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Die Aula am Wilhelmsplatz ist bis auf den letzten Stuhl besetzt, die Stuhlreihen sind so gestellt, dass die erste Reihe fast im Orchester sitzt. Kein Wunder, dass so viele Menschen das Konzert der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen erleben wollten, denn das Programm ist spektakulär und verspricht einen turbulenten Konzertabend, aus dem man garantiert nicht ohne Ohrwürmer entkommen wird.

Die ersten Klänge des Abends bestehen aus einer fanfarenartigen Einführung von Blechbläser- und Streichergruppe. Wer weit vorne sitzt und vorher drohte, von frühabendlicher Müdigkeit übermannt zu werden, ist danach garantiert wach. Verspielte Rhythmen und die melodiösen Anleihen aus mexikanischer Volksmusik führen ein in die Stimmung Mexikos, wie sie der Komponist Aaron Copland (1900-1990) zu Beginn der 1930er erlebte. Musikalisch inspiriert wurde der amerikanische Komponist von seinem Aufenthalt in dem Nachtclub El Salón Méxiko, nach dem er sein sinfonisches Stück auch benannte. Diese moderne Komposition birgt einige Schwierigkeiten, vor allem die Dissonanzen und komplexe Rhythmik sind hier zu benennen. In großen Teilen gelingt es dem Orchester, trotz dieser Schwierigkeiten einen komplexen und zusammenhängenden Klang zu erzielen, vor allem wegen des präzisen Dirigates Piero Lombardis. Doch immer wieder zwischendurch wackeln die klanglichen Brücken, und die Dissonanzen wirken teils unentschlossen, was der zu vermittelnden überschwänglichen Grundstimmung nicht zugute kommt.

Ganz anders hingegen verhält es sich mit der Darbietung der Ballettsuite Der Feuervogel von Igor Stravinsky (1882-1971), die in Auszügen gespielt wird. Violinen spielen gedämpfte wellenartige Melodien, die Kontrabässe zupfen die Melodie unisono mit, bis sich Bläser und Harfe in dieses düstere und bedrohliche Klangszenario mit einmischen – der Feuervogel betritt die Bühne! Oder zumindest täte er das im Ballett, aber das Orchester vermag es auch klanglich, das Szenario vor dem inneren Auge lebendig werden zu lassen, obwohl der stete klangliche Aufbau im Piano-Bereich eine anspruchsvolle Herausforderung ist. Auch die virtuosen Parts gelingen souverän, sowohl das orchestrale Zusammenspiel als auch die herausstechenden solistischen Instrumente. Besonders das Finale findet eine gute Balance zwischen dem Schwelgen in verträumten Melodien und heroischen Tremoli, die in einem großen Schluss münden.

Nach der Pause dann der Höhepunkt des Konzerts: Ohne Frage, die Konzertbesucherinnen und -besucher kennen den Komponisten Antonín Dvořák (1841-1904). Wenn nicht den Namen, dann zumindest die Sinfonie Nr. 9 in e-Moll, namentlich Aus der Neuen Welt. Schon zu Beginn des ersten Satzes wird deutlich, dass das Orchester viel Freude an der Ausgestaltung der bekannten Melodien hat, man schaut in viele erfreute Gesichter. Das Spiel wirkt deutlich autonomer als bei den zwei vorangegangenen Stücken, was sich auch an dem freieren und nur noch richtungsweisendem Dirigat Lombardis erkennen lässt. Nach einem gefühlvollen zweiten und verspielten dritten Satz dann das große Finale des Konzertabends, auf das Musikerinnen und Musiker sowie das Publikum wohl gleichermaßen hin fiebern. Hier werden nochmal alle Motive der ersten drei Sätze wiederholt und miteinander verquickt, bis das Hauptthema ein letztes Mal in Fortissimo erklingt, bevor die Bläser die Akkorde sanft ausklingen lassen.

Auch wenn die musikalische Gestaltung durchaus überzeugt, gibt es einen Wehrmutstropfen, der das Hörvergnügen zumindest für die Zuhörerinnen und Zuhörer in den ersten Reihen schmälert. Dadurch, dass die Bestuhlung quasi im Orchester abschließt, ist teilweise nur eine Stimmgruppe zu hören, dafür aber exorbitant laut – von ausgewogenem Gesamtklang konnte hier teilweise durch die akustischen Bedingungen keine Rede sein. Schade, weil die tolle Leistung des Orchesters durch die gegebene Sitzsituation nicht von allen gleichermaßen genossen werden konnte.

Nichtsdestotrotz gibt es viel Applaus für die Akademische Orchestervereinigung – eine Zugabe hingegen nicht.

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