Deutsches Theater

In der Heilquelle dümpeln gefährliche Bakterien. Es sieht nicht gut aus für den prosperierenden Kurort und seine Gewinnspekulanten, die sich gerade noch in kapitaler Aufbruchstimmung wähnten. Aber noch geht es auf der Bühne fast euphorisch zu. Kurarzt Tomas Stockmann genießt die Tatsache, dass er mit seinen Vermutungen richtig gelegen hat und sein Bruder Peter als Stadtvorsteher und Vorsitzender der Kulturverwaltung beim Bau der Heilanlage mal wieder geknausert hat. Mit so einem Skandal lässt sich natürlich auch politisch einiges an Aufruhr anrichten, gegen die kommunalen Netzwerker und ihre Seilschaften. Doch es lauert noch einiges mehr an zerstörerischen Unruheherden in Henrik Ibsens Schauspiel „Ein Volksfeind“ und auch in der Inszenierung von Gerhart Willert, der dieses kleinstädtische Gesellschaftspanorama am Deutschen Theater sondiert und seziert hat.

Der Skandal um die schadstoffverseuchte Heilquelle hat offenbar beflügelnde Wirkung, so wie Gabriel von Berlepsch als couragierter Badearzt ganz aufgeregt von einer großen Entdeckung schwärmt, die er jetzt unbedingt an die Öffentlichkeit bringen muss. Damit trifft er bei Marco Matthes als wachsamem Vertreter bürokratischer Maßeinheiten natürlich auf massiven Widerstand. Der Bruderzwist zwischen dem idealistischen Aufrührer und dem berechnenden Pragmatiker hat eine lange Vorgeschichte, die bis in das biblische Duell zwischen Kain und Abel zurück reicht. Es geht immer noch um das Kräftemessen, den Wettbewerbsvorteil und die Macht, die nur einer haben kann, nun eben unter kapitalistischen Verhältnissen, in denen die Fähigkeit lukrativ zu schachern zur Grundausstattung für ein erfolgreiches Standing gehört. Diese Spielregeln hat Willert auch bei seiner Inszenierung im Blick und korrespondiert darin auch mit Ibsens Anamnese eines Systems, in dem sich demokratischen Vereinbarungen vor allem profitabel rechnen lassen müssen.

Noch hat es allerdings den Anschein, als ob sich mit einem so kompromisslos leidenschaftlichen Wortführer wie dem Badearzt ganz neue Rechnungen aufmachen lassen. Für einen empörten öffentlichen Aufschrei macht sich Christoph Türkay als Redakteur des liberalen „Volksboten“ gerne stark, weil das neben den potentiellen Lesern auch den Umsatz wieder antreibt. Sein Hovstad kann sich als Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen nun endlich mal als Meinungsmacher profilieren, der die kommunalen Seilschaften und diesen Sumpf des Gemeinwesens an den Pranger stellt. Reporter Billings (Florian Donath) jongliert noch mit möglichen Karriereoptionen, kommt aber jederzeit für eine gute Schlagzeile in Frage. Buchdrucker Aslaksen (Gregor Schleuning), hat als Vorsitzender des Hausbesitzervereins noch ganz andere Interessen im Blick und möchte den öffentlichen Aufruhr lieber etwas sachlicher abwickeln, auf das es so vielleicht zu Veränderungen in der kommunalen Entscheidungshierarchie kommt.

Hoch rotieren die transparenten Wände im Bühnenbild von Alexandra Pitz und umkreisen die Schauplätze im Sinne eines geschlossenen Systems, das jetzt vorübergehend aufbricht. Zunächst für Einblicke in die Stockmannsche Familiengemeinschaft mit Ehefrau Katrine (Judith Strößenreuther) und Tochter Petra (Katharina Müller) und dann für die strategischen Manöver in der Redaktionsenklave. Die entscheidenden Wortgefechte finden allerdings auf der Vorbühne statt, fast wie hinter verschlossenen Türen oder im heimlichen Abseits, während hinter den Wänden die Lauscher schattenhaft verweilen.

