Apex

Im Februar des Jahres 1933, im Alter von 36 Jahren, flüchtet der damals 36 Jahre alte Friedrich Hollaender in die USA. Die Bilder, die sich in dieser schweren Zeit in das Innerste des jüdischen Kabarettisten und Musikdichters einbrannten, verarbeitet er in Romanen, Bühnenstücken und Liedern, von denen letztere an diesem Abend den kleinen Bühnenraum des Apex‘ mit Heiterkeit und Melancholie gleichermaßen füllen sollten. 

Ein Klavier und eine Sängerin. Ein Sessel und ein alter Lederkoffer. Der Raum dunkel und kaum ausgeleuchtet. Eine Frau in schwarzem Spitzenkleid betritt, durch die Reihen der Besucher laufend und unter lautem Applaus, mit eben jenem Koffer die Bühne, der entweder das Reisegepäck Hollaenders selbst hätte sein können oder einer der vielen Gepäckstücke, die die Nationalsozialisten während der Deportationen in den Straßen zu Bergen auftürmten. 

Der Koffer als Symbol des Genozids, der Flucht, aber auch als Beherbergungsstätte für das Oeuvre Holleanders. Die Sängerin Anette Jahr, begleitet durch die Pianistin Bettina Höger-Loesch, tritt an diesem Abend, ganz im Sinne Hollaenders selbst, nicht bloß als Sängerin auf. Immer wieder greift sie in den Koffer hinter sich, um einen die Szenerie unterstützenden Gegenstand in die jeweiligen Stücke mit einzubinden und präsentiert dem Zuschauer, in Kombination mit ihrer eher an Schauspiel, als an „schlichten“ Gesang angelehnten Performance, eine Collage eines niemals zu vergessenen Teils deutscher Zeitgeschichte, die Hollaender mit einem großen Teil seiner Kunst widerspiegelte.

Dies schafft sie mit kleinen Anekdoten aus seinem Leben, einer Zahnbürste als des Hitlers Bart, oder kleinen Matroschkas zum Stück Stroganoff – „denn Matroschkas sind doch“, so die Sängerin, „echt russisch!“

Umso schwerer ist es zu begreifen, dass Hollaenders Stücke im Vergleich zu anderen Künstlerinnen und Künstlern, wie z.B. Marlene Dietrich, mit der er zeitweise gemeinsam auf der Bühne stand, bis heute eher weniger Bekanntheit erlangten, obwohl sie populärkulturelle wie kulturhistorische Zeugnisse seines Lebens und Umfeldes darstellen.

Die beiden Musikerinnen rufen diesen Zeitgeist ins Gedächtnis der Besucher, als eine Hommage an einen viel zu geringfügig geehrten, wie erinnerten jüdischen Künstler, Bühnenautor und Politsatiriker, der wegen seiner Herkunft, Lebensweise und Meinungsäußerung damals um sein Leben fürchten musste.

Nicht nur deswegen, sondern gerade wegen dieses Hintergrunds vieler seiner Werke, transportiert die Darbietung mit Blick auf aktuell politisches Geschehen, diese Kernaussage in Diskurse um z.B. Meinungs- und Pressefreiheit und leistet damit gleichzeitig da einen Mehrwert, wo andere Musikerinnen und Musiker eben schlicht Musikerinnen und Musiker bleiben und sich eher weniger mit dem Wesen und Grundsatz des Kabaretts auseinandersetzen, um so – wenn in diesem Fall zugegebenermaßen sehr subtil – politische Fehlentwicklungen aufzuzeigen.

 

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