Literarisches Zentrum

Ohne das Offensichtliche zu benennen, scheint man eine Lesung mit Helene Hegemann nicht einleiten zu können. Nach einer beiläufigen, aber erwartbaren Erwähnung des Plagiat-Skandals um Hegemanns Debüt „Axolotl Roadkill“ von vor neun Jahren stellt die Moderatorin Mirjam Kid eine ähnlich naheliegende Frage: In welchem Wohnungstyp Hegemann wohl selbst am liebsten wohnen würde – Zelt, Plattenbau oder Bungalow? Auf dieses wie jenes reagiert die Autorin müde bis gelangweilt. Ähnliche Fragen muss sie bereits hundertfach gehört haben. Sie antwortet schließlich: „Plattenbau. Bungalow wäre zu offensichtlich.“

Dennoch überrascht die Wahl nicht, lebt doch auch Charlie, die etwa zwölfjährige Protagonistin des Romans, in einer trostlosen Mietskaserne, die sich an weitere ihrer Art anschließt. Im Innenhof dagegen ein riskanter Kontrast. Hier finden sich die Bungalows, in denen die Wohlhabenden leben. Ein soziales Experiment aus den Fünfzigerjahren, dass ein Zusammenleben zwischen arm und reich fördern sollte. In der Theorie. In der Praxis wird der Blick hinunter zu Charlies fokalem Sehnsuchtspunkt nach einem besseren Leben. Denn sie lebt nicht nur in ärmlichen Verhältnissen, auch bleiben ihr die familiäre Geborgenheit und Liebe verwehrt. Der Vater abwesend, die Mutter eine psychisch angeknackste Alkoholikerin, die für ihre Tochter vor allem eins ist: unberechenbar.

Die erste Passage, die Hegemann vorliest, beschreibt den zentralen Konflikt des Romans zwischen Mutter und Tochter mit aller Brutalität. Während die Mutter zugedröhnt auf dem Sofa liegt, mimt sie die Tote so realistisch, dass die zehnjährige Charlie sich ihr nähern muss, um ihre Lebenszeichen zu überprüfen. Charlie, die manchmal, wenn sie Glück hat, ein Mittagessen von den Nachbarn bekommt, unternimmt ihr Möglichstes, um ihre Mutter wieder zum Leben zu erwecken. Diese wankt schließlich durch die Wohnung, schmeißt Flaschen um und trampelt auf den Scherben herum. Bisweilen zeigt sie Anzeichen von Schizophrenie, wenn Stimmen ihr Befehlen, die Tochter mit einem heißen Bügeleisen zu foltern. Dennoch bleibt sie die einzige, die Charlie Trost spenden kann und das einfach nur, weil sie da ist, weil sie ihre Mutter ist.

Während Hegemann Szenen von brutaler Härte und Vernachlässigung vorträgt, kommuniziert sie durch Stimme und Körperhaltung eine überspitzte Gleichgültigkeit, die beinahe einem Desinteresse am eigenen Text gleichkommt. Sie kratzt sich am Rücken, massiert sich den Nacken und unterbricht den Lesefluss plötzlich, um sich für ihre Krankheit zu entschuldigen. Ihr hohes Lesetempo, das zwischen den Sätzen keine Pausen lässt, paart sie mit dem Gestus der Abgebrühtheit, der den Underdog-Charakter der Protagonistin noch deutlicher herausstellt. Das Publikum folgt aufmerksam und wohlwollend, zeigt sich weniger entsetzt als amüsiert über den pointierten Text.

Die Protagonistin wird als eine Person beschrieben, der ihr Urvertrauen in der Kindheit durch ihre unberechenbare Mutter genommen wurde. Es ist das Gefühl, nicht ohne die Angst auf die Straße zu gehen, dass sich im nächsten Moment eine Falltür unter den eigenen Füßen öffnen könnte, so Hegemann. Zuflucht findet sie schließlich bei Georg und Maria, einem Schauspielerpaar, das in einem jener Bungalows im Innenhof wohnt. Georg und Maria sind keine Snobs, sondern Freaks, weshalb sich Charlie auch auf Anhieb bei ihnen wohlfühlt. Dort verbringt sie mehr und mehr Zeit, freundet sich mit ihnen an und – trotz des gewaltigen Altersunterschieds – verliebt sich schließlich in beide.

Kid kommentiert, dass in Hegemanns Werk die „Kaputten“, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen, die wichtigste Rolle zu spielen scheinen. Den Vorwurf kontert Hegemann mit einer Spitze: „Aber es kommt ja niemand klar auf sein Leben.“ Die Schlagfertigkeit wird vom Publikum mit amüsiertem Lachen belohnt. „Bungalow“, so legt die Autorin nach, sollte eben keine Geschichte von Losern werden, sondern im Gegenteil eine „Gewinnerstory“. Deshalb steht in diesem Roman auch das Arrangement mit dem eigenen Scheitern im Vordergrund. Statt das bisweilen kitschige Narrativ der Suche nach einem glücklichen Leben zu bedienen, müssen die Figuren Verlust und Ungenügen als die Bausteine der Welt akzeptieren.

Wem die Figuren und ihre Erlebnisse zu abgedreht sind, kann von Hegemann jedoch keine konzeptionelle Rechtfertigung erwarten. Sie plant Charaktere und Romane nicht vor, sagt sie, entwirft keine Steckbriefe und legt auch keine Fundkiste an, in der Inspirationen gesammelt werden. Stattdessen lässt sie sich von ihrer Intuition und der Überzeugung leiten, dass die brauchbarsten Ideen am Ende auch die hartnäckigsten sind und über das größte Potenzial verfügen. „Politischer bist du aber doch geworden“, fragt Mirjam Kid darauf. „Ja“, sagt Hegemann, „merkt man doch, ne?“ Schließlich werden im Roman nicht nur die soziale Ungerechtigkeit behandelt, sondern auch ökologische Krisen wie das rätselhafte Tiersterben in der Stadt beschreibt und nicht zuletzt die Anzeichen eines sich ankündigenden Krieges.

Zum Abschluss der Lesung fragt Kid nur allzu verständlich, ob Hegemann sich denn selbst gesellschaftlich bedroht fühle. „Ja klar“, gibt diese zurück, „macht ja auch Spaß. Geht's dir denn auch so?“ Kid: „Ja, mir auch. Spätestens nach diesem Buch.“

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