedoch noch einige Zeit in den Köpfen der Menschen haften bleiben. Sie wurden über die als riesige Collage von Schlagzeilen angelegte Arbeit der Künstler*innen eingefangen.

Collagierte Multimedialität

Erst als gedruckt kaufen, dann analog selektieren, digital übermitteln und am Ende in einer Collage zusammenführen. Schließlich werden die erzeugten Zeilenfolgen, angepasst an das typische Lyrikformat, abgebildet.

Das Konzept spielt mit Multimedialität auf voller Länge. Doch der Prozess scheint hier noch nicht zu enden, werden die kommunizierten Worte an dieser Stelle nun an den Betrachter weitergegeben, der wiederum ganz neue Bedeutungen abliest.

So entsteht erneut, ganz willkürlich, eine neue Art der Wortbedeutung. Da, wo der Rezipient zunächst die einzelne Schlagzeile in einem gesellschaftspolitischen Rahmen verortet, können die Wortfolgen auch einfach nur persönliche Erinnerungen hervorrufen.

Die äußere Ästhetik entsteht auf zwei Ebenen: Zum einen über die äußere Form des Werkes selbst, zum anderen über die im Kopf des Betrachters entstandene Visualität – über assoziative Bilder, die man beim Lesen zusammensetzt.

Dabei schwingt die vorselektive, jedoch absolut zufällig erzeugte und neu angelegte Bedeutungsebene der Worte stetig bei der Betrachtung mit. Ein Stück der inneren und die Auseinandersetzung mit der äußeren Welt steckt somit in jeder der einzelnen Wortabfolgen der Künstler*innen. Denn ihr eigener selektiver Prozess bildet das Fundament, auf dem man als Betrachter die hier gezeigte Wortkunst zur eigenen Umgestaltung bringt.

Die assoziativen Inhalte lösen einen retrospektiven Rausch aus, egal ob auf Grundlage persönlicher oder gesellschaftspolitischer Erinnerungen. Es wird, durch die implizite Andeutung des eigentlichen Artikels, stetig auf Vergangenes verwiesen. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart, die Worte als Schriftstücke zum konservierenden Speichermedium.

Worte als Trigger im Prozess des Collagierens

Diana Janecke war vor ihrer Tätigkeit als Künstlerin ursprünglich im Marketing respektive der Kommunikationsbrache unterwegs. Ihre frühere Tätigkeit habe ihre Arbeit am Projekt und vice versa die Sicht auf das Marketing doch ein Stück weit beeinflusst, glaubt sie. Es gehe hier ja immerhin um Schlagzeilen, „etwas sehr Wichtiges im Marketing und der Werbung.“ „Man liest diese Schlagzeile und entscheidet in der ersten Sekunde: Lese ich weiter oder blättere ich um?“

Der beschriebene Mechanismus komme sowohl im Augenblick des Betrachtens zum Tragen, sei aber auch schon im Entstehungsprozess ein wichtiger Faktor zur Auswahl der Textstücke gewesen – eine Schnittstelle also zwischen Künstler- und Betrachterperspektive.

Das Gesamtwerk kommuniziert so über mehrere Ebenen zwischen den Künstler*innen und den Rezipient*innen. Dies geschieht zusätzlich durch zwei weitere mediale Eindrücke:

Neben einer Audio-Installation, welche die entstandenen Abfolgen als Lyrik, mit animierter Stimme vorliest, ist auch eine Videoinstallation zu sehen. Sie spiegelt den Blick aus dem Atelier von Matthias Walliser wider, in dem die Drei die meiste Zeit verbrachten, um die letztlichen Collagen für die Ausstellung entstehen zu lassen. Es ist der Blick in den Garten des Hauses, als eine ergänzende Perspektive, die einerseits den Prozess der Entstehung filmisch markiert, andererseits den Gegenpart zum Künstleralltag zeigt.

Oft sei es so gewesen, dass das Kollektiv sehr viel Zeit im Digitalen verbracht habe „und das Analoge ist einfach so vorbeigehuscht“, ergänzt Leena Krüger, „und dann erinnern wir uns, dass es noch die Welt gibt, in der wir ganz reell sind.“

Ein Fenster zur eigenen Realität also, die im direkten Kontrast zu eben jenen Realitäten der Medienindustrie steht, in die Diana Janecke, Leena Krüger und Matthias Walliser zwei Jahre lang eintauchten.

Zum Abschluss ein Beispiel der zahlreichen Neologismen und Wort-Jonglagen, die man in der noch bis zum 24. April laufenden Ausstellung im Weißen Saal des Künstlerhauses Göttingen erleben kann.

02.12.2017
Hunderte Schlachter sollen Weihnachten arbeiten
Ein großer Schritt
Erkämpfter Raum
Apfel um Apfel
Sexismus und die Grenzen der Kunstfreiheit
Von den Freunden lernen
Oh Merry!
Froh, dass Arnold fehlt
Sein Gehirn rast weiter  
Arbeit, Arbeit, Arbeit!
Exberater erklärt sich schuldig
Einmal Terrorist, immer Terrorist
Nur ein bisschen Liebe

           Diana Janecke/Matthias Walliser/Leena Krüger

 

 

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