Literarisches Zentrum

Das Wurstbrot als Seele eines Fremden, eine „dämmerungsträge Spinne“ und ein Oberton singender österreichischer Erfolgsautor in Göttingen – im literarischen Zentrum fand „eine unmögliche Situation“ statt. Im Dialog mit Joachim Dicks (NDR) stellte Clemens Johann Setz sein neues Buch „Der Trost runder Dinge“ vor. „Ich möchte mit einer Sache beginnen, die wir eigentlich nicht verstehen können!“ Sternenbilder, Planeten, seltsames menschliches Verhalten, Mysterien – Setz verpackt diese Unmöglichkeiten in mehrere virtuos formulierte Geschichten.

„Eine unmögliche Situation. […] Ein unmöglicher Zustand“ – Setz stellt in den einzelnen Geschichten im Buch groteske, humoristische, ernste und schauderliche Situationen vor. Ein Vater, der unter Ängsten leidet und sich wünscht, dass einer seiner Söhne auch endlich diese Ängste zeigt. Doch der Vater ist „kein Monster“, erklärt Setz. Vielmehr geht es dem Autor um die Frage, wie solche Situationen entstehen. Ist der Vater so einsam, dass er dringend einen nahestehenden Gesprächspartner braucht, mit dem er über seine Ängste sprechen kann? Oder hofft er, seine Ängste in der Heldenrolle des Beruhigenden auflösen zu können, wenn er dem Sohn erklärt, dass das alles ganz normal sei? Auf diese Weise schafft Setz an vielen Stellen, einigen seiner neurotisch und zunächst egozentrisch wirkenden Figuren eine Tiefe zu verleihen, die trotz grotesker Erzählweisen erschreckend nah an der Realität kratzt.

„Das ist kein guter Satz. Den würde ich streichen“, unterbricht Setz plötzlich seinen Lesefluss. Die Ironie einiger Formulierungen wird zur Selbstironie, die Reflexion vieler Wahrnehmungen wird zur Selbstwahrnehmung. Setz scheint zwar autobiografische Bezüge zu beschreiben, wie Dicks an mehreren Stellen vorsichtig anmerkt, doch Setz spricht kaum darüber. Eine grundlegende Bescheidenheit, die ihn noch sympathischer wirken lässt. Zurückhaltend, bescheiden, sich immer wieder in Frage stellend – nicht nur im Buch selbst, sondern auch in seinen Kommentaren und Antworten wird Setz‘ Selbstreflexion deutlich.

Da sitzt ein junger Autor auf dem Podest, der mehrere renommierte Preise gewonnen hat. Er trägt eine khaki-grüne Jacke, darunter einen braunen Kapuzenpullover. Nur wenige Male lässt er einen Blick in sein gesamtes Gesicht zu. Passend dazu trägt er einen langen Bart und leicht verwuschelte Haare, die ihm immer wieder ins Gesicht fallen – Setz selbst wird zu einer Art Geheimnis. Hier und da lässt er autobiografische Bezüge gelten; hier und da möchte er sie gerne in den Hintergrund rücken. Beim Lesen ist er voll konzentriert. Das Gelesene erfreut das Publikum – vermutlich deshalb, weil es Identifikationsfläche bietet: Alltagsbeschreibungen, die Beklemmungen, Witz, das Gefühl des endlosen Trottes, das Sinnliche vereinen. „Die Feuerwanzen klebten schon wieder am Hinterteil zusammen.“ – eine vorgelesene Formulierung, die tragende Irritationsmomente des Buches in sich vereint: Die abartige Wiederkehr und gleichzeitig sicherheitsbringende Vertrautheit der Alltäglichkeit geeint in einer Geschichte, in der es um Flugangst und eine völlige Überraschung geht. Der Ich-Erzähler muss nach Kanada fliegen. Als er zurückkehrt ist seine Frau damit beschäftigt, Kranke in einem Lazarett zu versorgen, das sie in seiner Wohnung errichtet hat.

Auch im freien Sprechen gelingt Setz eine wunderbar exzentrische Wendungen nach der anderen. „Zwangsgefüttert mit einer Kathedrale“ – nur eine dieser sprachlichen Zauberwerke. Beim Lesen stützt er den Kopf auf der Hand ab. Er wirkt so rein optisch beinahe wie ein lustloser, gelangweilter Schuljunge, der gezwungen wird, etwas aus dem Geschichtsbuch vorzulesen. Doch die Worte, die Betonungen, die im Raum erklingen, beruhigen und erwecken zugleich.

Tröstlich und rund wirken die vorgelesenen Passagen – wie „Der Trost runder Dinge“ – eine Geschichtensammlung, die zunächst wenig tröstlich erscheint, wie Dicks zutreffend bemerkt. Ursprünglich sei ein anderer Titel vorgesehen gewesen, erklärt Setz, doch ein Satz aus dem Buch überzeugte so stark, dass er titelgebend wurde. „Trost ist, glaube ich, ein recht seltenes Wort“ und „runde Dinge haben ja auch was Perfektes … Planeten, Seifenblasen…“, so erklärt Setz das Beruhigende in seinem neuen Buch. Ein äußerst menschlicher Ansatz scheint sich dahinter zu verbergen: Setz meint es gut mit dem Leser. Trotz der vielen „unmöglichen Zustände“, der Ängste, der Schwierigkeiten in den Geschichten scheint Setz den Leser nicht aufrütteln, erschrecken und dann mit diesen Gefühlen alleine zurücklassen zu wollen. Vielmehr kann der Leser tatsächlich Trost in den runden Dingen, den abgeschlossenen Geschichten finden. Viele junge Menschen seien von chronischen Krankheiten, wie Depressionen geplagt, erklärt Setz. So erläutert er die Probleme seiner Figuren eher als eine „normale“ Zutat: „Wenn niemand krank ist, … ist das auch etwas seltsam.“

Die Lesung im literarischen Zentrum wurde von NDR Kultur aufgezeichnet und wird am 26. Mai um 20 Uhr in der Sendung „Sonntagsstudio“ ausgestrahlt. Nicht nur das Lesen spannender und beruhigender Geschichten, sondern auch der tröstlich runde Abend in Göttingen kann also nochmal Revue passiert werden.

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