Apex

Figurentheater muss man einfach mögen. Sei es, weil es verblassende Kindheitserinnerungen wiederbelebt oder weil das Figurentheater wie vielleicht keine andere Form der darstellenden Künste dermaßen die Phantasie der Rezipienten stimuliert. Zumindest glaubt das der Rezensent. Darüber hinaus hat das Figurentheater aber noch eine ganz besondere Qualität, die vor allem von den Akteuren und Akteurinnen dieser Kunstform getragen wird und die doch auch wieder mit der Phantasie zusammen hängt: Figurenspieler und Figurenspielerinnen rufen auf sympathische Weise Imaginationen von Jahrmarktgauklerei und Vagabundentum hervor. Das sind zugegebenermaßen leicht von Vorstellungen des Mittelalterlichen geprägte Assoziationen, die aber das nischenhaft-außergewöhnliche unterstreichen, die dieser Kleinkunstform ihren besonderen Charakter verleihen.

Es war daher irgendwie passend, dass Christoph Buchfink mit musikalischer Untermalung von Welf Kerner die Figurentheateraufführung „Zeitstolpern I. Der Salzstreuer des Universums“ am 19. Januar im Apex parallel oder – wenn man so will – im Schatten zu dem ziemlich beeindruckenden Programm der Akademischen Orchester Vereinigung und der Lesung von Helene Hegelmann stattfinden ließ; was aber keineswegs dazu führte, dass Besucher ausgeblieben sind. 

Zu sehen bekommen haben sie dann in etwa Folgendes: Der Zeitgeist namens Gisch oder Gischt stellt sich, nachdem er oder sie spaßeshalber den Körper eines Menschen (genauer eines Puppenspielers) angenommen hat, als ein freundliches und ziemlich umtriebiges Wesen vor, das genug Universen und Dimensionen bereist hat um zu wissen, dass der Mensch in Bezug auf seinen Intellekt nicht gerade zu den privilegiertesten Lebensform zählt und daher also einige Prisen Inspiration und korrektive Empfindungsverstärkungen durchaus vertragen kann, damit das Chaos, das auf diesem Planeten herrscht, etwas gemildert wird. Er verstreut also Inspiration und positive Eigenschaften und Gefühle unter den Erdbewohnern und schaut was passiert.

Einem aufgebrachten Börsenspekulanten beispielsweise (mit einem herrlich nachgeahmten Wiener Schmäh) verpasst der Zeitgeist während der Finanzkrise eine Prise Gelassenheit, und einem älteren, dement gewordenen Herrn schenkt er Inspiration und Erinnerungsvermögen, sodass er sich wieder an einige Bibelpassagen erinnert, diese aber wild durcheinander würfelt, sodass sie einen etwas verfremdeten Sinn bekommen. Vor allem aber beobachtet der Zeitgeist die Menschen, wie sie streiten (als Kinder oder Wissenschaftler), wie sie als Fußballfans jubeln oder sich anfeinden, aber auch wie sie einander aushelfen oder trauern und reist dabei von der Vergangenheit, die in die Zeit des zweiten Weltkrieges führte, bis in die Zukunft, wo menschliche Klone als Organersatzteillager herhalten müssen.

Der Abend endete aber versöhnlich, ja märchenhaft, wobei einem jungen Welpen die tragende Rolle zufiel, menschliche Probleme und Missstände zu beseitigen und Katastrophen abzuwenden, wozu die Menschen scheinbar selbst nicht in der Lage sind.

Das Figurentheater! Am Samstag bei Christoph Buchfink nahm es sich ein stückweit aus wie Eulenspiegelei. Aber passt dieses Närrische nicht eigentlich sehr gut zu dieser Kunstform?

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