Stadtvorsteher Stockmann hat längst die entscheidende Rechnung aufgestellt. Der Skandal kann gar nicht öffentlich gemacht werden, weil die Stadt sonst ihre entscheidende Einnahmequelle verliert. Für eine mögliche Sanierung würden wenn überhaupt natürlich die Bürger zur Kasse gebeten. Schon verstummen die Solidarstimmen an der Seite des brüderlichen Aufrührers und das alarmierende Gutachten ist vom Tisch. Dem Badearzt droht die Entlassung und sein Versuch die öffentliche Meinung in einer Bürgerversammlung aufzurütteln scheitert unter wütenden Protesten und nach einer radikalen Kampfansage gegen eine vergiftete Gesellschaft, die am besten ausgerottet gehört.
Gabriel von Berlepsch demonstriert hier die andere Seite eines Weltverbesserers. Ein wütender Agitator zeigt seine böse Fratze und wie er sich künftig allen demokratischen Entscheidungsprozessen verweigern wird, die diese Verhältnisse legitimieren. und sich seinen Ansichten und Erkenntnissen mit der Forderung nach absoluter Wahrheit entgegenstellen.

Erneut rotieren die transparenten Wände um die Existenz des Badearztes, die jetzt endgültig in Trümmern liegt. Sein Schwiegervater Morten Kiil (Nikolaus Kühn) hat den Absturz noch beschleunigt und sich nach dem Kursverfall die Aktienmehrheit über das Kurbad gesichert. Das wäre das Familienerbe für den vermeintlichen Volksfeind gewesen, der sich zwischen Scherben und Pflastersteinen bereits wieder eine Vision heraufbeschwört. Die Gründung einer Schule mit einem fortschrittlichen Erziehungsmodell und einer Familienenklave, in der unabhängig von Meinungs- und Mehrheitsverhältnissen ein neues Gesellschaftsmodell heranreifen soll.

Der Einzelkämpfer verschanzt sich auf seine Weise hinter der Machtfrage, für die sich Ibsens Kleinstadtgesellschaft als so korrumpierbar erweist. Dennoch verweigert sich Gerhard Willerts Inszenierung den klassischen Feindbildern mit diesem differenzierten Blick auf ein System, in dem die Partikularinteressen überwiegen, die ohne weiteres verhandelbar sind. Sie geht dann umso eindrücklicher der Frage, was dieses System mit den Menschen macht, die ständig um Mehrheiten, Besitzstände und Entscheidungshoheiten feilschen. Hinzu kommt die Angst, irgendwann doch auf der Verliererseite zu landen, die hinter all den Posen und Attitüden immer wieder durchschimmert, wenn die Schauspieler ihre Figuren maskenhaft erstarren lassen. Das klingt oft so vertraut, diese beschwichtigenden Phrasen, mit denen der Umweltskandal ummantelt wird, um eine Welle der Empörung auszulösen. Auch die scheinbar so pragmatische Entscheidungsfindung, die angeblich das Gemeinwohl im Sinn hat und die Ruhestörer ins Abseits verweist. Ibsens 1882 entstandenes Schauspiel mutet immer noch erschreckend aktuell an, schon allein mit Blick auf all die Politikerstatements und die inszenierten Positionskämpfe um Meinungen und Mehrheiten im täglichen Nachrichtenoutput. Auch in diesem Sinne macht dieser Theaterabend sein Publikum hellhörig für einen demokratischen Diskurs um Verhandlungs- und Entscheidungsspielräume, der dringend Verstärkung braucht. Von couragierten Ruhestörern und vor allem von Querdenkern, die die Verhältnisse immer wieder in Frage stellen.

Die nächsten Vorstellungen im Deutschen Theater Göttingen sind am 15.1., 18.1., 22.1., 20.2, 6.3., 28.3. und 15.4., jeweils um 19.45 Uhr.

 

 

 

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