musa

Seit dem Beginn der Produktion seiner biographischen Youtube-Serie (Shore, Stein, Papier) hat sich einiges in Sicks Leben getan. Wo am Anfang noch ein Junkie stand, der einen Weg suchte, von der Heroinsucht loszukommen, steht heute ein von diversen Medien vielgefragter Mensch, der sich dem Thema Drogen und Sucht in vielen Bereichen widmet. Die Gefahr zur Sucht steckt natürlich immer noch in ihm, doch Sick hat durch die mittlerweile 380 biographischen Episoden seiner Serie, ein dazugehöriges Buch und viele Auftritte einen Weg gefunden, seine Vergangenheit zu reflektieren und produktiv zu bewältigen.

„Alles andere als eine Lesung“ war auf der Leinwand der musa-Bühne zu lesen, was von Sick auch größtenteils eingehalten wurde. Seine Stärke besteht klar im freien, assoziativen Erzählen, so wie man es von seinen Youtube-Videos gewohnt ist. Ein wenig las er jedoch auch aus seinem ebenfalls Shore, Stein, Papier betitelten Buch vor. Den Großteil des gut zweistündigen Abends verbrachte er allerdings damit, dem Publikum der ausverkauften musa in lebhafter, meistens komischer Art, Geschichten aus seinem Leben zu erzählen, was beim überwiegend jungen, alternativen Publikum auch ziemlich gut ankam. Auch die Leinwand wurde sinnvoll mit eingebunden. Sick zeigte und kommentierte sowohl ältere als auch neue Videoausschnitte und viele Fotos aus seinem turbulenten Leben. Umrahmt wurde die Bühne von zwei an den Seiten stehenden Gefängniswänden aus Pappe, welche jedoch nicht nur Kulisse waren, sondern zu Freude des Publikums auch in die Show mit einbezogen wurden.

Viele erkennen in Sicks Erzählungen einiges aus ihrem eigenen Leben wieder. Kein Bock auf Schule, Eltern, Arbeit, lieber mit der Clique rumhängen, Scheiße bauen, Spaß haben. Für viele Heranwachsende bietet all das genügend Identifikationspotential. Durch seine Erzählungen wurde spätestens an diesem Abend klar, dass der Typ schon als Kind rotzfrech war und es im Kern auch geblieben ist, wobei ihm sein Lebensweg auch einiges an Ernst und Verantwortung beigebracht hat. Wenn man ihn so reden hört und sieht, wirkt er wie eine Art Archetyp eines ungezogenen, aber dennoch liebenswürdigen Frechdachs', worüber er sich durchaus bewusst ist. Sick begeisterte das Publikum mit vielen lebhaften Erzählungen, wobei er einen Bogen über kleinere amüsante Jugendsünden zu ersten Drogenerfahrungen, den Weg in die Abhängigkeit und Kriminalität sowie schließlich zu seinen Knastaufenthalten und Entzügen spannte.

Die meisten seiner Geschichten trug Sick mit viel Witz und Begeisterung vor. Die Schilderungen des Konsums unterschiedlicher Substanzen fasste er gern in einem Satz mit einem emphatischen „Alter, wie geil ist das denn bitte?!“ zusammen. Tatsächlich können Drogen zu (Glücks)-Zuständen führen, die anders kaum zu erreichen sind, jedoch ist sich Sick auch der vielen Probleme, die mit dem Themenkreis Drogen und Sucht zusammenhängen bewusst. Seine Erzählungen sind kein Aufruf dazu, Drogen zu nehmen oder gar selbst süchtig zu werden, sie schildern lediglich seinen eigenen Weg in die Sucht, der, wie für viele andere, schon in frühen Jahren durch schwierige familiäre Verhältnisse und die daraus resultierende Unzufriedenheit mit dem Leben begünstigt wurde.

Heute hingegen steht für Sick die Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen an ganz hoher Stelle. Was ihm von seinen Eltern nicht beigebracht werden konnte, wurde ihm auch nicht durch exzessiven Drogenkonsum vermittelt. Für ihn war die Geburt seiner Tochter das einschneidende Erlebnis. Mit ihrer Geburt kam auch sein schlechtes Gewissen zum Vorschein und außerdem der Wille, Verantwortung zu übernehmen, um seiner Tochter ein besseres Vorbild zu sein, als seine Eltern es ihm waren.

Der amüsante Teil des Abends machte zum Schluss mehr und mehr Platz für ernste Gedanken, mit welchen Sick zeigte, dass er Drogen nicht einfach nur verherrlichen, sondern auch die damit verbundenen Probleme aufzeigen kann. Sucht ist für ihn etwas, was ihn sein Leben lang begleiten wird, aber das bedeutet nicht, dass sie ihn kontrolliert. Neben seinem Youtubekanal und seinen Büchern (im Laufe des Jahres erscheint nämlich schon das nächste) ist er auch als Rapper tätig und engagiert sich außerdem an Schulen im Bereich der Drogenprävention. Geeignet ist er dafür allemal, denn wer könnte besser verstehen, warum junge Menschen Drogen nehmen, als jemand, der es selbst auch getan hat?

Dass Menschen mit ähnlicher Vergangenheit wie Sick eine solche Wendung in ihrem Leben schaffen und dazu noch mit enormem Erfolg und medialer Anerkennung gesegnet werden, ist nicht gerade häufig. Umso schöner, dass es doch passiert ist, denn Leute wie Sick sind keineswegs selten. Eine jüngere Generation an unzufriedenen, unausgeglichenen, unverstandenen und zum Drogenkonsum neigenden Rabauken ist schon längst da und an diese kann er mit Sicherheit einiges von seinen Erfahrungen weitergeben und damit den einen oder die andere zu einem gesünderen Umgang mit den eigenen Emotionen verhelfen und vor dem Abgleiten in die Sucht bewahren. Für Leute mit eigenen Drogen- und Suchterfahrungen welcher Art auch immer, oder auch bloßem Interesse daran ist Sick längst eine Kultfigur. Doch seine authentische Art, mit viel Humor, aber auch sehr reflektiert und ernst über seine Erfahrungen zu reden, erregt auch darüber hinaus bei unterschiedlichsten Menschen großes Interesse, was auch an diesem Abend deutlich zu bemerken war.

 

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